Prof. Dr. Dirk Baier ist Kriminologie an der Universität Zürich. Er leitet außerdem das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Davor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover.
SWR Aktuell: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen, warum Menschen Intensivstraftäter werden? Welche Rolle spielen soziale, psychologische oder wirtschaftliche Faktoren?
Dirk Baier: Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die Menschen zu Intensivstraftätern werden lassen. Ich will nur mal zwei herausgreifen, die die Forschung immer wieder als wichtig herausstellt.
Wie eine Art Durchlauferhitzer für die kriminelle Karriere.
Ein Bereich sind negative Erfahrungen in der Familie. Das sind beispielsweise Vernachlässigungserfahrungen. Hier reden wir tatsächlich über Erfahrungen in Kindheit, frühe Kindheit, frühe Jugend. Das können Missbrauchserfahrungen sein und die schädigen junge Menschen einfach nachhaltig - machen Sie offener für kriminelles Verhalten. Ein zweiter Bereich ist, dass Jugendliche Anschluss an delinquente Gruppen, an Gangs erhalten und dass das nochmal, wie eine Art Durchlauferhitzer für die kriminelle Karriere ist.
SWR Aktuell: Gibt es so etwas wie Frühwarnzeichen, die darauf hinweisen, dass jemand das Potenzial hat, ein Intensivstraftäter zu werden?
Baier: Die gibt es, aber man muss dazusagen, sie lassen nie eine hundertprozentig genaue Vorhersage zu. Menschen sind komplex und die Idee, "wer einmal auffällig ist, ist immer auffällig" oder "wer einmal Verbrecher ist, ist immer Verbrecher", das gilt so nicht.
Wenn junge Menschen, Kinder beispielsweise schon impulsiver sind, wenn sie ihre Stimmungen nicht gut kontrollieren können, dann sind das Warnzeichen. Wenn sie schneller aggressiv werden, schon als Kinder, dann sind das Warnzeichen. Und was sich in der Forschung auch immer wieder herausgestellt hat, wenn junge Menschen Tiere quälen, ist das ein Warnzeichen. Das spricht dafür, dass wenig Empathie vorhanden ist. Und Empathie ist wiederum ein wichtiges Merkmal, um Gewalt vorzubeugen.
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SWR Aktuell: Welche präventiven Maßnahmen sollten ergriffen werden, um Menschen frühzeitig von einer kriminellen Karriere abzuhalten? Tun die Behörden da genug?
Baier: Ich würde die Behörden ein bisschen ausklammern, wenn wir darüber reden, bei jungen Menschen Maßnahmen zu ergreifen, denn aus meiner Sicht ist da im Wesentlichen erst mal das nahe soziale Umfeld gefordert, da ist die Familie gefordert, da sind die Eltern gefordert, teilweise die Schulen, die Grundschulen, die dann zum Teil Unterstützung durch Profis brauchen - Psychologen oder Therapeuten beispielsweise.
Es gibt Eltern-Trainingsprogramme, die funktionieren. Es gibt dann auch Lernprogramme für junge Menschen, wenn sie beispielsweise Schwierigkeiten haben, sich selbst zu kontrollieren. Also nicht immer sofort losschlagen, sondern erstmal eine Situation überdenken, sich zurückziehen. Das muss man lernen, das kann man lernen. Solche Lernprogramme gibt es und die funktionieren ganz gut. Also das ist aus meiner Sicht erstmal gefordert, bevor dann Behörden wie Jugendämter, Polizeien usw. ins Spiel kommen.
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SWR Aktuell: Wie bewerten Sie die Rolle des Jugend- und Erwachsenenstrafrechts im Umgang mit Intensivtätern?
