SWR2 Wissen | Archivradio-Gespräch

Die Frauenbewegung – Vom Wahlrecht bis zur feministischen Außenpolitik

Lukas Meyer-Blankenburg im Gespräch mit der Historikerin Hedwig Richter

Teilen

Stand

Seit 1918 dürfen auch Frauen in Deutschland wählen. Im Nachkriegsdeutschland mussten sie die Gleichberechtigung im Grundgesetz oder auch die Unabhängigkeit vom Ehemann hart erkämpfen. Auch der Kampf um sexuelle Selbstbestimmung in den 1970er-Jahren – mit prägenden Frauen wie Alice Schwarzer – war maßgeblich feministisch motiviert.

Doch die Metoo-Debatte zeigt: Die Frauenbewegung hat ihre Ziele noch nicht erreicht. Auch in Leitungspositionen sind Frauen unterrepräsentiert. Eine Geschichte des Feminismus mit vielen historischen Tonaufnahmen.

Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, befasst sich seit Langem mit der deutschen Frauenbewegung – vom Kaiserreich bis zur Klima-Aktivistin. Ihr Sachbuch "Demokratie: Eine deutsche Affäre" wurde mehrfach ausgezeichnet. Aktuell forscht sie zur Geschichte der Hausfrau.

Frau mit Kleinkind auf dem Arm steht telefonierend am Herd, neben sich ein weiteres Kind: Die meisten Mütter wuppen Haushalt, Kinder und Beruf – eine enorme Leistung. Für ihre Männer bequem, für die Gesellschaft günstig. Die Hausfrau ist ein historisch junges Phänomen.

Gesellschaft Die Hausfrau – Was Care-Arbeit mit Kapitalismus zu tun hat

Die meisten Mütter wuppen Haushalt, Kinder und Beruf – eine enorme Leistung. Für ihre Männer bequem, für die Gesellschaft günstig. Die Hausfrau ist ein historisch junges Phänomen.

SWR2 Wissen SWR2

Junge Frau in Blümchenbluse und blauer Schürze rührt mit einem Holzlöffel in einer rosa Schüssel einen Kuchenteig an: Tradwife und Stayathomegirlfriend haben TikTok und Instagram erobert

Gesellschaft Traditionelles Frauenbild im Netz – Tradwife und Stayathomegirlfriend

Auf TikTok oder Instagram verbreiten sogenannte Tradwives, also "raditionelle Ehefrauen", die Botschaft: Nichts ist erfüllender für eine Frau, als für Mann und Kinder zu sorgen.

Das Wissen SWR Kultur

Clara Zetkin, aufgenommen während des Internationalen Kongresses für gesetzlichen Arbeitsschutz 1897 in Zürich  Schweiz. Die am 5. Juli 1857 in Wiederau geborene und am 20. Juni 1933 in Archangelskoje bei Moskau verstorbene Politikerin hatte den Internationalen Frauentag (von der SPD 1914 auf den 8. März festgelegt und nach mehrfachen Unterbrechungen 1980 wiederbelebt) 1911 initiiert.

Porträt Clara Zetkin – Vorkämpferin für Frauenrechte und Frieden

Clara Zetkin kämpfte für das Frauenwahlrecht und träumte von Sowjetdeutschland. Lenin war ihr Freund, Stalin trug ihren Sarg. Sie führte ein intensives Leben, ihre Politik wirkt bis heute.

SWR2 Wissen SWR2

Clara Zetkin um 1925

30.8.1932 Clara Zetkin träumt von "Sowjetdeutschland"

30.8.1932 | Die NSDAP ist nun stärkste Fraktion. Alterspräsidentin Clara Zetkin (KPD) spricht vom "zusammenbrechenden Kapitalismus". Hermann Göring (NSDAP) wird zum Parlamentspräsidenten gewählt.

Christabel Harriette Pankhurst (1880 - 1958), britische Sufragette (Foto um 1909)

18.12.1908 Christabel Pankhurst fordert das Frauenwahlrecht

18.12.1908 | Christabel Pankhurst war eine britische Suffragette. Mit öffentlichen Protesten, Verbalattacken auf ranghohe Politiker und Hungerstreiks setzte sie sich für Frauenrechte ein.

