In Rheinland-Pfalz sorgt das schlechte Abschneiden bei der aktuellen PISA-Studie für Diskussionen: Die Leistungen im Lesen, Rechnen und in Naturwissenschaften sind so schwach wie noch nie. Mandy Schiefner-Rohs, Pädagogik-Professorin an der RPTU Kaiserslautern, erklärt, warum das so ist - und was jetzt passieren müsste, damit Kinder besser lernen können:
SWR Aktuell: Die deutschen Schülerinnen und Schüler haben bei PISA so schlecht abgeschnitten wie noch nie. Die Kompetenzen im Lesen, Rechnen und in Naturwissenschaften sinken immer weiter. Was würden Sie sagen sind die Gründe dafür?
Mandy Schiefner-Rohs: Es gibt sicherlich nicht den einen Grund, den man jetzt rausnehmen kann. Ich glaube, wir haben eine Generation von Kindern und Jugendlichen, die einen Teil der Schule anders erlebt hat - Stichwort: Schulschließungen während Corona. Dann gibt es natürlich die Fragen: Wie viel lesen Kinder eigentlich noch, auch anspruchsvolle Texte? Wir wissen, dass gerade Basiskompetenzen die relevanten sind. Außerdem hat sich auch die Schülerschaft stark verändert.
PISA-Studie Deutsche Schüler schneiden so schlecht ab wie nie zuvor
Die neue PISA-Studie zeigt die schlechtesten Leistungen für Deutschland seit Beginn der Erhebung. Jeder dritte Jugendliche hat Probleme beim Rechnen und Lesen. Gerade die Lesefähigkeit macht aber auch in anderen Ländern Sorgen.
SWR Aktuell: Bildungsministerin Eiling-Hütig sagt, dass man jetzt schnell gegensteuern muss. Unter anderem mit mehr frühkindlicher Bildung, frühen Sprachstandserhebungen, mehr Sprachförderung und einem Ausbau der Naturwissenschaften und Informatik. Wie schätzen Sie das ein?
Schiefner-Rohs: Ich glaube, was wichtig ist, und darauf weist PISA ja auch hin, ist, dass wir Kindern und Jugendlichen Basiskompetenzen besser vermitteln. Also Rechnen, Schreiben, Lesen als wichtige Kernkompetenzen, auf denen alles aufbaut. Die Maßnahmen der Landesregierung, in die frühkindliche Bildung zu investieren, sind ein wichtiger Baustein dafür, dass Bildungsungleichheit früh entgegengewirkt wird.
Ich will nicht sagen, dass wir das bisher vernachlässigt haben, aber ich glaube, da können wir noch deutlich mehr tun. Gerade da ist es wichtig, auch noch mal zu schauen: Was bringen die Kinder mit und wo können wir sie noch besser fördern?
Ich denke, es ist wichtig zu betonen, dass PISA definitiv nicht die 'Ultima Ratio' in Sachen Bildung ist. Hinter jedem Prozentpunkt bei der PISA-Studie steckt nämlich ein Kind, das wir eigentlich viel besser ausbilden müssten.
SWR Aktuell: Estland ist einer der Überflieger in der PISA-Studie. Hier trennt man die Schulformen erst nach der 9. Klasse, anders als bei uns nach der vierten Klasse. Warum machen wir das so, wenn wir es eigentlich besser wissen?
Schiefner-Rohs: Ich glaube, dass in dieses Element der späteren Trennung zu viel Hoffnung gelegt wird. Denn die Frage ist ja: Wie ist die Schule konkret gestaltet? Macht sie individuelle Förderangebote für Kinder und Jugendliche? Oder - ich sage es mal ganz flapsig - ist sie nur eine Aufbewahrungsanstalt, solange Eltern arbeiten müssen?
Ich glaube, zu sagen: "Wir machen es später", bietet eine Chance, weil die Kinder länger gemeinsam lernen. An der Stelle gibt es aber auch genauso Nachteile, wenn wir nicht schauen, was in den Schulen eigentlich genau gemacht wird.
SWR Aktuell: Haben Sie das Gefühl, dass in Rheinland-Pfalz genug gemacht wird, um die Schulen so gut es geht auszustatten?
Schiefner-Rohs: Sie fragen eine Bildungswissenschaftlerin, ob genug in Bildung investiert wird? Und die Antwort ist dann klar: “Nein”. Ich finde, in Bildung muss tatsächlich viel investiert werden und es ist immer zu wenig Geld im System. Je mehr wir in Bildung investieren, desto besser ist das auch für unsere Gesellschaft.
SWR Aktuell: Wie müsste Schule in RLP denn sein, damit alle Kinder hier ihren Platz finden und sich gut entwickeln können?
Schiefner-Rohs: Ich glaube, wir brauchen gute Lehrerinnen und Lehrer, die dieses Thema auf der Agenda haben. Wir brauchen eine Diskussion über Bildungspolitik im Land. Unsere Schule müsste inklusiv sein, das heißt, dass alle Kinder und Jugendlichen mitgenommen werden und mit einer entsprechenden Differenzierung zu schauen: Was kann eigentlich wann welches Kind leisten?
Wir brauchen eine gute Ausbildung bei Lehrkräften, die wirklich sensibel bei Ungleichheit ist. Wir brauchen eine Bildungspolitik im Hintergrund, die sozialer Ungleichheit den Kampf ansagt und sagt: “Wir wollen investieren - in Sprachförderung, in frühkindliche Angebote und Ähnliches.” Dann wäre unseren Schulen wirklich geholfen.