Akribische Spurensuche im Dienst der Aufklärung

Die Crash-Profiler: Team der Polizei Trier analysiert schwere Unfälle

Schlimme Bilder, detaillierte Spurensuche - passiert ein schwerer Unfall, sind sie zur Stelle. Und sorgen für Aufklärung: Die Spezialisten vom Verkehrsunfallaufnahme-Team der Polizei Trier.

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Von Autor/in Anna-Carina Blessmann

Ein schwerer Unfall Mitte November auf der B51 bei Trier: Vier Menschen sterben, viele nehmen Anteil daran. Ein tödlicher Falschfahrer-Unfall Anfang Mai auf der A60, kürzlich fällt ein erstes Urteil dazu.

In beiden Fällen stellt sich jedem die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Antworten finden Marco Pientak und Christian Rehlinger. Sie sind Teil des Verkehrsunfallaufnahme-Teams (VU-Team) der Polizei Trier.

Mit der Profi-Drohne werden bis zu 250 Bilder gemacht.
Mit der Profi-Drohne werden bis zu 250 Bilder gemacht. Anna-Carina Blessmann

Mehr als 800 Fotos vom Unfallort

"Wir werden gerufen bei Unfällen mit tödlich oder schwerst verletzten Menschen, bei illegalen Autorennen oder anderen herausragenden Unfalllagen", sagt Marco Pientak. So waren sie auch an der B51 und der A60 im Einsatz.

Gute Fotos sind bei der Unfallaufnahme Gold wert.

Immer dabei: Eine Spiegelreflexkamera. "Das Wichtigste bei unserer Arbeit vor Ort ist, dass wir professionelle Fotos machen, mit denen man nachher den Unfall rekonstruieren und auf denen man unglaublich viel sehen kann", erklärt Pientak: "Gute Fotos sind Gold wert."

Marco Pientak (links) steuert die Drohne, Christian Rehlinger (rechts) die professionelle Kamera daran. Im realen Geschehen beobachtet noch ein dritter Kollege den Luftraum - das ist zum Beispiel wichtig, falls ein Rettungshubschrauber im Anflug ist, der hat nämlich Vorrang.
Marco Pientak (links) steuert die Drohne, Christian Rehlinger (rechts) die professionelle Kamera daran. Anna-Carina Blessmann

Je nach Szenario macht das Team 400 bis 600 Fotos. Dazu kommen noch 150 bis 250 Drohnenbilder aus der Luft. Damit kann das LKA ein 3D-Modell des Unfalls erstellen.

Das ist maßstabsgetreu und enthält Geodaten, sodass sich Gutachter und eventuell auch ein Gericht später eine Vorstellung vom Unfall machen können.

Die Passpunktplatten dienen dazu, dass das 3D-Modell hinterher maßstabsgetreu ist.
Die Passpunktplatten dienen dazu, dass das 3D-Modell hinterher maßstabsgetreu ist. Anna-Carina Blessmann

Sinnstiftende Arbeit für Recht der Hinterbliebenen

Das wird oftmals jahrelang später erst wichtig. Nach einem möglichen Strafverfahren können Schwerverletzte oder auch Hinterbliebene von tödlich verunglückten Menschen zivilrechtlich Regressansprüche gegen die Unfallverursacher geltend machen.

Die Arbeit im Verkehrsunfallaufnahme-Team ist total sinnstiftend.

Und das ist ein Ansporn für Pientak: "Wir machen eine total spannende und auch sinnstiftende Arbeit." Wenn die Hinterbliebenen ihr Recht bekommen wollen, stehe und falle das mit der Unfallaufnahme: "Da ist es exorbitant wichtig, dass wir eine hochprofessionelle Spurensicherung gemacht haben."

Akribische Spurensuche dauert viele Stunden

Bevor die Drohne fliegen kann, ist ganz wichtig: Sprühkreide. "Davon verbrauchen wir am meisten", lacht Rehlinger. Damit Fotos und Drohnenaufnahmen hinterher brauchbar sind, muss alles genau mit der Neonfarbe markiert werden. "Ist die Fahrbahn nass, müssen wir improvisieren", ergänzt Pientak.

