Zugbegleiter: Prozess endet mit zehn Jahren Haft, Familie will vor Bundesgerichtshof ziehen, Mahnmal für Serkan Çalar
Der Zugbegleiter Serkan Çalar wird vergangenen Februar in einem Zug bei Landstuhl im Kreis Kaiserslautern mit Schlägen lebensgefährlich verletzt. Zwei Tage später stirbt er im Krankenhaus. Die Infos zum Prozess in Zweibrücken und alles, was darüber hinaus passiert, lesen Sie hier im Blog.
Vater von Serkan Çalar: "Für mich gibt es keine Geburtstage mehr"
Der Vater des Opfers, Erdal Çalar, hat die Auswirkungen der Tat auf die Familie geschildert. Arbeitskollegen seines Sohnes hätten ihm von der Tat berichtet. Im Krankenhaus hätten die Ärzte ihm und der Familie mitgeteilt, dass sein Sohn nicht mehr gerettet werden könne. Kurz danach habe er einen Herzinfarkt bekommen. Der Tod seines Sohnes sei für ihn das Schlimmste, was einem Vater passieren könne. Und das noch an seinem Geburtstag. "Für mich gibt es keinen Geburtstage mehr", sagte er.
Nach seinen Worten müssen mehrere Angehörige seitdem psychologisch betreut werden, darunter die Ehefrau, die Brüder und die Kinder des Opfers. Die beiden Kinder von Zugbegleiter Serkan Çalar leben gerade in Betreuung und besuchen weiter die Schule. Vater Erdal Çalar selbst berichtet von starken Angstzuständen. Er sei im Moment nicht arbeitsfähig.
++ Prozess geht weiter ++
Der Prozess ist mittlerweile weitergegangen. Dem Angeklagten wurden nun auch die Handschellen abgenommen. Jetzt werden Zeugen befragt...
++ Kollege und Freund fordert Gerechtigkeit ++
Beim Prozessauftakt in Zweibrücken ist nicht nur die Familie als Nebenkläger anwesend, auch Arbeitskollegen des Opfers von der Deutschen Bahn sind gekommen. Einer davon ist Yunos Baskan. Er will vor allem Gerechtigkeit für seinen ehemaligen Kollegen und sehr guten Freund.
Anwalt der Nebenklage: Angeklagter ist Kampfsportler
In der Pause sprach der Anwalt der Nebenklage, Yalçın Tekinoğlu, noch einmal mit den Medien. Dabei betonte er, dass im Tatvideo klar zu sehen war, dass der angeklagte 26-Jährige durchaus Erfahrung im Kampfsport hat.
Mittagspause im Landgericht Zweibrücken
Viel Diskussionsstoff bei den Zuschauern bot das Tatvideo und der kurze Tumult im Gerichtssaal. Kurze Verschnaufpause. Es ist Mittagspause.
Eigentliche Tat in Zug bei Landstuhl dauert nur wenige Sekunden
Nachdem sich die Situation im Gerichtssaal wieder beruhigt hat, wurde das Video weiter gezeigt:
Die eigentliche Auseinandersetzung dauert nur wenige Sekunden. Zu sehen ist, wie Serkan Çalar sich zunächst wehrt, dann zu Boden geht und regungslos liegen bleibt. Mehrere Minuten kümmert sich niemand um den am Boden liegenden Zugbegleiter. Erst dann zeigen die Bilder, wie Fahrgäste - darunter ein Soldat - Hilfe leisten. Der Angeklagte verfolgt die Aufnahmen regungslos.
Die Bundespolizei nimmt ihn später im Zug widerstandslos fest. Mehrere Angehörige verlassen während der Vorführung den Saal. Nach dem Video muss der Vorsitzende Richter erneut eine Zuschauerin ermahnen, die sich lautstark äußert.
Schlagstock wird gezückt - Zuschauer muss Saal verlassen
Justizbeamte haben den Tumult unterbrochen, dabei wurde auch ein Schlagstock gezogen, aber nicht eingesetzt. Ein Angehöriger des Getöteten musste den Saal verlassen. Gegen ihn verhängte das Gericht ein Ordnungsgeld und verwies ihn des Saales. Der Vorsitzende Richter mahnte zur Ruhe. Wer die Aufnahmen nicht weiter ansehen wolle, könne den Saal verlassen. Mit solchen Ausbrüchen sei dem Tatopfer nicht gedient.
Beim Abspielen der Aufnahmen flossen im Zuschauerraum Tränen.
Tumult im Gerichtssaal wegen Tatvideo
Bei dem Tatvideo handelt es sich um Aufnahmen der Überwachungskamera aus der Regionalbahn. Die Bilder sollen zeigen, was an jenem Tag im Februar 2026 im Zug bei Landstuhl passiert ist.