Marie Juchacz (1879 - 1956), deutsche Sozialreformerin, Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin (Foto, um 1930)

April 1928 Marie Juchacz: "Die Frau ist vollberechtigte Staatsbürgerin"

April 1928 | Marie Juchacz, Reichstagsabgeordnete der SPD und Sozialreformerin, war die erste Frau, die in der Weimarer Nationalversammlung eine Rede halten durfte. 1919 war das. Im selben Jahr war Marie Juchacz außerdem Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt. Die Rechte der Frauen waren ihr besonders wichtig. Schon früh erkannte sie die volkswirtschaftliche Bedeutung der Frau – als Arbeiterin, als Konsumentin und in der Sorgearbeit. In ihrer Rede vom April 1928, wenige Wochen vor der Reichstagswahl am 20. Mai, fordert sie deshalb die Männer auf, den Frauen mehr Beachtung zu schenken:
Als die Nazis an die Regierung kommen, emigriert Marie Juchacz erst ins Saargebiet, dann nach Frankreich und schließlich in die USA. Dort gründet sie die Arbeiterwohlfahrt der USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Marie Juchacz nach Deutschland zurück. Sie stirbt am 28. Januar 1956 in Düsseldorf.
W0113459

Undatierte Aufnahme der SPD-Politikerin Dr. Elisabeth Selbert (1896 - 1986): "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" – Im Januar 1949 wird dieser Artikel in den Entwurf für das neue Grundgesetz der Bundesrepublik aufgenommen. Dies ist vor allem das Verdienst von Elisabeth Selbert.

18.1.1949 Gleichberechtigung im Grundgesetz – dank Elisabeth Selbert

18.1.1949 | "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" – Im Januar 1949 wird dieser Artikel in den Entwurf für das neue Grundgesetz der Bundesrepublik aufgenommen. Dies ist vor allem das Verdienst der Sozialdemokratin Elisabeth Selbert.

Frauen im Rundfunk. Inge Meysel mit Hanns Lothar.

November 1955 Frauen im Rundfunk der 1950er

November 1955 | Susanne Delitz-Starker war von 1950 bis 1969 Personalchefin beim Südwestfunk und engagiert dabei, den Frauenanteil zu erhöhen, der 1955 bei gerade mal 28 Prozent lag. Frauen im Programm gab es damals nur wenige, und die wurden damals, wie das Interview vom November 1955 zeigt, vor allem im Frauenfunk beschäftigt.

Als erste Frau wurde Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) am 14. November 1961 durch den Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier (rechts) als Bundesministerin vereidigt. Sie wird das neu geschaffene Ministerium für Volksgesundheit leiten, das unter anderem Fragen der Reinhaltung des Wassers, der Luft und der Lärmbekämpfung zu bearbeiten hat. Vorn links Bundeskanzler Konrad Adenauer und Vizekanzler Ludwig Erhard.

7.1.1966 Erste Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt: "Ich wurde in die Politik gezogen"

7.1.1966 | Elisabeth Schwarzhaupt war die erste Bundesministerin der Bundesrepublik. 1961 ernannte Konrad Adenauer die CDU-Frau zum Gesundheitsminister, damals noch in der männlichen Form. Die zwölf Kanzlerjahre zuvor hatte Adenauer noch ohne Frau im Kabinett regiert. Und für Elisabeth Schwarzhaupt entschied er sich nur, weil Frauen der CDU mit einer Sitzblockade vor dem Kanzleramt für die Ministerin protestiert hatten. Elisabeth Schwarzhaupt berichtet im Interview mit dem Hessischen Rundfunk am 7. Januar 1966 von ihrem Werdegang – und betont, eher zufällig in die Politik geraten zu sein.

