Studio Ghibli ohne Joe Hisaishi? Undenkbar!
Höflich lächelnd, unaufgeregt und dennoch mit höchster Konzentration und Ernsthaftigkeit: So wirkt Joe Hisaishi, wenn er das Dirigentenpult betritt. Kaum möchte man glauben, dass dieser so unscheinbare wie unaufgeregte Japaner zu den beliebtesten und wirkungskräftigsten Filmkomponisten unserer Tage gehört.
Als vor 25 Jahren mit dem Oscar für „Chihiros Reise ins Zauberland“ die Filme von Studio Ghibli international immer mehr Beachtung erfuhren, war es nicht von ungefähr auch Hisaishis Musik, die das Publikum in ihren Bann zog. Wir stellen fünf unvergessliche Werke vor:
- Kindliche Freude an der Musik: Mein Nachbar Totoro
- Stille als Stilmittel: Prinzessin Mononoke
- Die Musik kindlicher Unsicherheit: Chihiros Reise ins Zauberland
- Melancholie im Walzertakt: Das wandelnde Schloss
- Reduktion des Unsagbaren: Der Junge und der Reiher
„Der John Williams Japans”
In seinem Studium in den 1970er-Jahren beschäftigte sich Joe Hisaishi, der mit bürgerlichem Namen Mamoru Fujisawa heißt, sowohl mit traditioneller japanischer Musik als auch mit europäischer Klassik. Besonders begeisterte er sich für die neue Strömung der Minimal Music um Steve Reich, Terry Riley und Philip Glass, die an die Prinzipien der musikalischen Avantgarde der Nachkriegszeit anknüpften.
Nach dem Studium machte sich Hisaishi einen Namen als Komponist im Anime-Bereich. 1983 erhielt er den Auftrag, Musik für ein Promo-Album zu Hayao Miyazakis neuem Film „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ zu produzieren, schließlich verantwortete er die komplette Filmmusik.
„Nausicaä“ begeisterte Publikum und Kritiker, Miyazaki gründete gemeinsam mit seinem Regie-Kollegen Isao Takahata und Produzent Toshio Suzuki das Filmstudio Ghibli. Seither ist Hisaishi der Komponist hinter allen Filmen Hayao Miyazakis. Gerne wird ihre kreative Zusammenarbeit mit der von Steven Spielberg und John Williams verglichen.
Mehr als „nur“ Zeichentrick
Auch neben seiner Arbeit für Studio Ghibli komponierte Hisaishi erfolgreich Filmmusiken. Mehrfach arbeitete er mit Regisseur und Schauspieler Takeshi Kitano zusammen, unter anderem für seine Filme „Sonatine“ und „Hana-Bi“. Auch für Yōjirō Takitas Oscar-prämierten Film „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ über einen gescheiterten Cellisten, der zum Bestatter umschult, verantwortete Hisaishi die Filmmusik.
In den letzten Jahren widmet sich Hisaishi auch wieder verstärkt seiner großen Leidenschaft, der Klassik. Im Juli 2026 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra die Weltersteinspielung seiner dritten Sinfonie „Metaphysica“ und eines neuen Harfenkonzerts, das er für den Harfenisten Emmanuel Ceysson komponiert hat.
Kindliche Freude an der Musik: Mein Nachbar Totoro
„Mein Nachbar Totoro“ war 1988 der zweite Film, den Hayao Miyazaki unter dem Dach von Studio Ghibli veröffentlichte, und seine dritte Zusammenarbeit mit Joe Hisaishi. Er wurde zu einem der wohl kulturell prägendsten Filme Japans des 20. Jahrhunderts. Die Hauptfigur Totoro, ein großer, bärenartiger Waldgeist, ist heute das Maskottchen des berühmten Filmstudios.
Im Mittelpunkt des Films stehen die Schwestern Satsuki und Mei. Beide ziehen mit ihrem Vater aus der Stadt aufs Land, um näher bei ihrer Mutter zu sein, die wegen einer schweren Krankheit im Krankenhaus liegt. Im alten Haus am Waldrand, wo die Familie künftig lebt, machen die Schwestern Bekanntschaft mit Rußkobolden, Waldgeistern und einem fliegenden Katzenbus.
Hisaishi untermalt die Geschichte mit einer spielerischen, kinderliedartigen Melodie, die als Leitmotiv immer wieder Leichtigkeit in die kindlich-nostalgische Handlung des Films bringt. Gleichzeitig verortet er die Musik unverwechselbar auch im asiatischen Raum, indem er sich an der Pentatonik traditioneller asiatischer Musik orientiert.
Stille als Stilmittel: Prinzessin Mononoke
Wütende Naturgötter, sogenannte Kami, und rasselnde Geisterwesen bevölkern die unendlichen Wälder in „Prinzessin Mononoke“. Der Film von 1997, der vielen Fans als einer der Höhepunkte im Schaffen von Hayao Miyazaki gilt, ist eine Liebeserklärung an die Natur und ein leidenschaftlicher Appell für ihre Bewahrung.
Eine derartig majestätische Kulisse erfordert einen entsprechenden Soundtrack. Und Joe Hisaishi lieferte Musik von Wagnerscher Dramatik: grollende Bläser, sehnsüchtig aufwallende Streicher und im Finale die zauberhafte Einfachheit des Pianos.
Eine solche Musik könnte den Zuschauer schnell überfordern. Tut sie aber nicht, denn Miyazaki und Hisaishi setzen in „Prinzessin Mononoke“ Musik nur ein, wenn sie notwendig ist. Ansonsten stehen die beeindruckenden Bilder für sich. Dahinter steht das japanische Konzept ma (間).
