Ängste, Depressionen, Sucht - Menschen, die damit zu kämpfen haben, wird gerne geraten, sich an Psychotherapeuten zu wenden. "Der Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungen ist in Rheinland-Pfalz ungebrochen hoch", heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (KV). Der Verband kümmert sich um die Versorgung gesetzlich Versicherter.
Das Problem: Einen Therapieplatz zu bekommen, ist schwierig - und erfordert Ausdauer. Vier Monate müssen Menschen in Rheinland-Pfalz laut Bundespsychotherapeutenkammer durchschnittlich auf einen Therapieplatz warten.
Betroffene sprechen über ihre Erfahrungen Was beim Warten auf Psychotherapie helfen kann
Wer psychisch krank wird, muss oft sehr lange auf einen Therapieplatz warten. Zu einer Therapie gibt es keine Alternative, doch es gibt Angebote, die in der Wartezeit helfen.
Im Jahr 2023 war Rheinland-Pfalz laut dem Statistischen Bundesamt bei Psychotherapeuten mit Kassenzulassung an vorletzter Stelle aller westlichen Bundesländer. Die KV beurteilt die aktuelle Lage im Bundesland als "prekär".
KV Rheinland-Pfalz: Es fehlen Sitze für Psychotherapeuten
Die Unterversorgung liege nicht daran, dass es keine ausgebildeten Psychotherapeuten gebe - sondern daran, dass Kassensitze für die Therapeuten fehlen: "Nach unserem Kenntnisstand fehlen in Rheinland-Pfalz rund 200 psychotherapeutische Sitze", teilte die KV dem SWR auf Nachfrage mit.
Das sagt auch Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer. Ihr zufolge liegen durchschnittlich 121 Tage zwischen dem Tag, an dem ein psychisch kranker Mensch seine Diagnose erhält und dem Beginn seiner Psychotherapie.
Psychotherapeutenkammer: Die Lage ist ernst
Eine Situation, die Benecke als "ernst" einschätzt. Ihr Verband setzt sich dafür ein, dass mehr Kassensitze in den Ländern geschaffen werden, um eine angemessene Versorgung sicherzustellen. Vor allem auf dem Land und in der Kinder- und Jugendtherapie fehle es an Versorgung, so Benecke, die auch Vizepräsidentin der Landespsychotherapeutenkammer in Rheinland-Pfalz ist.
Denn die aktuelle Bedarfsplanung unterscheidet nicht zwischen der Versorgung von Erwachsenen und der von Kindern und Jugendlichen, so Benecke. Beide Gruppen werden aktuell gemeinsam betrachtet, obwohl sich die Bedarfe erheblich unterscheiden.
Deswegen fordert die Kammer, dass es eine separate Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche geben müsse, die ihren Bedürfnissen gerecht werde.
Deutlich mehr Krankschreibungen Depression bei Männern - Mangel an Therapeuten in Rheinland-Pfalz
Immer mehr Männer sind wegen psychischer Probleme wie Depressionen krankgeschrieben. Aber: Es fehlen Therapeuten. Rheinland-Pfalz hat weniger Plätze als der Bundesschnitt.
Gesundheitsministerium Rheinland-Pfalz verweist auf den Bund
Auch das Gesundheitsministerium in Rheinland-Pfalz sieht Mängel in der aktuellen Lage. Dem Psychiatrie-Referat des Ministeriums werde von Seiten der Patienten und Angehörigen immer wieder über Probleme bei der Suche nach einem ambulanten psychotherapeutischen Behandlungsplatz berichtet, so ein Sprecher.
"Nach Auffassung des Ministeriums ist der steigende Bedarf im Bereich der Psychotherapie in der aktuellen Bedarfsplanungsrichtlinie nicht im notwendigen Umfang berücksichtigt", heißt es in einer Antwort an den SWR. Laut Ministerium sei der Bund für die Kassensitze verantwortlich, da hier die Zuständigkeit für die Krankenkassen liege.
Zwölf neue Kassensitze ein "erster Schritt"
Immerhin: Im vergangenen Jahr wurden zwölf neue Kassensitze genehmigt. Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch sagte damals: "Die Schaffung der neuen Kassensitze ist ein erster wichtiger Schritt, doch er wird nicht ausreichen, um die Wartezeiten auf einen Therapieplatz für die Patient*innen deutlich zu verkürzen." Hoch fordert vom Bund, die Bedarfsplanung und Versorgungssituation zu reformieren.
Gesundheitsausschuss in Berlin: Bedarfsplanungsrichtlinie sollte angepasst werden
Eine, die in Berlin in der Gesundheitspolitik arbeitet, ist Tanja Machalet (SPD). Die gebürtige Westerwälderin hat im Mai den Vorsitz des Bundesgesundheitsausschusses übernommen. Sie kritisiert ebenfalls die Bedarfsplanung, die "leider nicht das widerspiegelt, was vor Ort an Bedarf da ist".
Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Bedarfsplanung gezielt für Kinder und Jugendliche anzupassen und somit die Versorgung dieser Gruppe mit psychischen Erkrankungen, insbesondere mit Blick auf den ländlichen Raum, zu verbessern.
Wichtig wäre eigentlich, dass die Bedarfsplanungsrichtlinie allgemein angepasst wird. Ich wäre dafür, dass es eine eigenständige Planung für Kinder- und Jugendpsychotherapie-Planung gibt.
Gesundheitspolitik: Haushaltslage ist angespannt
Der Politik in Berlin sei klar, dass die zusätzlichen Plätze in der Psychotherapie gebraucht werden, so Machalet. Die Finanzierung der Psychotherapie sei allerdings auch aufgrund der generell angespannten Situation im Gesundheitshaushalt angespannt. Das liege daran, dass der Gesundheitssektor ein stark umkämpfter Bereich sei.
Zum einen sind laut Machalet die Diskussionen um die finanzielle Stabilisierung der gesetzlichen Krankenkassen sehr arbeitsintensiv. Aber auch andere große Gesetzesvorhaben wie die Notfallreform würden aktuell noch viel Zeit in Anspruch nehmen.
Dennoch zeigte sich die Vorsitzende des Gesundheitsauschusses optimistisch, dass man sich im nächsten Jahr auch im Bereich der Psychotherapie auf den "Weg mache, um den Koalitionsvertrag umzusetzen".