Kritik an geplanter Pflegereform

Interview: "Pflege-Dschungel wird nicht beseitigt, sondern nur neu bepflanzt"

Pflegenden Angehörige werden durch den beschlossenen Entwurf einer Pflegereform zusätzlich belastet, kritisiert Waltraud Klein vom Verein "Wir pflegen in RLP".

Teilen

Stand

SWR Aktuell: Frau Klein, Sie engagieren sich im Verein "Wir pflegen in Rheinland-Pfalz" für Menschen, die ihre Angehörigen pflegen. Welche Veränderungen durch die geplante Pflegereform treffen die pflegenden Angehörigen besonders hart?

Waltraud Klein: Die 131 Euro Entlastungsbetrag beim Pflegegrad 1 fallen weg. Das ist wahrscheinlich die unmittelbarste Verschlechterung für Familien im niedrigeren Pflegegrad. Bisher können diese Menschen bis zu 131 Euro monatlich für anerkannte Unterstützungsangebote nutzen - beispielsweise für Hilfe im Haushalt oder Betreuungsangebote. Nach dem Entwurf soll dieser Betrag vollständig entfallen. Stattdessen soll es eine intensivere Pflegebegleitung und Präventionsberatung geben. Beratung ersetzt aber nicht automatisch konkrete Hilfe im Alltag. Gerade für Angehörige, die vielleicht zwei- oder dreimal in der Woche Unterstützung benötigen, sind 131 Euro kein abstrakter Leistungsanspruch, sondern ganz konkrete Entlastung.

Ein weiterer besonders kritischer Punkt: Wer erstmals Pflegegrad 2 oder 3 bekommt, soll in den ersten drei Monaten nur 50 Prozent des neuen Entlastungsbudgets erhalten. Begründet wird das mit der gleichzeitig vorgesehenen intensiveren Pflegebegleitung. Gerade das ist aus meiner Sicht für Angehörige bemerkenswert: Der Zeitpunkt, an dem eine Familie neu in die Pflege hineinkommt, ist häufig der Zeitpunkt mit der größten Unsicherheit und dem größten organisatorischen Aufwand. Ausgerechnet dann wird die finanzielle Leistung zunächst halbiert.

Waltraud Klein, Verein "Wir pflegen in Rheinland-Pfalz": Pflegereform muss auch den Alltag der Familien einfacher machen.
Waltraud Klein: Pflegereform muss auch den Alltag der Familien einfacher machen. Wir pflegen in RLP

SWR Aktuell: Es wird immer wieder mit Blick auf die vielen Regeln von einem "Pflege-Dschungel" gesprochen. Blicken Sie selbst eigentlich noch durch und was heißt das für die Menschen, die durch die Pflege ihrer Angehörigen eh stark belastet sind?

Klein: Unser Pflegesystem ist inzwischen so komplex geworden, dass es sich häufig mehr selbst verwaltet, als den Menschen zu versorgen, für den es geschaffen wurde. Es wird immer schwieriger einen Überblick zu behalten - auch ich verzweifle immer mehr. Pflegebedürftige und Angehörige sollten nicht erst zu Experten für Sozialrecht werden müssen, um die Hilfe zu bekommen, die ihnen zusteht. Die Komplexität, die organisatorischen und finanziellen Hürden führen nicht selten dazu, dass pflegerische Unterstützungsleistungen nicht genutzt werden.

Wenn die Reform vor allem neue Regeln, neue Budgets und neue Zuständigkeiten schafft, die die Familien selbst verstehen und organisieren müssen, dann haben wir den Pflege-Dschungel nicht beseitigt - wir haben ihn nur neu bepflanzt.

SWR Aktuell: Wie werden sich die Veränderungen Ihrer Meinung nach auf die vielen pflegenden Angehörigen auswirken?

Klein: Natürlich kann man Leistungen bündeln und das System vereinfachen. Aber eine Pflegereform darf nicht nur auf dem Papier einfacher werden. Sie muss auch im Alltag der Familien einfacher werden. Wir müssen deshalb aufpassen, dass wir nicht die Verantwortung immer weiter in die Familien verlagern. Angehörige sind schon heute die tragende Säule unseres Pflegesystems. Sie dürfen nicht gleichzeitig zu Pflegekräften, Case-Managern, Sozialrechtsexperten und Organisatoren des gesamten Versorgungssystems werden.