Der SDS-Bundesvorsitzende Karl Dietrich Wolff, SDS-Sprecher Hans Jürgen Krahl und der 2. Bundesvorsitzende Frank Wolff auf der 23. Ordentlichen Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes am 12.9.1968 in Frankfurt am Main

13.9.1968 Der SDS zerstreitet sich, die Frauen rebellieren

13.9.1968 | Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) zeigt sich auf seinem Bundeskongress extrem zerstritten. Die Frauen rebellieren und vermissen das Thema Emanzipation. Hier bahnt sich die Auflösung des SDS an, die 1970 endgültig erfolgen sollte. Gegründet worden war der Sozialistische Deutsche Studentenbund am 2. September 1946.

Frauen am Steuer sahen sich in den 1960er-Jahren vielen Vorurteilen ausgesetzt

12.9.1969 Frauen am Steuer: "Der 7. Sinn" lehrt Frauen das Autofahren

12.9.1969 | In den späten 1960er-Jahren strahlte die damals beliebte Fernsehsendung "Der 7. Sinn" ein ganz besonderes Lehrvideo zum Thema "Frauen am Steuer" aus, in dem auf die Gefahren durch Frauen im Straßenverkehr hingewiesen wird. An sexistischen Sprüchen mangelt es nicht in diesem Beitrag.

Die Abgeordnete der erstmals im Bundestag vertretenen Grünen, Waltraud Schoppe, während der konstituierenden Sitzung am 29. März 1983 im Bonner Bundestag am Rednerpult.

5.5.1983 Waltraud Schoppe über Sexismus im Bundestag

5.5.1983 | Im März 1983 ziehen die Grünen erstmals in den Bundestag ein und setzen für damalige Verhältnisse völlig neue Akzente – sowohl äußerlich als auch in den Themen, die sie ansprechen. Besonders deutlich wird das am 5. Mai 1983 in der Aussprache nach der Regierungserklärung von Bundeskanzler Helmut Kohl. Die niedersächsische Abgeordnete Waltraud Schoppe spricht in ihrer ersten Bundestagsrede zum Abtreibungsrecht und in dem Zusammenhang ganz allgemein über die patriarchalischen Strukturen in der deutschen Gesellschaft sowie speziell im Bundestag. Auf den Bänken der Union aber auch der FDP erntet sie dabei höhnisches Gelächter, so wie am Vortag schon ihre Parteifreundin Petra Kelly und deren Lebensgefährte Gert Bastian verspottet wurden. Darauf bezieht sich Schoppes erste Bemerkung. Ihre Rede gilt heute als wichtiger Moment innerhalb der Frauenbewegung.

Petra Kelly (Die Grünen) mit einem Blumengeschmückten Stahlhelm anlässlich einer Friedensdemo in Mutlangen im September 1983

21.6.1985 Petra Kelly – Aushängeschild der Grünen

21.6.1985 | Petra Kelly war die Ikone der deutschen Friedens- und Anti-Atombewegung. Eine Grüne der ersten Stunde. Gründungsmitglied der Partei, mehrere Jahre Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete bis 1990. Hier ein ausführliches Interview mit ihr aus der SDR-Sendung „Von Zehn bis Zwölf“. Petra Kelly im Gespräch mit Moderator Rüdiger Becker. – archivradio.de

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Bündnis90Grüne) hält am 1. März 2023 eine Rede bei der Vorstellung der Leitlinien zur Feministischen Außenpolitik im Weltsaal des Auswärtigen Amts

1.3.2023 Annalena Baerbock stellt ihre feministische Außenpolitik vor

1.3.2023 | Die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock ist die erste Außenministerin Deutschlands. Sie hat immer wieder betont, die Perspektive von Frauen in Gesellschaft und Politik stärker zu beachten – zum Beispiel, wenn es um die Situation speziell von Frauen und Mädchen in Kriegsgebieten geht. Am 1. März 2023 stellt Annalena Baerbock im Auswärtigen Amt ihre Leitlinien für eine feministische Außenpolitik vor. Als Vorreiterin für dieses Konzept gilt die schwedische Außenministerin Margot Wallström, sie prägte die Bezeichnung 2014. Im Wesentlichen geht es darum, Rechte, Ressourcen und Repräsentanz von Frauen und Mädchen weltweit zu stärken und gesellschaftliche Diversität zu fördern.