Saubere und ruhige Gänge, Schülerinnen und Schüler in Hausschuhen, Glaskästen auf dem Flur, um in Ruhe zu lernen. Das sind Erinnerungen, die Elisabeth Damm und ihrer Kollegin Esther Quarz vom Helmholtz-Gymnasium in Zweibrücken direkt in den Kopf kommen, wenn sie an Estland denken. Die beiden Lehrerinnen haben an einem sogenannten Job Shadowing im Rahmen des EU-Förderprogramms Erasmus+ teilgenommen. Dabei begleitet eine Person (der "Shadow") einen erfahrenen Kollegen hautnah in seinem Berufsalltag.
Anderer Bezug zum Lernen in Estland
Nach Estland wollte Esther Quarz, weil das Land in den letzten Jahren immer wieder zu den PISA-Spitzenreitern gehörte. Am Saksa Gümnaasium in Tallinn hatte sie besonders beeindruckt, dass die Kinder dort offenbar einen anderen Bezug zum Lernen haben.
"Die Schüler wissen dort anscheinend, dass sie dafür verantwortlich sind, dass sie lernen müssen. Das empfinde ich bei uns oft anders herum - also, dass wir ein Dienstleister sind und wir dafür verantwortlich sind, dass die Kinder was lernen."
Anderes Schulsystem, aber nicht alles besser
Einer der größten Unterschiede zum deutschen Schulsystem liegt in Estland darin, dass bis zur neunten Klasse alle zusammen lernen. Erst dann wird in andere Schulformen getrennt - anders als bei uns in Rheinland-Pfalz, wo Kinder bereits nach der vierten Klasse auf eine weiterführende Schule geschickt werden. Dadurch sollen Unterschiede im Bildungshintergrund der Kinder verkleinert werden.
Auch Fremdsprachen und Informatik spielen bereits viel früher eine Rolle im Schulalltag. Dadurch sind die Kinder besser auf die Anforderungen der PISA-Tests vorbereitet. Außerdem beginnt der Unterricht in Estland später, weil zahlreiche Studien belegen, dass Kinder vor 9 Uhr sich nicht so gut konzentrieren können.
Laut Elisabeth Damm ist aber auch nicht alles Gold, was in Estlands Schulen glänzt. Der Unterricht erinnerte sie manchmal fast an eine Universität. "Da stand der Lehrer dann eine Stunde vor der Klasse und hat einen Frontalunterricht gehalten. Ob die Schüler mitkamen oder nicht, das war ihm egal".
Fazit: Was Rheinland-Pfalz von estnischen Schulen lernen kann
Die Gestaltung des Schulgebäudes sei ein Punkt, der den beiden Lehrerinnen vom Helmholtz Gymnasium besonders gefallen hat. Die Möbel waren variabel einsetzbar. Und die Klassen sind kleiner: "In Tallinn hatten die Klassen maximal 26 Kinder, Sprachkurse waren oft sogar noch kleiner." Das mache einen personalisierten und gezielteren Unterricht möglich.
Und auch, dass die Lehrkräfte einen festen Raum haben und die Kinder zu ihnen kommen müssen, gefiel Damm und Quarz gut. Eine Sache, die beide auch in Zweibrücken etablieren wollen: Bewegungspausen im Unterricht. Also eine kurze Sequenz, in der die Kinder sich bewegen können und sollen. Danach kann dann wieder konzentriert weitergearbeitet werden.