Wie kann man Wagner heute hören?

Start der 150. Bayreuther Festspiele – Festakt mit Beethoven, Bundeskanzler und Michel Friedman

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Stand

Am Eröffnungswochenende der 150. Bayreuther Festspiele gab es einen Festakt mit Beethovens neunter Sinfonie unter der Leitung von Christian Thielemann.

Am Sonntag war dann ein Frühwerk Wagners erstmals in Bayreuth zu hören: die Oper „Rienzi“ in der Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die musikalische Leitung hatte die französische Dirigentin Nathalie Stutzmann.

Und der Skandal der Festspielsaison wurde ebenfalls abgearbeitet. Nach Aus- und dann Wiedereinladung hielt Michel Friedman in der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ seine Rede über den Antisemitismus in der Geschichte der Bayreuther Festspiele und deren Verstrickung in die finsteren Zeiten der deutschen Geschichte.

Es war ein dicht gepacktes Eröffnungswochenende der Bayreuther Festspiele, in diesem Jahr aus Anlass des 150. Geburtstages, auch etwas anders und erweitert. Ein Festakt sollte die Geschichte der Bayreuther Festspiele würdigen. Im Zentrum: Beethovens 9. Sinfonie mit Chor und Orchester der Bayreuther Festspiel unter der Leitung von Christian Thielemann. Ein Werk, das Wagner selbst einst zur Grundsteinlegung des Festspielhaus dirigierte. Das war eine etwas pathetisch breit geratene Aufführung, die in manchem an Thielemanns Vorbild Wilhelm Furtwängler erinnerte, der die Sinfonie ebenfalls zur Wiedereröffnung der Festspiele nach dem zweiten Weltkrieg 1951 im Festspielhaus leitete. Die alles überragende Rede hielt Bundeskanzler Friedrich Merz. Eine kritisch mit Thomas Mann reflektierende Rede über das schwierige Verhältnis von Deutschland und Richard Wagner, wie man das durchaus auch problematische Werk, die zwiespältige Geschichte der Festspiele und ihre politischen Verstrickungen im Nationalsozialismus als Identität erleben kann: Genießend, aber mit kritischem Verstand. Da war dann die eigentliche Festrede von Wagners Urenkelin Nike eine irritierend dynastische Ansprache, die die Festspiele immer noch als ein privates Familienunternehmen begreifen möchte. Wenn gleich die Zuwendungen der öffentlichen Hand eigentlich auch eine solche öffentliche Mitbestimmung in Sachen künstlerischer Auseinandersetzung verlangt, insistiert die Nachfahrin des Komponisten fast nach monarchischem Prinzip auf der Beteiligung der Familie. Familientheater eben.

Eine kämpferische Ansprache für die Demokratie

Dann hielt man nächsten Morgen Michel Friedmann seine mit Spannung erwartete Rede, die zur eigentlichen Haupt- und Staatsaktion aufgrund des peinlichen Hin und Her der Festspiele um seine Aus- und Wiedereinladung. Es war, wie zu erwarten, eine kämpferisch leidenschaftliche Rede gegen Antisemitismus, Hass und die antidemokratischen Gesinnungen der AfD. Eine Aufforderung, kämpferisch für die demokratische Freiheit einzustehen. Bayreuth selbst spielte mit seinen historischen Belastungen da ab und an mit hinein, das Motto „Verstummte Stimmen“ als Gedenkveranstaltung für die von den Nazis verfolgten, unterdrücken und ermordeten jüdischen Künstlerinnen und Künstler wurde allenfalls im historischen Kontext gestreift. Da wirkte die Musik jüdischer und unterdrückter Komponisten wie Pavel Haas und Gustav Mahler dann doch eher wie eine Applikation.

Passend war dann aber am Nachmittag die bei den Festspielen erstmalige und wohl auch letztmalige Aufführung von Wagners schwierigem Frühwerk „Rienzi“ über den Aufstieg und Fall eines vom Volk geliebten Friedenspolitikers, dessen Größenwahn zur Abkehr der Bewunderung und zu seinem Untergang führt. Für die beiden Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka spielt es keine so große Rolle, dass die Oper angeblich und bislang unbelegt Hitlers Lieblingsoper aus der Hand Wagners gewesen sein soll. Sie inszenierten stattdessen eine klug gemachte, intensive Auseinandersetzung mit den populistischen Tendenzen als Dystopie einer nicht allzu fernen Zukunft.

