Am Rheinufer bei Koblenz im Stadtteil Wallersheim legt ein Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes einen mit Klebeband umwickelten Gegenstand behutsam auf einen Sandsack und schnallt ihn mit Kabelbindern daran fest. Die unscheinbare verrostete Metallröhre hat es in sich: Es handelt sich um eine Bazooka-Rakete aus dem Zweiten Weltkrieg. Darin befindet sich zwar nur wenig Sprengstoff, aber bei falschem Umgang kann der Blindgänger tödlich sein, erklärt Truppführer Marco Ofenstein.
Im Rhein liegt viel Munition aus dem Zweiten Weltkrieg
Rund 80 Jahre hat der Sprengkörper im Rhein gelegen. Denn nach dem Krieg wurden viele Blindgänger dort entsorgt, sagt der technische Leiter des Kampfmittelräumdienstes (KMRD) Rheinland-Pfalz, Sven Rasehorn: "Das haben auch die Alliierten gemacht. Die Amerikaner sind teilweise mit Lkw an Seen und Flüsse gefahren und haben Munition verklappt. Einfach, dass es weg ist." Viele Gedanken habe man sich damals wohl nicht gemacht.
Rheinpegel sinkt immer weiter Der Rhein, Kaub und die New York Times: Niedrigwasser verschafft Ort traurige Berühmtheit
Das Niedrigwasser am Mittelrhein rückt Kaub weltweit in den Fokus. Denn dort wird der Rheinpegel gemessen. Viele Journalisten sind deshalb gerade in der Kleinstadt unterwegs.
Sprengung in manchen Fällen sicherer als Entschärfung
Jetzt kommen durch das extreme Niedrigwasser die Altlasten im Rhein wieder zum Vorschein. Ihr Zustand sei teilweise so schlecht, dass es sicherer sei, die alten Munitionsgegenstände zu sprengen als sie zu entschärfen, sagt Truppführer Marco Ofenstein. Aber: "Da sind irgendwann Grenzen gesetzt." Bei größeren Sprengkörpern wie einer Luftmine sei eine Sprengung in der Stadt nicht möglich.
Teile von Wallersheim und Pfaffendorf zeitweise evakuiert Bazooka-Rakete in Koblenz im Rhein kontrolliert gesprengt
Die Bazooka-Rakete aus dem Zweiten Weltkrieg, die bei Niedrigwasser im Flussbett des Rheins gefunden wurde, ist nicht mehr gefährlich. Sie wurde kontrolliert gesprengt.
Bei der Bazooka-Rakete sei das aber kein Problem. Damit keine Splitter durch die Gegend fliegen, wird sie im Wasser gesprengt. Ein Mitarbeiter des KMRD trägt die präparierte und verkabelte Rakete dafür vorsichtig ins Wasser. Einen speziellen Schutzanzug hat er nicht an. Lediglich einen Taucheranzug, um nicht nass zu werden. Nervös wirkt er nicht.
Ruhe und Professionalität bei Bombenentschärfungen
"Wir arbeiten ja im Grunde Tag für Tag mit Kampfmitteln, die Explosivstoff enthalten", erklärt Marco Ofenstein. Das erfordere eine große Aufmerksamkeit und Wissen um Munition und Zünder. Daher arbeiten die Kampfmittelbeseitiger auch immer im Team, um mögliche Fehler zu vermeiden.
Eine Bombenentschärfung bleibt eine Bombenentschärfung.
Auch größere Einsätze bringen die Experten nicht aus der Ruhe: "Eine Bombenentschärfung bleibt eine Bombenentschärfung. Ob da jetzt 500 Kilo Explosivstoff drin sind oder mehr - das macht für uns eigentlich keinen Unterschied." Gefährlich sei ihre Arbeit immer. Wo der Puls dann doch mal ein bisschen höher gehen könne, sei bei besonders komplexen Zündmechanismen.
Kampfmittelbeseitiger im Dauereinsatz
Unmittelbar vor der Sprengung der Bazooka-Rakete in Wallersheim müssen alle Unbeteiligten das Rheinufer verlassen. Um 9:32 Uhr ist aus der Entfernung ein lauter, dumpfer Knall zu hören. Eine Autoalarmanlage wird durch die Druckwelle ausgelöst. Sonst passiert nichts. Die Sprengung ist reibungslos abgelaufen. Chef Sven Rasehorn ist zufrieden.
Kurz darauf klingelt sein Telefon: In Lahnstein wurde ein verdächtiger Gegenstand im Rhein entdeckt. Bevor er den untersuchen kann, geht es erst noch zur nächsten Sprengung: eine Gewehrgranate, die im Koblenzer Stadtteil Pfaffendorf gefunden wurde. Etwa anderthalb Stunden später haben die Kampfmittelbeseitiger auch diese Sprengung erfolgreich hinter sich gebracht. Zeit zum Durchatmen haben sie nicht. Weiter geht es nach Lahnstein.
Verdächtige Gegenstände: Fünf Meldungen pro Tag
Jetzt schlüpft Marco Ofenstein in den Trockentauchanzug. Vorsichtig nähert er sich einem großen, länglichen Gegenstand im seichten Wasser. Könnte es eine Fliegerbombe sein? Ofenstein winkt ab. Aber er möchte trotzdem wissen, worum es sich handelt. Er rollt das Objekt mit einiger Mühe aus dem Wasser. Die Männer schmunzeln: Nur ein alter, vom Rhein glattgeschliffener Holzstamm.
Falschmeldungen von vermeintlichen Sprengkörpern beschäftigen die Kampfmittelbeseitiger momentan viel. Im Schnitt gebe es gerade jeden Tag fünf Meldungen von verdächtigen Funden, die Hälfte davon stelle sich im Nachgang als ungefährlich heraus, sagt Rasehorn.
Das werden viele Überstunden!
KMRD: Munition nicht anfassen
Ihm ist es trotzdem lieber, dass die Leute anrufen, wenn sie sich nicht sicher sind: "Der eine oder andere nimmt dann Munition an sich, weil er gar nicht weiß, dass es Munition ist, und merkt dann Zuhause beim Googeln: Oh, jetzt hab ich eine Granate mit nach Hause genommen." Deswegen appelliert er: Verdächtige Gegenstände liegenlassen, Fotos machen und dann beim Ordnungsamt oder der Polizei melden.
Kaum haben die Männer in Lahnstein zusammengepackt, klingelt erneut das Telefon: verdächtiger Fund in Koblenz. Seit der Rhein so wenig Wasser hat, sei das Normalität, sagt Rasehorn: "Viele zusätzliche Einsätze, vor allem in der Bereitschaft, weil die meisten Funde dann eben doch erst nachmittags oder abends gemeldet werden. Das werden viele Überstunden!" Trotzdem hat das Niedrigwasser für ihn auch etwas Gutes: Er ist froh, über alle Waffen, die er mit seinen Team entsorgen kann: "Das macht die Welt dann wieder ein bisschen sicherer."