Unsere Reporter haben das Video gesehen: Zu sehen ist ein zunächst ruhiger Ablauf. Das Abteil ist gut besetzt, Zugbegleiter Serkan Çalar kontrolliert die Fahrscheine. Später gerät er mit dem Angeklagten in eine Diskussion. Çalar wirkt dabei ruhig und zeigt mehrfach in Richtung Ausgang. Kurz darauf eskaliert die Situation. Der Angeklagte schlägt mehrfach auf den Zugbegleiter ein. An dieser Stelle wurde die Verhandlung unterbrochen, nachdem es im Zuschauerbereich zu einem Tumult gekommen war.
Nebenklage kritisiert Angeklagten scharf - Diskussion um Aussage im Tatvideo
Nach der Pause hat die Nebenklage zunächst den Angeklagten deutlich kritisiert. Er habe vor allem über sich selbst gesprochen und das Leid der Angehörigen nicht erwähnt. Außerdem wolle er nicht zur weiteren Aufklärung beitragen, weil er nun keine weitere Aussage mehr machen möchte.
Im Gerichtssaal geht es gerade auch um die Frage, ob der Angeklagte kurz vor der Tat "Don't touch me, I'm a boxer, I'm a fighter" (auf Deutsch: "Fass mich nicht an, ich bin ein Boxer, ein Kämpfer.") gesagt haben soll. Das Tatvideo, das im Gerichtssaal nun gezeigt wurde, hat allerdings keinen Ton.
Nebenklage: "Gewalt ist keine Lösung"
Während im Gerichtssaal das Tatvideo gezeigt wird, blicken wir kurz zurück. Vor Beginn des Prozesses äußerte sich der Anwalt der Nebenklage, Yalçın Tekinoğlu. Dabei betonte er einen großen Wunsch:
Tatvideo wird gezeigt
Der Prozess geht nach der kurzen Pause weiter. Jetzt soll das Tatvideo gezeigt werden. Das soll etwa eine halbe Stunde lang sein.
Erste Eindrücke zum Angeklagten
Der Angeklagte macht einen gepflegten Eindruck. Er trägt einen dunkelblauen Anzug und ein weißes Hemd, die Haare hat er zu einem Zopf gebunden. Außerdem trägt er Handschellen. Der Richter sagte, es gebe Hinweise, dass er "lebhafter" sei. Verhält er sich gesittet, könnten die Handschellen zur Mittagspause weg sein.
Zu Beginn der Verhandlung hat der 26-Jährige mehrfach in Richtung Zuschauerraum geschaut, woraufhin die Stimmung kurzzeitig aufgeladen wirkte. Ein Justizmitarbeiter konnte die Situation aber beruhigen. Im weiteren Verlauf schaute der 26-Jährige meistens nach unten oder zu den Richtern, der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage.
"Es ist eine große Last, die mich jede Nacht wach macht"
Zum Schluss hat der Angeklagte eine Erklärung vorgelesen und wurde übersetzt:
"Ich bin mir bewusst, dass meine Worte nicht rückgängig machen können, was passiert ist. Es war eine nicht zu entschuldigende Tat, war ein Moment von blinder Wut. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich alles ändern. Es ist eine große Last, die mich jede Nacht wach macht. Ich weiß, dass sie mich mein ganzes Leben verfolgen wird. Ich übernehme die volle Schuld für die Ereignisse. Auch wenn ich weiß, dass meine Worte nicht den Schmerz erleichtern können, möchte ich mich noch einmal entschuldigen."
Jetzt ist erst einmal Pause...
Angeklagter brauchte psychologische Hilfe in U-Haft
Der Angeklagte schilderte seine Zeit in Untersuchungshaft als einschneidende Erfahrung. Als er zwei Tage nach seiner Festnahme vom Tod des Zugbegleiters erfahren habe, habe er die Nachricht zunächst nicht glauben können. Er habe mehrfach nachgefragt, sich aus Verzweiflung den Kopf gegen die Wand geschlagen und wochenlang kaum gegessen. Zudem berichtete er von Suizidgedanken und früheren psychischen Problemen.
Nach einer Auseinandersetzung mit seiner Mutter habe er sich 2021 selbst verletzt und sich anschließend mehrere Monate in psychologische Behandlung begeben. In der Untersuchungshaft habe er erneut psychologische Hilfe in Anspruch genommen, Medikamente gegen Depressionen und zur Beruhigung erhalten sowie Deutsch gelernt, Sport getrieben und regelmäßig die Kirche besucht. Kampfsport hat er nach eigenen Angaben nie betrieben. Geld habe für ihn allerdings stets eine wichtige Rolle gespielt, sein Ziel sei früher gewesen, einmal Millionär zu werden.
Angeklagter äußert sich
Anderthalb Stunden geht nun der Prozess. In dieser Zeit machte der Angeklagte Angaben zu seiner Person. So etwas dauert bekanntlich etwas länger, da das Gericht so die Lebensgeschichte des Angeklagten erfährt.
