Michael ist 12, da hat er seinen ersten Vollrausch: "Ich hab dann einmal schön gegen die Wand gekotzt." Er ist auf einem Geburtstag, der Vater des Geburtstagskindes hat ihn und die anderen Bier und Schnaps trinken lassen.
Das erste Gefühl beim Alkohol war entscheidend.
Trotz dieses Erlebnisses ist das der Beginn seiner Drogenkarriere: "Ich habe die negativen Folgen ausgeblendet. Das erste Gefühl war entscheidend: Eine innere Wärme und Lockerheit." Denn vorher sei er durch verschiedene traumatische Ereignisse nur unter Spannung durchs Leben gegangen.
Mit 14 trinkt Michael dann regelmäßig mit Freunden Alkohol. Mit 16 probiert er das erste Mal Cannabis und Kokain aus. Weil er neugierig ist. Mit Kokain verträgt er mehr Alkohol, das Feiern ist intensiver, Dopamin wird ausgeschüttet: "Am Anfang machen Drogen einfach Spaß."
Drogentrends in Rheinland-Pfalz:
- Diese Drogen werden genommen
- Jugendliche unter Druck: Gründe für Drogenkonsum
- TikTok und Co.: Einfluss durch Social Media
- Telegram und Arztpraxen als Quellen
- Hilfesystem an der Grenze
Gefährlicher Mischkonsum in Rheinland-Pfalz
Heute ist Michael 28 und seit über fünf Jahren abstinent. Illegale Drogen mit unterschiedlichen Wirkungen zusammen zu nehmen, das ist aber auch unter anderen jungen Menschen in Rheinland-Pfalz ein Trend.
Laut mehrerer Suchtberatungen der Caritas im Land greifen sie zu Kokain und Amphetaminen - häufig kombiniert mit Alkohol. Zum Beispiel in Landau, Bad Kreuznach und Bitburg sind aber auch synthetische Opioide auf dem Vormarsch: Schmerzmittel wie Tilidin, angstlösende Medikamente wie Benzodiazepine.
Trend von klassischen hin zu synthetischen Drogen
"Auffällig ist, dass die jungen Konsumenten zwischen 13 und 20 alles konsumieren: Vor allem synthetisches Cannabis, das so hoch dosiert ist, dass es brandgefährlich wird", sagt Marion Blickhäuser von der Drogenhilfe der Stadt Ludwigshafen.
Die Caritas Bitburg beobachtet, dass vor allem Pillen genommen oder Amphetamine und Oxycodon geschnupft werden. Heroin zu spritzen, sei out.
Ein Grund laut Caritas Wittlich: Weil die Taliban in Afghanistan den Anbau von Schlafmohn verboten hätten, komme weniger Heroin nach Deutschland. "Trotzdem sind noch Opiatabhängige da und die sind dann natürlich kreativ und suchen nach anderen Lösungen. Zum Beispiel Fentanyl oder Tilidin", sagt Beraterin Helga Thiel.
In der Polizeilichen Kriminalstatistik spiegelt sich das nicht unbedingt wieder: Die Rauschgiftdelikte sind in Rheinland-Pfalz zwischen 2020 und 2024 um fast 36 Prozent zurückgegangen.
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Das Landeskriminalamt (LKA) weist aber darauf hin, dass in der Statistik nur Verfahren erfasst werden, die an eine Staatsanwaltschaft weitergegeben wurden. Zudem fällt Cannabis seit dem 1. April 2024 nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz. Auch deshalb können die Straftaten mit Rauschmitteln zurückgegangen sein.
Junge Generation unter Druck
Michael haben die Drogen anfangs nicht nur Spaß gemacht, er konnte dadurch abschalten und die Probleme beiseite drücken. Auch junge Erwachsene berichten in der Beratung von Sarah Huff in Bad Kreuznach von Zukunftsängsten, depressiven Phasen oder dem Gefühl eines ständigen "Kopfkarussells".
Diese Entwicklung finde ich beängstigend.
Das bringe sie zum Medikamentenmissbrauch. Diese Entwicklung sei beängstigend. Die Beratungsstellen in Koblenz sehen auch die Corona-Pandemie und Einsamkeit als Grund. In Bitburg seien auch überforderte Eltern betroffen.
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"Aufputschende, leistungssteigernde Substanzen passen wohl ein bisschen besser in die gesellschaftlichen Erwartungen rein. Das sind Menschen, die wacher sein wollen, dem Leistungsdruck standhalten wollen", ergänzt Beraterin Thiel aus Wittlich.
Das führt laut Samantha Sagerer von der Caritas Ludwigshafen zu dem Mischkonsum: "Um durch den Alltag zu kommen, konsumieren sie Kokain und Amphetamine. Am Abend braucht es dann Cannabis oder Alkohol, um runter zu kommen."
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Social Media verherrlicht Drogen
Michael hat die "klassischen Drogen" konsumiert, kennt aber junge Leute, die zu Medikamenten aus der Hausapotheke der Oma greifen: "Ich glaube, die Schwelle zum Konsum ist niedriger. Medizin kann ja nicht so schädlich sein, denkt man."