Mein Maßstab wäre deshalb ganz einfach: Eine Pflegereform muss daran gemessen werden, ob sie das Leben der Menschen leichter macht, die tatsächlich pflegen. Nicht daran, wie elegant das neue Gesetz auf dem Papier aussieht.

Die Kürzungen bei den Zuschlägen für die stationäre Pflege wurden zurückgenommen. Im Umkehrschluss heißt das aber, die Einsparungen gehen in erster Linie zulasten der 84 Prozent der ambulant versorgten Pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen.

Eine Pflegereform muss daran gemessen werden, ob sie das Leben der Menschen leichter macht, die tatsächlich pflegen.

SWR Aktuell: Was hätte die Reform Ihrer Meinung nach unbedingt besser machen müssen?

Es wurde an der bequemsten Stellschraube gedreht: den Finanzen. Wir dürfen aber nicht nur fragen: Wie finanzieren wir die Pflegeversicherung? Wir müssen genauso fragen: Wie organisieren wir eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Angehörigen pflegen können, ohne daran selbst zu Grunde zu gehen? Dazu zählt zum Beispiel die bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Pflegende Angehörige müssen oft ihre Arbeitszeit reduzieren oder den Beruf ganz aufgeben, was zu Einkommenseinbußen führt.

Hilfreich wäre auch ein Bürokratieabbau. Wir können einen Pflegeprozess standardisieren, wir können Qualitätsanforderungen definieren und wir können bestimmte Abläufe verbindlich machen. Aber wir können nicht standardisieren, was einen Menschen ausmacht: seine Biografie, seine Bedürfnisse, seine Gewohnheiten, seine Ängste, seine Beziehungen und das, was ihm im Alltag wichtig ist.  

SWR Aktuell: Ihrer Meinung nach wird die Pflegereform, die zum 1. Januar 2027 umgesetzt werden soll, die Lage der pflegenden Angehörigen eher verschlechtern. Haben Sie ein paar Tipps für diese Menschen?

Ich erlebe immer wieder, dass Angehörige viel zu lange versuchen, alles alleine zu schaffen. Sie organisieren Arzttermine, Medikamente, Pflege, Haushalt, Behörden, vielleicht noch Beruf und Familie - und irgendwann sind sie selbst völlig erschöpft. Genau so weit sollte es gar nicht erst kommen.

Deshalb meine Bitte: Holen Sie sich frühzeitig Hilfe. Lassen Sie sich beraten und prüfen Sie ganz konkret, welche Leistungen Ihnen zustehen und welche Möglichkeiten der Entlastung es gibt. Außerdem: Die Pflege ist inzwischen so kompliziert geworden, dass man leicht den Überblick verliert. Fragen Sie nach. Holen Sie sich Unterstützung bei Anträgen. Und wenn Ihnen eine Leistung zusteht, dann nehmen Sie sie auch in Anspruch.

Und: Beziehen Sie frühzeitig die Familie mit ein. Wer kann und will außer ihnen noch Verantwortung übernehmen und kann entlasten?

Sozialverband in Baden-Württemberg kritisiert Belastung Bundesregierung reformiert die Pflege: Warum Kinderlose mehr zahlen müssen

Die Bundesregierung will mit einer Reform das Milliardendefizit der Pflege angehen. Kinderlose Menschen sollen höhere kosten tragen. Ein Sozialverband aus BW kritisiert den Schritt.

Betzdorf

Opa selbst Pflegefall Schüler aus Betzdorf entwickelt Programm für häusliche Pflege

Tom Groß aus Betzdorf pflegt mit seiner Familie den demenzkranken Opa. Um den Alltag zu erleichtern, hat der 17-Jährige ein Programm zur Organisation häuslicher Pflege entwickelt.

Nastätten

Sorgen teilen, Zuhören, Kraft schöpfen Selbsthilfe in Nastätten: Unterstützung für pflegende Angehörige

Einen Angehörigen zu pflegen ist oft eine große Herausforderung - organisatorisch wie auch emotional. Eine neue Selbsthilfegruppe in der VG Nastätten soll Betroffene unterstützen.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
SWR

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!