Baier: Es gibt derzeit im Wesentlichen zwei Diskussionspunkte. Das erste ist die Absenkung der Strafmündigkeit von 14 auf zwölf Jahre. Das zweite ist, dass man im Prinzip ab achtzehnjährige Tatpersonen nach Erwachsenenstrafrecht bestraft. Bislang ist da auch noch das Jugendstrafrecht anwendbar und wird zu zwei Dritteln auch in etwa angewendet. Bei beidem bin ich vorsichtig, mich dafür zu äußern, dass wir diese Änderung umsetzen, denn wir sind die letzten 20 Jahre recht gut damit gefahren.
Es wird gern vergessen, dass sich Jugendgewalt in Deutschland zwischen 2007 und 2015 fast halbiert hat. Danach hat es wieder Anstiege gegeben. Jetzt gab es einzelne spektakuläre Gewaltvorfälle und das führt dann zu dem Druck auf das Strafrechtssystem. Ich bin der Meinung, wir sollten ein bisschen vorsichtiger sein und uns nicht von Einzelfällen leiten lassen, die Dinge sorgfältig abklären.
SWR Aktuell: Was bringt ein täterorientierter und repressiver Ansatz wie die Landesrahmenkonzeption (LRK) "Strafverfolgung von Mehrfach- und Intensivtätern (MIT)" in Rheinland-Pfalz?
Baier: Ich finde ganz viel richtig an diesem Konzept. Erstens, der Punkt, sich auf Intensivtäter zu konzentrieren. Wir wissen, auf diese kleine Gruppe gehen etwa 50 Prozent der Straftaten zurück. Also, da hat man natürlich einen Hebel, wenn man sich mit denen beschäftigt. Der täterorientierte Ansatz, das ist aus meiner Sicht gut, weil er auch immer danach fragt, was eigentlich ist, was ein Mensch braucht, der so häufig auffällig wird. Da wird nicht nur die Tat betrachtet, sondern da wird so ein bisschen 360-Grad-mäßig abgeklärt. Das finde ich richtig.
Strafvollzug macht Menschen nicht besser.
Das repressive Moment hat sicherlich auch seine Gründe und seine Legitimität. Mit Repression allein bekommt man die Probleme, die diese Menschen haben, natürlich nicht in den Griff. Der Strafvollzug macht Menschen nicht besser, sondern kann Situationen noch verschärfen. Man muss sich auch Gedanken machen, was passiert im Strafvollzug mit ihnen und wie geht es danach weiter? Da braucht es ein intensives Resozialisierungskonzept, was da mitgedacht werden muss.
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SWR Aktuell: Was wäre aus Ihrer Sicht der ideale Umgang mit Intensivstraftätern, um sowohl das Risiko weiterer Straftaten zu minimieren als auch eine langfristige Resozialisierung zu ermöglichen?
Baier: Menschen, die mit Anfang 20 als Intensivtäter geführt werden, die haben 20 Jahre lang eine Entwicklung dahin mitgemacht, haben 20 Jahre negative Erfahrungen gemacht und Kriminalität irgendwie als sinnvoll erachtet. Das kann man nicht mit einem Zauberstab beiseiteschieben, sondern das braucht genauso einen Prozess, um da wieder rauszukommen. Also Zeit.
Man muss eine gewisse Toleranz haben mit diesen Menschen.
Solche Menschen können durchaus auch mal Rückfälle haben und Rückfälle sind nicht sofort ein negatives Zeichen. Also, man muss ihnen Zeit geben, man muss eine gewisse Toleranz haben mit diesen Menschen. Und es braucht im Wesentlichen ein delinquenzfreies soziales Umfeld. Es braucht soziale Kontakte, Beziehungen, die diese Menschen außerhalb der Kriminalität halten.
Dafür ist wichtig, dass sie beispielsweise Bildungsmaßnahmen, Ausbildungsmaßnahmen erhalten, dass sie gute berufliche Startchancen erhalten, denn das geht dann alles mit einem besseren, prosozialeren sozialen Netz einher. Das sind Maßnahmen, von denen wir wissen, dass sie wirken, aber auch nicht von heute auf morgen, und da braucht es die Unterstützung - unter anderem die Sozialarbeit, die da mit ins Boot kommen muss. Das sind anstrengende Prozesse.