Social Media verstärkt laut den Suchtberatungen den Trend: Riskanter Konsum werde auf Plattformen wie TikTok verharmlost oder sogar romantisiert. Gerade opiathaltige Schmerzmittel würden in der Rap-Szene verherrlicht. Das verführe.
Das Internet als Drogenumschlagsplatz
Als Michael Anfang der 2010er Jahre Drogen nimmt, besorgen ältere Brüder oder Freunde das Cannabis: "Wenn man einen Dealer kennenlernt, kennt der noch andere. So kommt man dann an eine größere Auswahl an Drogen."
Irgendwann hat Michael nur noch mit Leuten zu tun, die seinen Konsum unterstützen. Er dealt bald selbst: "Ich habe Cannabis verkauft, um mir mein eigenes zu finanzieren. Dann hatte ich aber so viel daheim, dass ich kiffen konnte ohne Ende."
Heutzutage spielen auch die Sozialen Medien als Handelsplatz eine große Rolle, sagt etwa die Caritas Wittlich. Auf Telegram würden Drogen beworben. Der Kauf mit Bitcoin oder der Kreditkarte sei kein Problem.
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Im Internet sei es auch schwer kontrollierbar, wenn sogenannte Research Chemicals bestellt werden, die eigentlich für die Forschung gedacht sind. In der Westeifel spielt das Internet laut Caritas auch eine Rolle. Es gebe hier aber auch noch Plätze, an denen Drogen verkauft werden. Da kenne man sich meist untereinander.
Das LKA bestätigt, dass anonyme Gruppenchats den Handel vereinfachen und sich Messengerdienste wie Telegram als Bezugsquelle etabliert haben. Die Statistik zeigt, dass vor allem der Handel mit Kokain im Internet in den vergangenen Jahren massiv angestiegen ist.
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Hergestellt werden die Drogen in Europa, Südamerika, Nordafrika und Asien. Laut LKA wurde in den vergangenen Jahren viel Cannabis in Spanien angebaut. Haschisch stamme überwiegend aus Marokko. Kokain komme aus Südamerika und gelange über europäische Häfen, etwa in Belgien und den Niederlanden, nach Rheinland-Pfalz.
Betäubungsmittel vom Arzt verschrieben
Die Suchtberatungsstellen haben außerdem den Eindruck, dass gerade starke Schmerz- oder Beruhigungsmittel häufig zu schnell vom Arzt verschrieben werden.
Präparate wie Diazepam sind zwar streng reguliert. Doch die Landesärztekammer weist darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte nicht kontrollieren können, wie die Mittel tatsächlich eingenommen werden.
Mehrfachverschreibungen seien möglich - erst die elektronische Patientenakte soll künftig helfen, Missbrauch besser zu verhindern, so die Kammer.
Ekel vor sich selbst
Michael wird als 17-Jähriger mit 2,7 Promille von der Polizei aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht: "Ich bin dann morgens aufgewacht und war voll orientiert. Davon waren die Krankenschwestern entsetzt." Das hat wiederum ihn entsetzt.
Sechs Jahre später, mit 23, wird sein Druck immer größer: Kiffen entspannt ihn nicht mehr, sondern macht ihn noch unentspannter. Er bricht seine Ausbildung ab, hat Angst, von der Polizei mit Drogen erwischt zu werden.
Ich habe mich vor mir selbst geekelt. Das wollte ich nicht mehr.
Ein Bekannter hat einen Technoclub und ein Bordell. Michael fährt gegen Geld oder Drogen Prostituierte zu ihren Freiern. Und ekelt sich irgendwann vor sich selbst: "Sucht ist ein wahnsinniger Druck in der Brust. Man will mit den Händen die Wand hochlaufen, die Gedanken sortieren sich nicht mehr, bis man konsumiert. Das wollte ich nicht mehr."
Hilfesystem an der Grenze
Michael bittet die Krankenkasse um Hilfe, kann aber erst eine stationäre Therapie anfangen, wenn er abstinent ist. Das schafft er, seit dem 12. März 2020 hat er keine Drogen, keine Schmerzmittel mehr genommen, keinen Alkohol getrunken.
Das schafft nicht jeder. Denn etwa im nördlichen Rheinland-Pfalz sei man für Jugendliche mit Suchtproblemen nur unzureichend aufgestellt, so die Caritas Koblenz. Die Beratungsstelle sagt, dass viele junge Betroffene für Entgiftung oder Therapie in andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen ausweichen müssen.
Ich bin durch die Scheiße gegangen.
Dabei sei das so wichtig, sagt Michael. Sein Cousin hat Alkohol, Drogen und Medikamente konsumiert. Er ist im vergangenen Jahr an seinem eigenen Erbrochenen erstickt: "Ich kann jetzt relativ locker über meine Abstinenz sprechen. Aber ich bin vorher durch die Scheiße gegangen. Und ich möchte andere vor dem bewahren, was meinem Cousin passiert ist."
Nach der Therapie kommen auch die Suchtgedanken wieder, sagt Michael. Deshalb geht er danach in eine Selbsthilfegruppe, um sich immer wieder daran zu erinnern: "Abhängig bin ich mein Leben lang, ich konsumiere aber nicht mehr."