Thomas Melchior kommt eigentlich aus Magdeburg und war 13 Jahre spielsüchtig. In seiner Spielsucht hat er sein damaliges Umfeld belogen, betrogen und beklaut. In dieser Zeit hat er 800.000 Euro Schulden aufgebaut und musste schließlich mehr als drei Jahre ins Gefängnis. Jetzt setzt er sich für die Prävention gegen Spielsucht ein.
Thomas Melchior hat das Buch "Im Kampf gegen Spielsucht und Wettmafia" geschrieben. Außerdem produziert er mit einer Münchner Firma Videos, die gezielt junge Menschen als gefährdete Zielgruppe ansprechen, wie er sagt. Dabei traut er sich mit einem Rivalitäts-Trikot an ein Fußballstadion. Wie mit einem Waldhof Mannheim-Trikot beim Heimspiel des FCK gegen VfL Bochum. Die teils heftigen Reaktionen nimmt er in Kauf, er möchte mit den Fans ins Gespräch kommen und ihnen seine Geschichte als Negativbeispiel näherbringen.
SWR Aktuell: Warum machen Sie die Aktion?
Thomas Melchior: Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, das Thema Spielsucht so zu verpacken, dass es auch bei der jungen Generation ankommt. Der übliche Weg von Suchtberatungen ist, sich mit einem Pavillon und ein paar Flyern in die Fußgängerzone zu stellen und zu sagen "Spielsucht ist schlecht". Das funktioniert so heute nicht mehr.
Meiner Meinung nach sollten Suchtberatungen etwas machen, womit sie die Leute auch erreichen. Dann habe ich es selbst gemacht. Ich wusste, dass es gut ist, aber dass es so gut ist, das wusste ich nicht! Mein Ziel ist es, dort einen Reizpunkt zu setzen und Aufmerksamkeit zu schaffen.
SWR Aktuell: Wie haben Sie damit angefangen?
Melchior: Ich bin 2022 aus dem Gefängnis entlassen worden und da war klar, dass ich meinen Job als Bankkaufmann nie wieder ausüben kann. Und da musste ich aus der Not die Tugend machen. Mit 47 Jahren, 800.000 Euro Schulden und über drei Jahren im Gefängnis ist das Leben noch nicht vorbei. Ich habe viele Job-Absagen bekommen, dann in einem Café gearbeitet, sodass ich mehr schlecht als recht überleben konnte.
Letztes Jahr im August habe ich in dem Café gekündigt und mich auf die Sachen konzentriert. Am Anfang in Schalke mit Dortmund-Trikot hatte ich erst einmal Muffensausen, weil keiner mich kannte und niemand wusste, worum es geht. Ich hatte nur die Vision, dass ich mit diesem Schild "Wette verloren" den Druck rausnehme und dass ich ins Gespräch komme. Das hätte auch komplett schief gehen können, die Leute reagieren teilweise echt extrem.
SWR Aktuell: Und wie hat Ihr persönliches Umfeld darauf reagiert?
Melchior: Mein Umfeld ist komplett neu. Ich habe meine Freundin vor zwei Jahren im Zug getroffen, habe ihr meine Geschichte erzählt und gehe ganz offen damit um. Sie hat diese Ehrlichkeit honoriert. Meine Schwiegermama und meine Freundin unterstützen mich sehr. Sie haben mir auch finanziell den Rücken freigehalten, weil ein Jahr lang ein Buch schreiben sonst nicht möglich gewesen wäre. Meine Mutter und mein Bruder finden auch super, was ich mache.
SWR Aktuell: Warum haben Sie sich nun zuletzt den FCK ausgesucht?
Melchior: Mir haben ganz viele Leute geschrieben: "Mach Waldhof aufm Betze" oder andersherum "Mach Lautern in Mannheim". Und da habe ich gemerkt, dass es da eine Rivalität gibt und offensichtlich gibt es dort eine gewisse Aufmerksamkeit. Einer unserer Leute aus der Produktionsfirma ist Lautern-Fan, er kennt diese Rivalität und hat gesagt: 'Komm, lass uns mit einem Waldhof Trikot nach Lautern gehen. Ich glaube, das gibt gute Reaktionen.'
SWR Aktuell: Wie haben Sie die Betze-Fans erlebt und wie vergleichen Sie die Atmosphäre mit anderen Stadien?
Melchior: Die waren total sympathisch. Die waren friedlicher als Hannover zum Beispiel, wo die Fans mich noch nicht kannten. Ich kann wirklich nur sagen: Super drauf reagiert, sie haben die Message verstanden. Ich bin mit Leuten ins Gespräch gekommen und genau darum geht es. Es war eine rundum positive Erfahrung.
Natürlich kriegst du dort auch mal ein paar Sprüche reingedrückt, das ist völlig normal. Wenn das meine erste Station gewesen wäre, wäre das Video wahrscheinlich anders gelaufen. Aber dadurch, dass die Menschen mich eben schon kannten, war es wirklich top. Also von vorne bis hinten eine tolle Erfahrung. Ich komme gerne wieder, dann im Lautern-Trikot.
SWR Aktuell: Nehmen die Fußballfans Ihr Vorhaben an?
Melchior: Es kommt gut an. 99 Prozent der Leute reagieren super und ein Prozent nehmen Fußball manchmal ein bisschen zu ernst oder verstehen es nicht. Mit Kritik kann ich locker umgehen. Mit Gewalt nicht, aber mit Kritik. Es ist ja auch logisch, das ist irgendwie eingepreist in die Aktion, dass das nicht jedem gefällt. Mein Postfach ist voll mit ganz vielen tollen Nachrichten von Leuten, denen es genauso geht, wie es mir mal ging. Mit ganz vielen berührenden Geschichten. Und allein die Anzahl der Aufrufe und der Follower der letzten Wochen zeigen, welchen Nerv dieses Thema trifft und wie wichtig es ist, darüber zu sprechen.