Andreas Jung fährt Freitag mittags mit seinem Lastwagen auf den Betriebshof der Spedition Mann in Langenbach im Westerwaldkreis. Entspannt sitzt er im knallorangenen Führerhaus hinter dem Steuer. Im Fenster klemmt ein Schild mit seinem Spitznamen Andy. "Das hier ist mein Wohnzimmer", sagt Andreas Jung. Und das schon seit 30 Jahren. Die vergangenen zwei Tage war er quer durch Deutschland auf Tour: Viersen, Bielefeld, Wetzlar, Siegen und zurück in den Westerwald - mehr als 700 Kilometer Strecke.
Nachmittags kaum noch freie Stellplätze an Autobahnen
Zwischendurch muss er ein- und ausladen. Und nach viereinhalb Stunden eine Pause einlegen. Er darf in der Regel maximal neun Stunden pro Tag fahren. Dann muss er sich einen Stellplatz suchen. Aber das ist in den letzten Jahren mit dem zunehmenden Lastverkehr auf deutschen Autobahnen immer schwieriger geworden. Deswegen versucht Jung zu fahren, wenn andere schlafen: "Am liebsten fahre ich nachts. Ich fahre immer so früh wie möglich weg, um diesem ganzen Verkehr irgendwie zu entrinnen."
Am liebsten fahre ich nachts. Ich fahre immer so früh wie möglich weg, um diesem ganzen Verkehr irgendwie zu entrinnen.
Spediteur Thomas Mann, Jungs Chef, kennt die Probleme, mit denen Lkw-Fahrer zu kämpfen haben, nur zu gut. Wenn seine Leute nachmittags erst zwischen 15 und 16 Uhr anfingen, nach einem Stellplatz für ihren Truck zu suchen, sei meistens schon alles voll. Und selbst wenn sie einen Parkplatz fänden, würden sie oft zugeparkt, sodass sie am Morgen nicht so leicht wieder losfahren könnten.
Parkplatzmangel ist das größte Problem der Branche
Thorsten Hölser, Geschäftsführer des Speditions- und Logistikverbands Hessen/Rheinland-Pfalz e.V. (SVL), beschreibt den akuten Mangel an Lkw-Parkplätzen entlang der Autobahnen sogar als "das größte Problem der Branche". Bereits 2007 zeigte eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), dass Parkplätze teilweise um 200 bis 250 Prozent überbelegt sind. Allein in Rheinland-Pfalz fehlen rund 1.500 Stellplätze – etwa 30 Prozent des Bedarfs.
Wildes Parken auf vollen Rastplätzen Zu wenig Parkplätze für Lkw an Autobahnen - darum ist das so gefährlich
Oft stehen Lkw in den Auffahrten überfüllter Parkplätze. Gefährlich für sie, aber auch für Autofahrer, die Rastanlagen ansteuern. In RLP fehlen gut 1.500 Stellplätze.
Auch Daniel Hensel, Geschäftsführer der Hensel Logistik GmbH aus Grolsheim im Landkreis Mainz-Bingen, sieht die Lage kritisch. Auf die Frage, ob es denn einen Parkplatz als Beispiel gebe, bei dem sich das Problem in Grenzen hält, antwortet er: "Die Frage ist doch, ob ich überhaupt einen Rasthof kenne, der dieses Problem nicht hat."
Thorsten Hölser vom Speditions- und Logistikverband glaubt nicht, dass das Problem in den nächsten fünf Jahren gelöst wird. Denn auch die Ursachen seien vielfältig: Der Bund, die Länder und die Kommunen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Wenn dann doch mal ein Parkplatz geplant wird, legen oft Kommunen ihr Veto ein.