Die neonfarbene Sprühkreide ist eines der wichtigsten Arbeitsmittel des VU-Teams.
Die neonfarbene Sprühkreide ist eines der wichtigsten Arbeitsmittel des VU-Teams.

Das alles braucht seine Zeit. Deshalb dauern Unfallaufnahmen lang, sind Straßen nach Unfällen über viele Stunden gesperrt. Die Arbeit von Feuerwehr und anderen Rettungskräften geht vor. Erst wenn die fertig sind, kann das VU-Team starten, sich einen Überblick verschaffen und dann alles dokumentieren.

Dabei unterscheidet es drei Phasen: Die Zeit vor dem Unfall, die Kollision und die Zeit danach. "In allen drei Bereichen sind Spuren zu finden, die man in Einklang bringen muss", erklärt Rehlinger.

Unfall lässt sich genau rekonstruieren

So findet das Team vorm Zusammenstoß in der Regel Brems- oder Schleuderspuren. Wo genau Fahrzeuge kollidiert sind, können die Spezialisten exakt feststellen, weil es sogenannte Schlagspuren in der Straße gibt: "Die sind sehr markant, weil Stücke wirklich aus der Asphaltdecke rausgerissen werden."

Aus Drohnenaufnahmen wie dieser kann später ein 3D-Modell des Unfalls erstellt werden. Dafür müssen alle Markierungen gesetzt sein.
Aus Drohnenaufnahmen wie dieser kann später ein 3D-Modell des Unfalls erstellt werden. Dafür müssen alle Markierungen gesetzt sein.

Danach haben die Fahrzeuge noch so viel Energie, dass sie beispielsweise weiter geschleudert werden. Auch das hinterlässt Spuren auf der Straße.

Trümmer zerkratzen die Straße, die Profis können sogar erkennen, ob ein Auto sich überschlagen hat oder der Reifen platt war, sagt Rehlinger: "Diese Spuren zusammenzusetzen, ist sehr viel akribische Arbeit."

Unfallphysik ist Teil der Spezialausbildung

Bei einem Unfall fliegen auch nicht alle Teile wild herum: Reißt die Ölwanne, platzt der Kühlmittelschlauch, dann sind diese Flüssigkeiten so schwer, wissen die Experten, dass sie an der Unfallstelle direkt herabfallen.

Genauso verhalte es sich mit dem leichten Glasstaub der zerstörten Windschutzscheibe. Auch damit lässt sich der Ort des Zusammenpralls genau bestimmen. Und damit beispielsweise auch, welcher der Beteiligten in den Gegenverkehr gefahren ist.

Zur Zusatzausbildung der Mitglieder des VU-Teams gehörten Teile der Rechtsmedizin und Tatortvermessung. Und ein Fotolehrgang, erklärt Rehlinger: "Wir wissen, aus welchem Winkel wir am besten fotografieren, mit welcher Belichtungszeit - damit das Foto so aussagekräftig wie möglich ist."

Moderne Autos erfordern mehr Spezialisierung der Polizei

Aber auch die Unfallphysik zähle zur Ausbildung: "Wie verhalten sich Fahrzeuge vor einem Unfall, währenddessen und danach? Das Auslesen von Fahrzeugdaten ist in der modernen Zeit ein Part, der für uns immer mehr an Bedeutung gewinnt."

Vom Fahrzeug kann hinterher ein 3D-Modell erstellt werden. Aber auch aus den Geräten im Fahrzeug können wichtige Daten ausgelesen werden.
Vom Fahrzeug kann hinterher ein 3D-Modell erstellt werden. Aber auch aus den Geräten im Fahrzeug können wichtige Daten ausgelesen werden. Anna-Carina Blessmann

Das ist auch der Grund, warum Innenministerium und Polizei vor einem Jahr das VU-Team als Pilotprojekt gestartet haben: Autonomes und automatisiertes Fahren, moderne Fahrzeugtechnik - das alles liefert Daten, die helfen können, einen Unfall aufzuklären.

