Der erste animierte Langfilm der Kinogeschichte
Landläufig gilt Disneys Zeichentrickfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ als der erste abendfüllende Animationsfilm der Geschichte. Doch das stimmt nicht: Am 3. September 1926 – und damit elf Jahre vor Disney – brachte die deutsche Scherenschnitt-Künstlerin Lotte Reiniger mit „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ ein Silhouetten-Märchen aus 1001 Nacht in die deutschen Kinos und schrieb damit Filmgeschichte.
Für SWR Kultur Redakteur Dominic Konrad ist der Film auch nach 100 Jahren die schönste Art und Weise, die Märchen aus 1001 Nacht auf die Leinwand zu bringen: schlanke Minarette, filigran durchbrochene Ornamente und dazwischen Lotte Reinigers zartgliedrige schwarze Silhouettenfiguren. Prinzen, Prinzessinnen und ein fliegendes Pferd, aber auch Monster, finstere Zauberer und wilde Hexen bevölkern den Film.
Lotte Reiniger drehte den Film zwischen 1923 und 1926 in einem Atelier in Potsdam mit einem fünfköpfigen Team. Märchen im Allgemeinen waren das Lebensthema der Scherenschnitt-Künstlerin. Im Laufe ihrer Karriere drehte sie Filme über Dornröschen, Aschenputtel und Däumeline, aber auch über Mozarts „Zauberflöte“ und das altfranzösische Versepos „Aucassin und Nicolette“
Pionierin des deutschen Films
„Die Arbeit von Lotte Reiniger war wirklich absolute Pionierarbeit“, erklärt Dominic Konrad. „Sie war die allererste, die so etwas gemacht hat. Tatsächlich hat mit ihr die Silhouetten-Animation auch ihren Höhepunkt erreicht.“
Der Stummfilmstar Paul Wegener entdeckte Lotte Reiniger und verpflichtete sie als Gestalterin der Zwischentitel für seinen Film „Rübezahls Hochzeit“. Ihre erste Animation erstellte sie 1918 für den Wegener-Film „Der Rattenfänger von Hameln“.
Aber auch mit anderen bedeutenden Regisseuren der Epoche arbeitete Lotte Reiniger zusammen: Für Fritz Lang animierte sie die Sequenz von Kriemhilds Traum in „Die Nibelungen“, Georg Wilhelm Pabst verpflichtete sie für seinen „Don Quichotte“, Jean Renoir für „La Marseillaise“.
Ein Meisterwerk, das die Wiederentdeckung lohnt
24 Bilder pro Filmsekunde müssen Reiniger und ihr Team aufnehmen, um das menschliche Auge zu täuschen und die Illusion einer Bewegung zu erzeugen. Rund 250.000 Aufnahmen werden für den „Achmed“ angefertigt, in den finalen 66-minütigen Film schaffen es davon nur 96.000.
Auch wenn Lotte Reinigers Film und ihre Scherenschnittkunst international für Aufsehen sorgt, bleibt es ihr einziger Langfilm. Zu aufwändig und teuer ist diese Art der Animation, zudem wird sie von den technischen Entwicklungen überholt: 1928 erscheint der erste Tonfilm, 1932 veröffentlicht Walt Disney mit „Flowers and Trees“ den ersten farbigen Zeichentrickfilm, fünf Jahre später setzt „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ einen neuen Standard für Animation im Kino.
Dennoch hat in den vergangenen Jahren die Auseinandersetzung mit Lotte Reiniger und ihrem Werk wieder neu eingesetzt, erklärt Dominic Konrad. So wurde die Silhouettenfilmerin 2024 anlässlich ihres 125. Geburtstags posthum mit dem Annie Award, dem „Animations-Oscar“, geehrt.
Das Stadtmuseum Tübingen, wo der Nachlass der Künstlerin liegt, verzeichne in den letzten Jahren zunehmend Anfragen aus dem Ausland, insbesondere aus den USA und dem europäischen Raum. „Sie als Person wird heute wieder komplett neu entdeckt: eine Künstlerin, die Pionierarbeit geleistet hat für den Film an sich und für die Animation“, resümiert Dominic Konrad, „und dieser Film ist einfach zeitlos schön.“
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