Der 26-jährige Angeklagte schilderte, er wuchs im griechischen Thessaloniki auf und studierte Business Management. Nach einem Aufenthalt in England, den er wegen der Folgen des Brexit und auslaufender Aufenthaltsrechte beenden musste, zog er zunächst nach Deutschland und später nach Luxemburg. Dort arbeitete er in der Buchhaltung und lebte mit mehreren Mitbewohnern zusammen.
Der Angeklagte berichtete von einem engen Verhältnis zu seinen Eltern und seiner älteren Schwester. In seiner Freizeit habe er seit Kindheit und Jugend vor allem Basketball, Laufen und Krafttraining betrieben. Nach dem er seinen Arbeitsplatz verloren hatte, lebte er von Ersparnissen und konsumierte nach eigenen Angaben häufiger Marihuana.
Kurze Nacht für Zugbegleiter-Bruder
Kurz vor Beginn des Prozesses kam die Familie von Serkan Çalar am Gericht in Zweibrücken an. Die Nacht auf heute war eine kurze...
Familie des Opfers wird von Richter unterbrochen
SWR-Reporter Andreas Kahlmeyer berichtet, was im Gerichtssaal bisher vor sich ging
Interesse an Prozess ist riesig
Der Sitzungssaal in Zweibrücken ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Vorne sitzen die Pressevertreter, dahinter sieht man die Angehörigen von Serkan Çalar.
Eventuell äußert sich heute auch der Angeklagte. Das dann mithilfe einer Dolmetscherin. Neben ihm sollen heute sechs Zeugen gehört werden. Davon sind die meisten Familienmitglieder. Außerdem soll das Tatvideo gezeigt werden.
Der angeklagte 26-Jährige Tatverdächtige im Zugbegleiter-Prozess von Zweibrücken.
SWR
Prozess gestartet
Mit 15 Minuten Verspätung ist der Prozess nun gestartet. Es steht ein straffes Programm bevor. Es soll neben Zeugen und Gutachtern auch die Familie zu Wort kommen. Das Landgericht hat bereits mitgeteilt, dass der erste Verhandlungstag bis in den Abend hineingehen wird. Ein langer Tag, während draußen Temperaturen weit über 30 Grad herrschen.
Statement der Landgerichtssprecherin Zellmann
Prozess startet gleich
Während des Prozesses sollen mehrere Zeugen und Gutachter gehört werden, auch Videoaufnahmen aus dem Zug spielen eine Rolle.
Geordneter Einlass in den Gerichtssaal
In weniger als einer Stunde geht es los. Der Saal im Landgericht Zweibrücken ist nur begrenzt zugänglich: Es gibt rund 50 Zuschauerplätze, davon sind 20 für Presse reserviert.
In diesem Sitzungssaal im Landgericht Zweibrücken findet der Prozess um den getöteten Zugbegleiter Serkan Çalar statt.
SWR
Unsere Reporter vor Ort berichten von einem geordneten und schnellen Einlass für die Zuschauer. Ein Chaos - wie befürchtet - ist ausgeblieben.
Opfer-Familie ist da
Die Familie des getöteten Serkan Çalar ist in Zweibrücken angekommen.
Unsere Reporter sind bereits vor Ort in Zweibrücken. In anderthalb Stunden geht es los. Die Polizei ist auch schon da. Es wird mit einem großen Andrang gerechnet. Das öffentliche Interesse an dem Prozess ist sehr groß. Neben den Familienangehörigen und der Presse werden auch Mitarbeiter der Bahn den Prozess verfolgen. Auch von ihnen sind die ersten bereits da.
Die Ruhe vor dem Sturm: Die Polizei hat sich am Gerichtsgebäude in Zweibrücken platziert.
SWR
Ein Blick auf die rechtlichen Knackpunkte des Falls
Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Das Landgericht Zweibrücken hatte eine ursprünglich erhobene Mordanklage nicht zugelassen. Begründung: Es gebe derzeit nicht genügend Hinweise darauf, dass der Angeklagte den Tod des Zugbegleiters absichtlich herbeiführen wollte oder ihn billigend in Kauf nahm. Sollten sich im Prozess neue Erkenntnisse ergeben, ist auch eine andere rechtliche Bewertung möglich.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der 26-Jährige den Zugbegleiter Serkan Çalar bei einer Fahrscheinkontrolle in einem Zug bei Landstuhl mit mehreren Faustschlägen attackiert haben. Auslöser soll gewesen sein, dass der Mann kein gültiges Ticket vorzeigen konnte und zum Aussteigen aufgefordert wurde. Çalar blieb bewusstlos liegen und starb zwei Tage später im Krankenhaus.
Erster Tag im Prozess am Landgericht Zweibrücken
Guten Morgen, an Tag eins der Gerichtsverhandlung um den Tod von Zugbegleiter Serkan Çalar aus Ludwigshafen. Es sind zunächst sieben weitere Verhandlungstage angesetzt. Die nächsten sind morgen und übermorgen. Weiter geht es dann kommende Woche Mittwoch. Wann ein Urteil fällt, kann man schwer einschätzen.