Interview zur sinkenden Geburtenrate

Schwangerschaftsberatung Trier: "Es wird Angst geschürt, ein Baby zu bekommen"

Geldsorgen, keine Kinderbetreuung, Klimawandel: Es gibt viele Gründe für Paare in Trier, keine Kinder zu bekommen. Helga Kudjer-Lauer hört sie alle in der Beratung beim SKF.

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Von Autor/in Anna-Carina Blessmann

Helga Kudjer-Lauer ist seit über 30 Jahren Beraterin beim Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) in Trier. Im Gegensatz zu anderen Schwangerschaftsberatungen kommen zu ihr nicht nur Frauen, wenn sie erfahren, schwanger zu sein, oder planen, es zu werden. Kudjer-Lauer begleitet Eltern auch bis zum dritten Lebensjahr des dann geborenen Kindes. Denn in dieser Zeit kommt oft die Entscheidung für ein zweites Kind. Oder eben nicht.

SWR Aktuell: Frau Kudjer-Lauer, ein positiver Schwangerschaftstest kann Anlass zur Freude oder auch zur Sorge sein. Mit welchen Sorgen kommen Frauen und Paare zu Ihnen in die Beratung - selbst, wenn sie sich eigentlich auf das Kind freuen?

Helga Kudjer-Lauer: Es gibt riesige Sorgen, neben der ganz großen Freude: Wie geht es weiter? Wie schaffen wir das? Welche Auswirkungen hat es finanziell? Wie geht es beruflich weiter? Wie geht es mit der Wohnung weiter, können wir hier leben bleiben? Die ganze Zukunftsperspektive ist ja in Frage gestellt oder muss neu überlegt werden.

Helga Kudjer-Lauer berät seit über 30 Jahren Frauen und Paare bei Schwangerschaften und in den ersten Lebensjahren des Kindes.
Helga Kudjer-Lauer berät seit über 30 Jahren Frauen und Paare bei Schwangerschaften und in den ersten Lebensjahren des Kindes. Anna-Carina Blessmann

SWR Aktuell: Welche konkreten Probleme werden dann aus diesen Sorgen?

Kudjer-Lauer: Ganz wichtig ist das Thema Beruf und Sicherheit. Also, die Sicherheit zu haben: Ich kann weiter arbeiten und auch flexibel arbeiten. Wir können die Kinderbetreuung und unser berufliches Leben vereinbaren. Was in Deutschland nach wie vor wahnsinnig schwierig ist. Und daran hängen alle weiteren finanziellen Fragen.

Familie und Beruf immer noch nicht vereinbar

SWR Aktuell: Warum ist es, laut Ihrer Beratungserfahrung, in Deutschland so schwierig, Familie und Beruf zu vereinen?

Kudjer-Lauer: Es ist immer noch sehr, sehr schwierig, in Deutschland einen adäquaten Kitaplatz, also eine qualifizierte Betreuung zu finden. Die Eltern möchten ihre Kinder gut behütet aufwachsen sehen und sie nicht einfach nur schnellstmöglich irgendwo abgegeben.

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Und noch mal: Es stellt sich die Frage, ob man flexibel arbeiten kann. Kinder werden auch mal krank. Dieser Arbeitsmarkt ist in Deutschland noch sehr, sehr, sehr rückständig. Das heißt, es gibt ganz wenige Arbeitgeber, aus meiner Erfahrung auch hier in Trier, die diese Flexibilität und einen festen Arbeitsplatz bieten.

Gründe gegen ein Kind

SWR Aktuell: Kommen auch Eltern zu Ihnen in die Beratung, die eigentlich ein zweites Kind wollen, sich dann aber dagegen entscheiden?

Kudjer-Lauer: Das kommt tatsächlich vor, dass viele Frauen oder auch Paare nach der Geburt kommen und sagen: Wir haben es uns ganz anders vorgestellt. Es ändert sich ja sehr viel im privaten Bereich. In die Paarbeziehung kommt eine ganz neue Dynamik rein, wenn wir Eltern werden.

Das Kind ist da und damit kommt das nächste Problem? In der Schwangerschaftsberatung des SKF Trier kennt man diverse Sorgen.
Das Kind ist da und damit kommt das nächste Problem? In der Schwangerschaftsberatung des SKF Trier kennt man diverse Sorgen. Anna-Carina Blessmann

Das ganze Leben ist auf den Kopf gestellt und wenn dann auch noch die finanzielle Situation problematisch wird und Ängste entstehen, dann ist es schon so, dass nochmal große Bedenken da sind. Wir hören oft: Wir würden gerne noch ein zweites Kind haben, aber wir können uns das im Moment nicht vorstellen.

Und wir haben viele Frauen, die sich ein oder anderthalb Jahre nach der Geburt melden und sagen: Jetzt will ich wieder in den Job, aber ich werde da degradiert. Ich habe meine Position nicht mehr, bekomme weniger Geld oder der Job ist ganz weg.

Geplante Elterngeldreform schürt Ängste

SWR Aktuell: Was halten Sie von den geplanten Änderungen beim Elterngeld?

