Es geht um Menschen wie Margot Pfrogner. Es geht um eine immer weiter alternde Gesellschaft, um eine Milliarden-Lücke im Pflegesystem und um die Angst vor dem, was kommt.
Für das kommende Jahr fehlen in Deutschland mindestens 7,5 Milliarden Euro. 2028 könnte das Minus sogar bei mehr als 15 Milliarden Euro liegen, so Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Doch erste Vorschläge führen bereits zu viel Streit. Verbände warnen vor Kürzungen zulasten von Pflegebedürftigen und Pflegepersonal.
Margot Pfrogner ist Witwe und lebt allein in einer Mietwohnung in Mainz. Einmal in der Woche kommt der ambulante Pflegedienst. 86 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt - knapp 4,9 Millionen Menschen. "Ich kann nichts mehr tragen, ich kann mein Bett kaum aufschütteln, dann kippe ich vorne rüber. Ohne meinen Rollator, das Laufen - fällt mir alles schwer", sagt die 84-Jährige.
Der Pflegedienst hilft ihr beim Duschen. Sie ist in der Pflegestufe zwei. Diese deckt zudem einmal pro Woche Tagespflege und eine Stunde Haushaltshilfe ab. Mehr könne sie von ihrer Rente nicht bezahlen, sagt sie. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Ausgaben für häusliche Pflegeleistungen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt fast verdreifacht. Auch die Pflegedienste stehen dadurch unter großem Druck.
Dazu sagt Sandra Schulz, die stellvertretende Geschäftsführerin von "amundo - Ambulante Pflege mit Herz" in Mainz: "Das stellt sich zum Beispiel so dar, dass dreimal die Woche Hilfe bei der Teilkörper- oder Ganzkörperpflege reduziert wird. [...] Viele Klienten benötigen ganz dringend diese pflegerische Versorgung, können sie sich aber de facto nicht mehr leisten. Und das bedeutet natürlich auch für uns, dass wir weniger Umsätze generieren können."
Strengere Vorgaben für Anerkennung niedriger Pflegestufen
Wie viele andere braucht Margot Pfrogner zusätzliche Unterstützung durch ihre Angehörigen. Ihre Tochter Alexandra übernachtet einmal die Woche bei ihr. "Allein nur das über die Pflegekasse oder über den Pflegedienst alles zu organisieren, das reicht einfach nicht", sagt sie, "da müssen die Angehörigen tatsächlich noch mit Hand anlegen. Mutti hat Pflegestufe 2 und musste schon für diese Pflegestufe kämpfen."
Genau diese Anerkennung der niedrigeren Pflegestufen eins bis drei soll laut Vorschlag von Gesundheitsministerin Warken durch die geplante Reform noch schwieriger werden, um die Zahl der Pflege-Empfänger zu reduzieren. Eine Streichung bestehender Pflegegrade, über die diskutiert wurde, schloss Warken aus.
Eigenanteile im Pflegeheim steigen immer weiter
In der Zukunft sehe ich schwarz. Wir werden das Geld nicht mehr aufbringen können. Und ich denke mal, das geht Millionen Menschen so.
Reinhold Glaeser lebt in einem Altenzentrum der Caritas im hessischen Elz bei Limburg. Seit sieben Jahren wohnt der 93-Jährige in der Pflegeeinrichtung.
Das Elternhaus wurde verkauft, davon werden Unterkunft und Pflege des ehemaligen Organisten bezahlt. Insgesamt für ihn bereits 250.000 Euro. Um die Finanzen kümmert sich sein Schwiegersohn Karl Reinert: "Mein Schwiegervater bezahlt einen Eigenanteil von round about 3.000 Euro im Monat. Die Kosten steigen ja. Die Pflegekasse will immer weniger bezahlen und die Pflege soll immer teurer werden."
Noch reichen die Rücklagen für seinen Schwiegervater. Aber wie lange noch? "In der Zukunft sehe ich schwarz. Wir werden das Geld nicht mehr aufbringen können. Und ich denke mal, das geht Millionen Menschen so", sagt Reinert.
Mit den Finanzierungsproblemen in der Pflege beschäftigt sich der Gesundheitsökonom Afschin Gandjour aus Frankfurt schon seit 25 Jahren. Das Hauptproblem aus seiner Sicht: Immer mehr Pflegebedürftige. Die Folge: Die Ausgaben explodieren und die Betroffenen und ihre Angehörigen zahlen dafür.
Im Seniorenzentrum der Caritas in Elz sind schon jetzt mehr als die Hälfte der Bewohner Sozialhilfeempfänger, berichtet Geschäftsführer Max Prümm.
Warken will, dass Gutverdiener mehr in die Pflegekasse zahlen
Der Beitragssatz zur Pflegeversicherung beträgt derzeit 3,6 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen. Damit die Beitragssätze stabil bleiben, will Ministerin Warken mit der Reform auch die Einnahmen erhöhen. Die sogenannte Beitragsbemessungsgrenze soll steigen. Dadurch würden Gutverdiener künftig mehr in die Pflegekasse einzahlen als bisher.
Afschin Gandjour schlägt vor: "Aus meiner Sicht müsste man mehr Steuermittel der gesetzlichen Pflegeversicherung zuführen. Da wäre zu überlegen, welche Steuern erhöht man. Gleichzeitig müsste man meines Erachtens auch einen Kapitalfonds einrichten." In jedem Fall muss viel frisches Geld her für Pflegebedürftige.
Das meint auch Margot Pfrogner: "Dass sie wirklich ein bisschen großzügiger sein könnten mit dem Pflegegeld. Das wünsche ich mir, nicht nur für mich, auch für andere." Denn sonst entstehe Altersarmut.