Planen-Schlitzen wird zunehmend zum Problem
"Wenn es sich irgendwie machen lässt, fahren unsere Leute große Rastplätze an und keine unbewirtschafteten Parkplätze", sagt ein Spediteur aus dem Raum Trier, der ungenannt bleiben möchte. Auf den Rastplätzen seien die Sanitäranlagen in der Regel nicht ganz so schlimm wie auf den einfachen Parkplätzen und sie seien sicherer. "Seit die Spritpreise stark angezogen haben, kommt es immer wieder vor, dass Sprit gestohlen wird. Der wird direkt aus dem Lkw gezapft."
Diebe zapfen Lkw- und Wohnmobiltanks an A61 bei Koblenz: Diebstahl von Diesel hat zugenommen
Dieseldiebstähle in Rheinland-Pfalz häufen sich - besonders entlang der A61 bei Koblenz. Warum die Zahlen steigen und wie sich Fahrer schützen können.
Das Problem mit der Sicherheit kennt auch Gerd Konrad, Leiter Fernverkehr bei der Spedition Bayer & Sohn in Trier. Neben dem Dieselklau gebe es auch die Planen-Schlitzer, also Diebe, die es auf die Ladung abgesehen haben. Bemerkt ein Fahrer etwas und versucht dann einzuschreiten, besteht die große Gefahr, dass er von den Tätern angegriffen und verletzt wird.
Nur wenige Rastanlagen sind gut gesichert
Eine wirkliche Sicherheitsausstattung gegen Spritklau oder Planen-Schlitzer bieten nur wenige Rastanlagen, wie der neue Truck-Parking in Fließem bei Bitburg in der Südeifel. Das Gelände ist umzäunt, beleuchtet und überall hängen Kameras, die den Stellplatz abdecken und viele Diebe abschrecken dürften.
Wer seinen Lastwagen dort abstellen will, muss für ein Wochenende 45 Euro zahlen, hat dann neben der Sicherheit aber auch saubere Sanitäranlagen mit Toiletten, Duschen und außerdem Waschmaschine und Trockner inklusive. Die Auslastung des neuen Truck-Parkings liegt nach gerade einmal sechs Monaten bereits bei 50 Prozent, berichtet der Betreiber Thorsten Assion im Gespräch mit dem SWR. Die Trucker wissen das Angebot offenbar zu schätzen.
Neben fehlenden Stellplätzen und Diebstahl sei auch die Verpflegung der Trucker oft ein Problem, erklärt der Westerwälder Spediteur Thomas Mann. Weil auch die Raststätten von Personalmangel betroffen seien, müssten die Restaurants oft schon früher schließen. "Dann gibt's nichts mehr zu essen", sagt er. Zudem sei das Essen mit Preisen zwischen 15 und 25 Euro auch teuer.
ADAC bemängelt Zustand von Rastplätzen
Der Automobilclub ADAC hat 50 unbewirtschaftete Rastplätze in ganz Deutschland getestet. Der Zustand der Toiletten war dabei das Hauptkriterium. 46 Prozent der Rastplätze fielen mit "mangelhaft" oder "sehr mangelhaft" durch. Vor vier Jahren waren es nur 22 Prozent.
Die nun in Rheinland-Pfalz getesteten Rastplätze schneiden dabei besonders schlecht ab. Der Rastplatz Hundsheide an der A61 im Hunsrück belegte im Test den 41. Platz, der Rastplatz Spitzenrheinhof bei Speyer landete sogar auf dem vorletzten Platz.
Arbeitsbedingungen schrecken den Nachwuchs ab
Spediteur Thomas Mann hält die Arbeitsbedingungen der Lkw-Fahrer für einen Grund, warum sich heute weniger junge Menschen für den Beruf interessieren. Er sieht das als großes Problem, denn in den kommenden Jahren werden viele der heutigen Fahrer in Rente gehen.
Lkw-Fahrer Andreas Jung können diese Widrigkeiten nicht aus der Ruhe bringen. Er würde den Job jungen Menschen empfehlen. Trotz allem mag er seine Arbeit, "weil ich irgendwo mein eigener Chef bin, meine Freiheiten habe."