Das Drama des Populismus

Eine großartige Architektur errichtet auf der Bühne eine Stadtlandschaft mit aus dem Boden wachsenden Hochhäusern und einer Agora für die politischen Massendemonstrationen des herausragenden Festspielchors. In diesem modernen Rom versucht Rienzi streitende Bürgergruppen miteinander zu versöhnen und überschätzt sich maßlos. Warum er sich dazu berufen fühlt, lässt Wagner in seiner Oper ziemlich in der Schwebe. Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka greifen das am Ende in der Oper zu Tage tretende Motiv einer inzestuösen Beziehung Rienzis zu seiner Schwester Irene bereits in der Ouvertüre auf. Das gemeinsame Kind stirbt früh und der verzweifelnde Künstlertyp des Rienzi wendet sich wie in einer Sublimation der Öffentlichkeit zu. Er befreit sich aus den intimen Räumen seiner Hochhauswohnung, textet fortan gewaltige Reden in der Öffentlichkeit und überschätzt seine Visionen bis hin zum Machtmissbrauch. Andreas Schager singt ihn entsprechend. Die Dauerhöhe der Stimmführung fordert Kraft, die Schager allerdings noch einmal mit Druck, nicht immer ganz sauber und mit viel Vibrato noch verschärft. Wagner distanzierte sich von seinem Frühwerk, das er als „Schreihals“ bezeichnete. In Bayreuth kann man ihn hören.

Das zwiespältig Frühe

Ein von französischem und italienischem Stil der Grand Opéra geprägtes Frühwerk verlangt nicht unbedingt die typischen Wagnerstimmen. Gabriela Scherer in der Partie der Irene und Jennifer Holloway als ihr aus dem Gegnerhaus der Colonna stammender Geliebter Adrianno, der hier keine Hosenrolle ist, sondern in weiblicher Identität verbleibt, verfügen über Stimmen, die angemessen für das Spätere bei Wagner sind. Auch die Gegenspieler Colonna und Orsini sind mit Andreas Bauer Kanabas und Michael Nagy mit gegenwärtig exzellenten Wagnersängern besetzt. Das Festspielorchester spielt unter der enthusiastischen Führung von Nathalie Stutzmann diese Musik der Aufmärsche, der pathetisch-politischen Aufwallungen, des Kriegs und des zu Wagners Zeit allgegenwärtigen Napoleonismus – ursprünglich war dieses Werk für Paris gedacht – mit entsprechender Verve. Das wirkt auf die lange Dauer der Oper gesehen allerdings auch ermüdend. Ein Lichtblick ist dabei die Gestaltung der hohl tönenden Ballettmusik bei Rienzis Friedensfeier: ein selbstreferentieller, slapstickartig inszenierter Schnelldurchgang durch das folgende Gesamtwerk Wagners auf einer Bühne auf der Bühne, die bis in die parodierten Pausenrituale das Haus und die Festspiele selbst aufs Korn nimmt. Alles angeleitet von einer lebendig gewordenen Skulptur des durch den Künster Othmar Hoerl vergoldeten Wagner als Kinderspaß. Dieses Divertissement war absolut notwendig bei einem Werk, das aufgrund seiner ambivalenten musikalischen Qualität eigentlich keiner Wiederbelebung im Rahmen der Bayreuther Festspiele bedarf. Das ist zu didaktisch gedacht, um sehen und hören zu können, woher das stammt, was Wagner später ab dem „Fliegenden Holländer“ besser gemacht hat. Das Publikum meinte es aber anders: solch tosender, geradezu entfesselt trampelnden Applaus gab es schon lange nicht mehr in Bayreuth.

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Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Martin Gramlich
Martin Gramlich, SWR Kultur Moderator
Interview mit
Bernd Künzig
Bernd Künzig, Team SWR Kultur