Vor erster Cannabis-Bilanz

Drogenbeauftragter Streeck erwartet sehr gemischtes Bild

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Von Autor/in Dietrich Karl Mäurer ARD-Hauptstadtkorrespondent

Die Evaluierung der Cannabis-Teillegalisierung steht bevor. Warum Drogenbeauftragter Hendrik Streeck ein "sehr gemischtes" Bild erwartet – und wo er strengere Regeln fordert.

Als Corona-Experte ist Hendrik Streeck vielen aus der Pandemie bekannt. Seit März sitzt der Bonner Virologe für die CDU im Bundestag, seit Mai ist er Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. In dieser Funktion berät er die Regierung, entwickelt Strategien zur Prävention und Schadensminimierung. "Es ist unglaublich spannend" sagt Streeck im ARD Interview der Woche.

Gedämpfte Erwartungen an Cannabis- Evaluierung

Ein zentrales Thema seiner Arbeit ist die Teillegalisierung von Cannabis, die seit über einem Jahr den legalen Besitz, Erwerb und Anbau kleiner Mengen für den Eigenbedarf unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag ist eine ergebnisoffene Untersuchung vereinbart, die demnächst veröffentlicht werden soll. Allerdings dämpft Streeck Erwartungen an ein klares Resultat: "Idealerweise würde man ja ein Schwarz-Weiß-Bild bekommen." Er meint damit eine klare Aussage über ein verändertes Konsumverhalten vor und nach der Gesetzesänderung. Doch der Drogenbeauftragte sagt: "Meine Erwartung ist aber eigentlich, dass es ein sehr gemischtes Bild sein wird." Der 48-jährige weist darauf hin, dass gesellschaftliche Veränderungen oft erst nach fünf bis zehn Jahren zuverlässig messbar seien.

Drogenbeauftragter Hendrik Streeck und ARD Hauptstadtkorrespondent Dietrich Karl Mäurer sprechen über harte Drogen, Cannabis und Social Media-Sucht
Drogenbeauftragter Hendrik Streeck und ARD Hauptstadtkorrespondent Dietrich Karl Mäurer

Für strengere Regeln in einem Punkt

Streeck kritisiert im ARD Interview der Woche die Verschreibung per Video- oder Online-Konsultation, die es zu leicht mache, Cannabis ohne gründliche ärztliche Untersuchung zu erhalten. Er plädiert für eine klare Abgrenzung zwischen Genuss- und Medizinalcannabis. Der Drogenbeauftragte würde sich persönlich eine "klare Trennlinie" wünschen, "weil wir wollen glaube ich nicht, dass es am Ende Dealer im weißen Kittel gibt, nämlich die Ärzte, die dann dafür verantwortlich sind." Streeck findet, Medizinalcannabis solle ausschließlich denjenigen zugutekommen, die es medizinisch wirklich benötigen. Der Drogenbeauftragte greift hiermit den Vorschlag seiner CDU-Parteikollegin Bundesgesundheitsministerin Nina Warken auf, die Regeln für die Abgabe von Medizinalcannabis zu verschärfen.

Streeck macht darüber hinaus auf einen Punkt aufmerksam, der mit der Teillegalisierung von Cannabis einhergehe: "Auf der einen Seite drängen wir zurück, auf der anderen Seite öffnen wir, das passt für mich wenig zusammen." Streeck sieht einen kulturellen Unterschied. Während Tabak und Alkohol seit Jahrhunderten tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt seien – von Weinfesten bis hin zu Schützenvereinen – habe Cannabis nie eine vergleichbare kulturelle Rolle gespielt. Dass es nun eine größere gesellschaftliche Öffnung gebe, empfindet er als Widerspruch.

Harte Drogen im Fokus

Neben Cannabis bereiten ihm harte Drogen große Sorgen. Besonders die Verbreitung synthetischer Opioide ist für ihn alarmierend: "Wir sehen neue Substanzen, die auf den Markt kommen, viel potentere, viel unvorhersehbare Substanzen." Streeck warnt vor Drogen, bei denen selbst kleinste Mengen tödlich sind. Er nennt Nitazene, die eine 500-fache Potenz von Heroin besitzen. Streeck verweist auf die Zahl der Drogentoten in Deutschland. Sie sei zuletzt auf den zweithöchsten Wert gestiegen. "Daran dürfen wir uns einfach nicht gewöhnen."

