Wenn die Sonne scheint und es mehr als 25 Grad hat, zückt Sozialarbeiter Murat Sözer im JUKU, dem Zentrum für soziale Arbeit der Stadt Alzey, sein Handy. "Ich habe mit meinen Jugendlichen eine WhatsApp-Gruppe. Wenn das Wetter passt, schreibe ich, dass ich ins Wartbergbad gehe und frage, wer mitkommen will", erzählt er.
Dann melden sich meistens an die zwölf Kinder und Jugendliche. Sie sind zwischen 11 und 21 Jahren alt. "Ich kenne sie vom JUKU - und sie kennen mich und wissen, dass ich streng bin", sagt Murat.
Jugendliche müssen Bademeister "guten Tag" sagen
Wenn Murat und "seine" Kids im Wartbergbad in Alzey ankommen, begrüßen sie als erstes den Bademeister. Das gehöre für ihn zum respektvollen Umgang. Der wisse dann, dass die Gruppe da sei und die Jugendlichen lernten, dass man vor ihm Respekt haben müsse, erklärt der 46-Jährige.
Die Jungs und Mädels müssen als erstes zum Bademeister. Dann merken sie, er ist zu respektieren.
Dann suchen sich alle einen Liegeplatz und gehen ins Schwimmbecken. Murat lässt seine Jugendlichen nie alleine. "Nein, Murat springt mit uns ins Wasser", erzählt die 18-jährige Sarah. "Er sitzt nie da und trinkt einen Kaffee. Er ist einer von uns."
Murat Sözer macht Programm. Er bringt der Gruppe zum Beispiel Rückwärtssalti ins Becken bei. Natürlich nur von Stellen, wo es erlaubt ist. Und ganz nebenbei schaut er, was um ihn herum passiert.
Ermahnung statt Pommes
Wer mit seinen Pommes am Beckenrand sitzt und Murat Sözer sieht das, kann die Pommes nicht lange genießen. "Ich gehe zu ihm hin und sage, dass das verboten ist", sagt Murat Sözer.
Oder wer am Dreimeterbrett drängelt, den nimmt er zur Seite und macht ihm klar, dass er sich hinten anstellen soll. Von der Seite ins Becken springen, das gehe natürlich auch nicht, sagt Murat.
"Wir hören auf Murat - weil er Recht hat"
Die Jugendlichen machen das, was Murat Sözer sagt. Der elfjährige Leander erklärt, warum: "Er ist streng, aber er ist der Chef. Er sagt was und dann mach' ich es."
Auch der 21-jährige Serif hat Respekt vor Murat. "Er ist wie ein großer Bruder für mich", meint Serif. Lutrim stimmt ihm zu. Er ist 19 Jahre alt und stammt aus Syrien.
Murat hat uns Respekt beigebracht.
Und der 17-jährige Dorit, der auch aus Syrien nach Alzey gekommen ist, erzählt, dass er froh ist, dass er Murat Sözer kennt. "Er ist für alle da. Wenn ich ein Problem habe, dann hilft er."
Murat Sözer ist stolz, wenn das seine Kids sagen. Wenn er selbst darüber nachdenkt, warum die Kids auf ihn hören, sagt er, dass der Respekt wichtig sei. "Wir gehen mit allen Jugendlichen im JUKU respektvoll um. Deshalb sind sie auch so zu mir."
Personal im Wartbergbad freut sich über Benimmcoach Murat
Das Personal im Alzeyer Wartbergbad ist froh, dass Benimmcoach Murat Sözer da ist. "Wenn an die 2.000 Badegäste hier sind, können wir uns nicht um die Jugendlichen kümmern, da hilft uns Murat", sagt Ingo Boos, der Technische Betriebsleiter des Wartbergbades.
Es gibt immer mal wieder Jugendliche, die sich daneben benehmen. Aber dafür haben wir den Murat, der uns dann unterstützt.
Ingo Boos ist von Murat Sözer begeistert. Dank seiner Hilfe gehe es im Wartbergbad ruhig und gesittet zu. Sexuelle Übergriffe gebe es nicht. Wenn sich Badegäste respektlos verhielten, schritten die Schwimmmeister oder Murat Sözer sofort ein.
Aber Murat Sözer kümmert sich nicht nur um "seine" Jugendlichen. Wenn er im Schwimmbecken mit ihnen ist, beobachtet er auch immer, was um ihn herum passiert.
Benimmcoach mischt sich immer ein
Problem sei oft die Lautstärke der Jugendlichen im Schwimmbad. In südlichen Ländern sei es völlig normal, laut zu sein, in Deutschland nicht, meint Murat, der aus der Türkei stammt. Das müsse man den Jugendlichen sagen. "Ich gehe zu ihnen hin und sage: 'eure laute Musik will nicht jeder hören, macht sie doch bitte leiser'", sagt er.
Oder wenn sich eine Schlägerei zwischen zwei Gruppen anbahnt und die Bademeister nicht mehr weiterkommen, hilft Murat. Er selbst spricht Türkisch und vermittelt. Oder er nimmt seine Jugendlichen mit: "Denn sie sprechen Afghanisch, Bulgarisch oder Syrisch", erklärt der Sozialarbeiter. "Meistens können wir helfen und alle beruhigen."
Jugendliche sollen im Schwimmbad Regeln trainieren
Das Witzige sei, dass die Jugendlichen selbst schon ihre Kumpels ermahnen. "Das freut mich - da bin ich stolz", sagt er. Murat macht diese Ausflüge mit den Jugendlichen, um mit ihnen zu trainieren. Sie sollen üben, die Benimmregeln einzuhalten.
"Im JUKU halten sie sich an die Regeln", sagt er. Schwierig sei es außerhalb des Zentrums, das müsse geübt werden. Deshalb hat er vor einem Jahr im JUKU den "Offenen Treff" eingeführt. Er geht mit den Jugendlichen in die Stadt oder zum Minigolf.
Keine Angst vor Zivilcourage
Und von ihm lernen sie auch Zivilcourage. "Ich gehe immer dazwischen, wenn es Probleme gibt", sagt Murat. "Meine Frau schimpft immer und sagt, du musst dich immer reinhängen. Irgendwann bekommst du mal was auf die Nase", lacht Murat Sözer. "Ich kann aber nicht anders, mir passiert schon nichts."