Expertenwissen zu Autos im VU-Team

Dafür muss man diese Daten aber auch verstehen und Christian Rehlinger ist Profi darin: Vor der Polizeilaufbahn hat er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht und Fahrzeugtechnik studiert.

Er ist dafür zuständig, zum Beispiel das Airbagsteuergerät auszubauen, das die letzten fünf Sekunden fahrdynamischer Daten vor einem Unfall aufzeichnet: "Sprich: Geschwindigkeit, Lenkwinkel, ob gebremst wurde oder nicht, ob ein Stabilitätsprogramm eingegriffen hat. Diese Daten machen das Unfallgeschehen für uns greifbarer."

Schreckliche Bilder belasten

Die Arbeit im VU-Team heißt aber auch, dass das Team Schwerstverletzte und Tote sieht. Denn es ist für jeden schweren Unfall im Gebiet des Polizeipräsidiums Trier zuständig: Von der Eifel, über die Mosel und den Hunsrück bis zur saarländischen Grenze.

Wir sind Menschen wie jeder andere auch. Wir haben uns diese Arbeit aber ausgesucht.

Das kann auch belastend sein, sagt Rehlinger: "Wir sind Menschen wie jeder andere auch. Wir haben uns das aber auch ausgesucht, weil wir Unfälle professionell aufnehmen möchten."

Das Leid, die schlimmen Bilder, müsse man da ausblenden. Bei der Polizei gibt es Seelsorger und eine Sozialberaterin, mit denen die Beamten sprechen können.

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Schlimmer sei es ohnehin für den sogenannten "ersten Angriff", also die ersten Streifen: "Die fallen in so eine Lage rein und sehen das alles ohne Vorbereitung. Wir haben schon viele Infos, bevor wir kommen, und können uns gedanklich ganz anders darauf einstellen."

Arbeit am Auto und im Labor geht weiter

Mit ihrer Arbeit ist es am Unfallort noch nicht getan: Die Unfallfahrzeuge werden auch bei der Polizei noch einmal untersucht, vermessen, fotografiert. Auch dann werden noch Spuren gesichert, erklärt Rehlinger: "Dass auch wirklich nichts verloren geht."

Auch an der Kleidung von Unfallopfern lassen sich wichtige Spuren sichern.
Auch an der Kleidung von Unfallopfern lassen sich wichtige Spuren sichern. Anna-Carina Blessmann

Vor allem nach Fußgängerunfällen ist das Team auch im Labor der Kriminaltechnik. Prallt ein Auto auf einen Menschen, lässt sich das an der Kleidung ablesen, erklärt Pientak: "Bei diesem kurzzeitigen Kontakt entsteht große Hitze. Wir konnten in einem Fall verschmorte oder verschmolzene Stellen an einer Hose finden. Am Auto haben wir dann den Abdruck dieses Jeansmusters gefunden."

Mit einer Infrarotlampe können die Profis zum Beispiel Fasern sichtbar machen.
Mit einer Infrarotlampe können die Profis zum Beispiel Fasern sichtbar machen. Anna-Carina Blessmann

Unfallaufnahme dauert mehrere Wochen

All diese Daten, auch aus den Geräten, aus hunderten Fotos müssen erhoben und korrekt dokumentiert werden: "Da können zwischen Unfalltag und fertigem Unfallbericht vier bis fünf Wochen vergehen", sagt Rehlinger. Das Team arbeitet gerade am Bericht zu dem tödlichen Unfall auf der B51.

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Ob es wirklich aufklären kann, wie es zu einem Unfall kommen konnte, weiß es natürlich nicht. Für Marco Pientak und Christian Rehlinger ist aber klar: Je besser sie ihre Arbeit machen, desto größer ist die Chance, dass es am Ende Gewissheit gibt.

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