Das Wort bedeutet so viel wie „Zwischenraum“ und meint die bewusst gesetzte Auslassung zwischen zwei Elementen, etwa in der Kunst oder Architektur. So wird die Stille zwischen der Musik mit besonderer Bedeutung aufgeladen – und die Musik wirkt umso mehr.
Die Musik kindlicher Unsicherheit: Chihiros Reise ins Zauberland
Galt Studio Ghibli schon in den 1990er-Jahren unter Kennern als die bemerkenswerte Filmschmiede, als die sie heute allgemein bekannt ist, war spätestens „Chihiros Reise ins Zauberland“ der Film, der das Studio an die Weltspitze katapultierte.
15 Jahre lang hielt „Chihiro“ den Titel als erfolgreichster Anime-Kinofilm aller Zeiten. 2002 wurde der Film unter anderem mit dem Goldenen Bären der Berlinale, dem Japanese Academy Award und dem Oscar als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Hayao Miyazaki wurde zum international gefeierten Künstler.
Der Film folgt der jungen Chihiro, die mit ihren Eltern in eine neue Stadt ziehen soll. Doch als die Eltern in einer Garküche Halt machen und dort essen, werden sie in Schweine verwandelt. Chihiro findet sich in der Geisterwelt wieder: Die Hexe Yubaba raubt ihr ihren Namen und lässt sie für sich arbeiten – in ihrem Badehaus für Geisterwesen.
Das sehnsuchtsvoll-unschuldige Leitmotiv des Films, „Ano natsu e“ („In jenem Sommer“), taucht in Joe Hisaishis Soundtrack immer wieder auf, mal als einfache Wiederholung, mal mit leichten Abwandlungen. Hisaishi löst das Stück nicht strikt nach Dur oder Moll auf, es wirkt traurig und hoffnungsvoll zugleich und wird so zur Chiffre für Chihiros Unsicherheit, die Veränderung und den Schmerz des Erwachsenwerdens.
Melancholie im Walzertakt: Das wandelnde Schloss
2004 verfilmte Hayao Miyazaki Diana Wynne Jones’ Jugendbuch „Sophie im Schloss des Zauberers“. Im Deutschen erschien er unter dem Titel „Das wandelnde Schloss“.
Die junge Hutmacherin Sophie wird von einer Hexe mit einem Fluch belegt, der sie in eine 90-Jährige verwandelt. Auf der Suche nach Unterschlupf erreicht sie das wandelnde Schloss des Zauberers Howl. Dort findet sie Anstellung als Haushälterin und entdeckt, dass Howl, während er versucht, einen sinnlosen Krieg zu beenden, seine eigene Verwandlung in ein Ungeheuer zu verhindern sucht.
Verpasste Chancen, Mutlosigkeit und das Streben nach Freiheit sind zentrale Themen in Miyazakis Film. Diese melancholische Grundstimmung hat Joe Hisaishi in seiner bis heute erfolgreichsten Filmmusik auf den Punkt gebracht. Allem voran im Walzer „Merry-Go-Round of Life“.
Hisaishi wiegt das im klassisch-romantischen Dreivierteltakt, zunächst allein auf dem Klavier (das der Komponist selbst für den Soundtrack einspielte), schließlich mit satter Orchesterbegleitung. Eine Melodie, die zugleich nostalgisch-rührselig wirkt und der doch der Zauber des Neuen innewohnt.
Reduktion des Unsagbaren: Der Junge und der Reiher
Nach der Veröffentlichung von „Wie der Wind sich hebt“ hatte Hayao Miyazaki im September 2013 das Ende seiner Karriere bekanntgegeben. Entsprechend groß war die Aufregung, als der neue Film bekannt wurde: Sieben Jahre arbeitete Miyazaki an „Der Junge und der Reiher“.
Der Film folgt dem jungen Mahito, der nach dem Tod seiner Mutter zu seinem Vater und dessen neuer Frau aufs Land zieht. Auf dem Anwesen seines Vaters wird er auf einen merkwürdigen Reiher aufmerksam, der sich als Tengu, ein fliegender Dämon der japanischen Folklore, herausstellt. Dieser führt Mahito in eine Zwischenwelt, wo er auf seine tote Mutter zu treffen hofft und sich kriegshungrigen Vögeln in den Weg stellen muss.
Viele Kritiker sahen im Film des nunmehr 82-jährigen Hayao Miyazaki ein philosophisches Alterswerk voller schillernder Traumwelten. Doch anstatt diese Welten, wie in früheren Jahren, mit seiner grandiosen Orchestermusik zu untermalen, setzt Joe Hisaishi auf leise Töne: reduzierte Pianomotive, sparsame Streicher und schwebende Harmonien.
Im Fokus steht nicht Mahitos Abenteuer, die Musik konzentriert sich auf sein fragiles Wesen, die unverarbeiteten Kriegstraumata und unsagbare Trauer. Nur dann, wenn der Film ins Fantastische übergeht, setzt Hisaishi bewusst orchestrale Ausbrüche.
Auch wenn die Musik zu „Der Junge und der Reiher“ deutlich andere Akzente setzt als bei vorigen Ghibli-Filmen, bleibt Joe Hisaishi letztlich auch hier der Vision Hayao Miyazakis treu: Die Lösung findet sich nicht in einem Bombastfinale, sondern in den klingenden Impressionen auf dem Weg dorthin – und den stillen Momenten dazwischen.