Am deutlichsten zeigt sich die Entwicklung bei den Handwerksbetrieben in den vergangenen fünf Jahren: Unmittelbar nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 war das Auftragsvolumen durch den Wiederaufbau immensund für viele Betriebe kaum zu stemmen, weil sie selbst zerstört waren. Gleichzeitig fehlten viele Beschäftigte länger, denn sie waren direkt oder indirekt von der Flut betroffen.
Psychologische Lage der Betroffenen Das Trauma der Ahr-Flut: Warum Nicole sich erst nach Jahren Hilfe suchte
Die Folgen der Flut beschäftigen die Menschen im Ahrtal bis heute. Auch Nicole, die lange gebraucht hat, bis sie bereit war, sich Hilfe zu holen. Hier erzählt sie, warum.
Positive Entwicklung beim Handwerk im Ahrtal - auch dank Jugend
Nach Angaben der Handwerkskammer (HwK) Koblenz sind psychische Belastungen in der Bevölkerung bis heute spürbar. Die Betriebe nennen vor allem die doppelte Belastung durch Corona-Pandemie und Flutkatastrophe.
Inzwischen sei die Zahl der Krankmeldungen aber auf ein normales Niveau gesunken. Gleichzeitig ist die Zahl der Handwerksbetriebe im Kreis Ahrweiler seit der Flutkatastrophe von knapp 2.000 auf etwa 2.200 gestiegen. Laut HwK spielen junge Menschen und Auszubildende beim Wiederaufbau eine zentrale Rolle. Diese hätten früh Verantwortung übernommen und unmittelbar erlebt, welche gesellschaftliche Bedeutung ihre Arbeit für die Region habe.
Große Arbeitgeber im Ahrtal wieder in der Spur
Eine ähnliche Kurve zeigt sich auch bei den größeren Firmen im Ahrtal. So wurde das Apollinaris-Werk (inzwischen Coca Cola) bei der Flut zwar beschädigt, konnte aber relativ schnell wieder aufgebaut werden. Das Produktionsvolumen und die Zahl der Beschäftigten am Standort seien seit 2021 gestiegen, heißt es von Coca Cola. Nach Angaben des Konzerns gibt es derzeit keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Flut im Ahrtal und dem Krankenstand am Standort Bad Neuenahr.
Nach Angaben des Automobilzulieferers ZF war der Krankenstand in den ersten Monaten und Jahren nach der Flut deutlich höher als üblich, vor allem bei Langzeiterkrankungen. Besonders betroffen waren Menschen, die durch die Flut viel verloren hatten, so ein Unternehmenssprecher. Inzwischen habe sich die Lage aber auch hier wieder normalisiert.
Umzug noch 2026 Beschlossen: ZF zieht von Ahrweiler nach Niederzissen
Umzug, Übernahme oder Schließung? Lange war unklar, wie es mit der Belegschaft des Automobilzulieferers ZF in Ahrweiler weitergeht. Jetzt steht der Umzug nach Niederzissen fest.
Außerdem steht der lange geplante Umzug vom stark beschädigten Werk in Ahrweiler in einen Neubau in Niederzissen bevor, trotz der angespannten Lage auf dem Automobilmarkt.
Krankenkassen: Psychische Belastung durch Flut ein großes Problem
Die Entwicklung hin zu mehr Normalität zeigt sich auch in den Zahlen der Krankenkassen.SWR-Recherchen bei der Barmer und der Techniker Krankenkasse (TK) zeigen: In den Jahren nach der Flut (2021 bis 2023) lag die Zahl der Krankentage im Ahrtal um etwa zwei Arbeitstage pro Beschäftigten höher als im Rest von Rheinland-Pfalz.
Bis 2025 hat sich dieser Trend aber umgekehrt. Laut einem Barmer-Sprecher lagen die durchschnittlichen Krankentage pro Beschäftigte mit etwa 20 sogar zwei Tage unter dem rheinland-pfälzischen Durchschnitt. Allerdings liegt der Anteil psychischer Erkrankungen, die in der Regel zu deutlich längeren Fehlzeiten führen, seit der Flut deutlich über dem landesweiten Schnitt. Und daran hat sich auch bis heute nichts geändert.
Langzeitkrankschreibungen über Monate und Jahre hinweg im Ahrtal
Hinter diesen Zahlen stehen viele Einzelschicksale, wie das von Klaudia Kronen. Die 60 Jahre alte Verwaltungsangestellte hat lange am Empfang gearbeitet. Seit der Flutkatastrophe hatte sie mehrere Zusammenbrüche, war teilweise monatelang in Traumatherapie. Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Sie leidet unter Panikattacken, chronischer Erschöpfung und Konzentrationsproblemen. Immer wieder wurde sie krankgeschrieben. Bis sie die Reißleine zog.
Alle Dinge, die ich nicht verarbeiten konnte, habe ich verdrängt.
Seit Oktober 2025 ist sie in Erwerbsminderungsrente - kann überhaupt nicht mehr arbeiten. Dabei sei die Arbeit immer ihr sicherer Hafen gewesen. "Als der letzte Zusammenbruch kam, ging es nicht mehr weiter," sagt sie im SWR-Interview. "Alle Dinge, die ich nicht verarbeiten konnte, habe ich verdrängt." Ihre Kollegen hätten sie immer unterstützt, aber das hätte nicht gereicht. Wie lange es dauert, bis sich ihre Beschwerden wieder stabilisieren, ist unklar. Bei einer Belastungsstörung lässt sich das schwer vorhersagen.
Viele Menschen im Ahrtal erst jetzt in psychologischer Behandlung
Auch wenn die Zahl der Krankschreibungen im Ahrtal grundsätzlich sinkt, die Zahl der Patientinnen und Patienten, die immer noch in Therapie sind oder gerade erst damit beginnen, ist immer noch hoch. Viele Menschen merken erst jetzt, dass sie psychotherapeutische Hilfe brauchen, sagt die Leiterin des Traumahilfezentrums in Ahrweiler, Katharina Scharping.
Wenn die Menschen fünf Jahre lang keine Therapie gemacht haben, ist das Trauma immer noch da.
Gerade in den ersten Jahren nach der Flutkatastrophe seien die Betroffenen so im Aufbau-Modus gewesen, dass sie vielleicht gar nicht bemerkt hätten, dass sie dringend Hilfe brauchten. "Aber das Grundproblem geht ja auch nach dieser langen Zeit nicht weg," sagt sie. "Wenn die Menschen fünf Jahre lang keine Therapie gemacht haben, ist das Trauma immer noch da." Die langen Krankmeldungen bei psychischen Erkrankungen ließen sich oft nicht verhindern.
Je länger jemand krankgeschrieben ist, desto schwieriger wird die Rückkehr ins Berufsleben, so Scharping. Oft fehlen hier Reha-Angebote oder klare Regeln für die Rückkehr in den Job. Das bedeutet: Das bedeutet: Auch wenn sich die Wirtschaft im Kreis Ahrweiler fünf Jahre nach der Flut wieder stabilisiert hat, bleiben lange Krankmeldungen im Ahrtal ein großes Thema.