Kudjer-Lauer: Für meine Begriffe ist das ein Rückschritt und es wird Angst geschürt, ein Baby zu bekommen. Für uns als Beraterinnen hätte es Sinn gemacht, das Elterngeld weiter auszubauen. Es ist ja lange, lange Jahre nicht erhöht worden.

Weil viele werdende Eltern mit Ängsten rund um die Reform des Elterngeldes in die Schwangerschaftsberatung kommen, beraten Helga Kudjer-Lauer (links) und Regina Bergmann (rechts) vom SKF, wie sie darüber am besten informieren können.
Weil viele werdende Eltern mit Ängsten rund um die Reform des Elterngeldes in die Schwangerschaftsberatung kommen, beraten Helga Kudjer-Lauer (links) und Regina Bergmann (rechts) vom SKF, wie sie darüber am besten informieren können. Anna-Carina Blessmann

Diese Ängste, die da geschürt werden, betreffen alle werdenden Eltern. Das ist kein Luxusproblem. Wenn ich ein Haus oder eine Wohnung kaufe, also ein Nest baue, dann brauche ich für diesen Nestbau Sicherheit. Und nicht die Frage: Kann ich das Haus in Zukunft vielleicht mit einem dritten Kind oder vierten Kind halten? Das sind existenzielle Ängste, auch wenn im Moment ein gutes Einkommen da ist.

Situation der Eltern wirkt sich auf die Großeltern aus

SWR Aktuell: Sie sind selbst Mutter und Großmutter. Wie erleben Sie persönlich die Situation von Eltern damals und heute?

Kudjer-Lauer: Als ich vor fast 40 Jahren schwanger wurde, hatte ich auch schon die Frage: Wie bekomme ich mein Studium und Beruf vereinbart mit diesem Kind? Ich hatte große Hilfe der Familie, ohne die ich das wahrscheinlich nicht so gut geschafft hätte.

Wir haben uns in den letzten 40 Jahren nicht viel weiter entwickelt.

Heute bin ich negativ überrascht, dass es meiner Tochter auch ähnlich geht. Dass es sehr, sehr schwer ist, einen guten Beruf zu halten und eine qualifizierte Kinderbetreuung stemmen zu können. Die erste Zeit mit diesem Baby ist so wichtig. Gleichzeitig müssen sie aber weiter für ihre Rente einzahlen und die Zukunft absichern.

Selbstbestimmung als Frau ist Helga Kudjer-Lauer selbst und in ihrer Beratung beim SKF wichtig.
Selbstbestimmung als Frau ist Helga Kudjer-Lauer selbst und in ihrer Beratung beim SKF wichtig. Anna-Carina Blessmann

Mir war die Unabhängigkeit als Frau immer ein Hauptanliegen. Und ich sehe, dass das heute immer noch ein großer Kraftaufwand und genauso schwer ist, wie vor 40 Jahren. Damit ich meine Tochter bei der Kinderbetreuung entlasten kann, muss ich beruflich reduzieren. Ich mache das gerne und kann es mir leisten. Aber wir haben uns da nicht viel weiter entwickelt.

Geburtenrate in Rheinland-Pfalz sinkt

SWR Aktuell: Schauen wir auf die aktuelle Geburtenrate in Rheinland-Pfalz. Laut einer begleitenden Studie ist dafür mit entscheidend, wie viele Frauen es gibt, die Kinder gebären können. Und wie viele Kinder diese Frauen bekommen. Sie besagt auch, dass Frauen in Rheinland-Pfalz immer später ihr erstes Kind bekommen.

Kudjer-Lauer: Nach meiner Erfahrung hängt das damit zusammen, dass ich mit zunehmendem Alter ein gutes Stück Sicherheit habe, um mich dann bewusst auch für ein Kind entscheiden zu können. Das ist in Deutschland vorher schwer, wenn ich noch nicht ein gewisses Polster habe, sei es jetzt Eigentum, sei es die Wohnsituation.

Es ist wichtig, Lust darauf zu machen, eine Familie zu gründen.

Was die Zahl der Frauen betrifft, die Kinder bekommen können: Wir aus der Boomergeneration werden jetzt Großeltern, aber haben ja auch schon weniger Kinder bekommen als unsere Eltern. Es ist also eine völlig normale Entwicklung, dass es weniger Geburten gibt.

Umso wichtiger ist es meines Erachtens, endlich Lust darauf zu machen, eine Familie zu gründen. Statt alles zurückzufahren und Ängste zu schüren. Aber das ist das, was im Moment passiert.

Mehr Wert für Eltern und Familie

SWR Aktuell: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Frauen und Paare in Ihrer Beratung?

Kudjer-Lauer: Die Skandinavier machen es uns vor: Dass Eltern und Familien noch mal einen ganz anderen Wert bekommen. Und ich wünsche mir mehr Flexibilität bei der Elternzeitgestaltung, bei Sicherheit des Arbeitsplatzes und der finanziellen Situation. Da brauchen wir aber Gesetze, die auch diese Sicherheit bieten, zum Beispiel über das Elterngeld.

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Anna-Carina Blessmann
Anna-Carina Blessmann am Mikrofon

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