Der Drogenbeauftragte fordert daher ein engmaschiges Monitoring- und Frühwarnsystem, das in Echtzeit über neue Substanzen informiert. Drug-Checking und Drogenkonsumräume sieht er als wichtige Mittel der Schadensminimierung, da dort sicher konsumiert werden kann und im Notfall Leben gerettet werden.

Crack und Kokain: wachsende Probleme

Ein weiteres Problem sieht Streeck in der wachsenden Verfügbarkeit der aus Kokain hergestellten Droge Crack. Er berichtet von der Entwicklung, dass Kokain immer günstiger verfügbar ist. "Alles wird teurer, aber Kokain wird billiger." Die Gesellschaft habe keine Antworten, wie damit umgegangen werden soll.

Für die besonders abhängig machende Droge Crack gebe es bisher keine Substitutionsmöglichkeiten. Programme wie "Housing First", die Betroffenen zunächst Unterkunft und Versorgung sichern, seien hilfreich, aber nicht ausreichend. Der Drogenbeauftragte sieht hier die Notwendigkeit, für die Gesellschaft aktiv zu werden.

Gegen Sparen bei Prävention und Aufklärung

Trotz knapper Mittel plädiert Streeck für Investitionen in Drogenprävention, die vergleichsweise wenig kostet, aber große Wirkung entfaltet, etwa durch niedrigschwellige Aufklärung in sozialen Medien, um langfristige Schäden zu verringern.

Sorge über Sucht im digitalen Raum

Neben klassischen Drogen beschäftigt Streeck besonders der übermäßige Konsum digitaler Medien. Angesprochen auf Erhebungen, wonach 85 Prozent der Kinder und Jugendlichen täglich mindestens zwei Stunden auf Smartphone oder Tablet schauen, sagt der Drogenbeauftragte: "Hier ist wirklich der Fall, dass die Dosis das Gift macht."

Streeck macht darauf aufmerksam, dass rund ein Viertel der jungen Menschen bereits riskantes Medienverhalten zeige. Das werde sichtbar dadurch, dass Hausaufgaben, Hobbys oder soziale Kontakte vernachlässigt werden. Entscheidend sei nicht nur der Inhalt, sondern auch das süchtig machende Design der Plattformen, "weil es uns dazu treibt, immer mehr zu konsumieren, weil wir da Glücksgefühle haben, wenn wir bestimmte Bilder oder bestimmte Inhalte sehen."

Europaweite Altersgrenzen für Soziale Medien?

Streeck spricht sich für europaweit abgestimmte Altersregelungen bei sozialen Medien aus. Wie genau diese Altersstufen umgesetzt werden könnten, soll eine Expertenkommission klären. Für Streeck steht fest: Kinder und Jugendliche müssen besser geschützt werden, ohne ihnen den digitalen Zugang grundsätzlich zu verwehren.

Vorschlag zur Reduzierung von Arztkosten

Neben seiner Funktion als Drogenbeauftragter meldet sich Streeck auch als CDU-Gesundheitspolitiker zu Wort. Dabei machte er zuletzt den Vorschlag, Patientinnen und Patienten stärker an den Kosten im Gesundheitssystem zu beteiligen. Im ARD Interview der Woche verteidigte er seinen Vorstoß. Die Deutschen gingen pro Jahr mitunter mehr als doppelt so häufig zum Arzt als Menschen in Dänemark und Frankreich. "Jeder Arztbesuch kostet, denn hinter jeder medizinischen Leistung steht auch ein Leistender." Eine moderate Selbstbeteiligung könne seiner Ansicht nach dazu beitragen, Ressourcen effizienter zu nutzen und die steigenden Beiträge zur Krankenversicherung zu bremsen. Wichtig sei ihm dabei, Solidarität mit Bedürftigen zu bewahren, aber auch einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Gesundheitssystem zu fördern.

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Dietrich Karl Mäurer ARD-Hauptstadtkorrespondent

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