Aus der Backstube der Bäckerei Karl Andrae in Waldböckelheim schallen am Morgen Weihnachtslieder. Traditionell startet die Bäcker-Belegschaft mit der zu dieser Jahreszeit ungewöhnlichen Gesangseinlage die Produktion der Lebkuchen. "Wir freuen uns schon seit Mai, Juni darauf", versichert Inhaber Ralf Andrae lächelnd. In diesem Jahr ist er sogar spät dran: "Wir legen auch schon mal im Juli los."
Urlauber aus Holland und Belgien kaufen gern Lebkuchen
Dass es in der heißen Jahreszeit schon Weihnachtsware gibt, liegt am Kunden. Die Supermärkte ordern jetzt schon, und auch in eigenen Bäckereiverkauf ging schon Lebkuchen über die Theke. "Das sind oft Holländer oder Belgier, die hier Urlaub machen und für die der Lebkuchen ein Mitbringsel ist", so Andrae.
Die Waldböckelheimer riechen schon im Sommer, dass in vier Monaten Weihnachten ist.
Auf die Frage, ob sich die Waldböckelheimer an den Geruch von Nelke und Zimt mitten im Sommer gewohnt hätten, antwortet Andrae: "So wissen sie, dass in vier Monaten Weihnachten vor der Tür steht."
Bis zu neun Tonnen Lebkuchen produziert die Bäckerei Karl Andrae bis Weihnachten. Und alle nach hauseigenem, jahrhundertealtem Rezept. Dass es die Original-Andrae-Lebkuchen überhaupt noch gibt, ist einem Bäckermeister im Zweiten Weltkrieg zu verdanken.
Bäckermeister rettete Lebkuchen-Rezept im Zweiten Weltkrieg
Der schickte das gut gehütete Rezept damals vom Kriegseinsatz nach Waldböckelheim, weil er Angst hatte, nicht mehr zurückzukehren. Nach eigenen Angaben ist Ralf Andrae der einzige, der noch über das Originalrezept der Lebkuchen verfügt. Genauso wie heute seien sie schon vor rund 150 Jahren gebacken worden.
Letzlich erspart das frühe Backen der Lebkuchen der Bäckerei auch Stress in der Vorweihnachtszeit. "Dann müssen wir ja auch Stollen und Plätzchen backen", erklärt Ralf Andrae. Gut, dass ihm dabei der Nachwuchs hilft. Tochter Madeleine hat vor fünf Jahren die Bäckerlehre bestanden und wird wohl auch in einigen Jahrzehnten noch echte Waldböckelheimer Lebkuchen backen.