Karlheinz Seidl ist Ärztlicher Direktor im Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern. Zuvor hat er viele Jahre als Chefarzt der Kardiologie gearbeitet. Anlässlich des internationalen Aktionstags der World Heart Federation hält Seidl in Rockenhausen (Donnersbergkreis) einen Vortrag zu Herzerkrankungen bei Frauen. Wir haben ihn vorab zum Interview getroffen.
SWR Aktuell: Inwiefern schlagen die Herzen von Frauen anders als die der Männer?
Karlheinz Seidl: Das Frauenherz ist etwas kleiner als das männliche. Außerdem ist die Herzfrequenz häufig etwas schneller. Das kann häufiger zu Herzklopfen und Atemnot führen. Wir wissen, dass Frauen einen Herzinfarkt circa zehn Jahre später bekommen als Männer. Das liegt an der Menopause. Die Östrogene haben eine entzündungshemmende Wirkung auf die Blutgefäße, was Frauen erst einmal besser schützt. Aber nach der Menopause verändert sich der Stoffwechsel und dadurch werden die Risikofaktoren präsenter.
Frauen erkennen häufig zu spät, dass es ein Herzinfarkt ist.
SWR Aktuell: Welche Symptome haben Frauen bei einem Herzinfarkt?
Seidl: Ein Herzinfarkt wird häufig mit einem schweren, lang anhaltenden Brustschmerz assoziiert. Bei Frauen ist das oft anders: Sie klagen über Symptome wie Kurzatmigkeit, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen im Oberbauch oder eine unerklärliche Müdigkeit. Bei diesen Beschwerden denken Frauen häufig zuerst an eine harmlose Magenverstimmung und assoziieren sie nicht mit dem Herzen. Deshalb erkennen sie häufig zu spät, dass es ein Herzinfarkt ist.
SWR Aktuell: Bei welchen Herzerkrankungen gibt es noch Unterschiede?
Seidl: Bei Herzklappenfehlern gelten bei Frauen zum Beispiel andere Normwerte. Viele Jahre wurden die Werte der Männer übernommen. Aber Frauenherzen sind etwas kleiner, deshalb wurden Herzklappenfehler oft unterschätzt. Die Konsequenz war, dass Frauen viel später zum Facharzt überwiesen wurden und der Herzklappenfehler schon weiter fortgeschritten war.
Krankheitssymptome und Medikamentenwirkungen Gendermedizin: Frauen sind anders krank als Männer
Wir haben mit Prof. Sabine Oertelt-Prigione über das Thema Gendermedizin, warum Frauen anders krank sein können als Männer, gesprochen.
SWR Aktuell: Warum ist es wichtig, mehr über die Unterschiede aufzuklären?
Seidl: Letztendlich ist es beim Herzinfarkt so, dass jede Minute zählt. Und je früher man bei einem Herzinfarkt interveniert, umso mehr Herzmuskel kann man retten. Und deshalb ist es wichtig, dass auch Frauen aufgeklärt werden, dass ihre Symptome etwas anderes sein können als bei Männern.
SWR Aktuell: Was kann man als Frau tun, um sein Herz gesund zu halten und Probleme rechtzeitig zu bemerken?
Seidl: Es gibt verschiedene Risikofaktoren für Herzinfarkte, die für alle gleich sind. Dazu gehören Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Bluthochdruck oder Diabetes. Die kann man beeinflussen. Und es gibt nicht beeinflussbare Risikofaktoren wie das Alter, die Erbanlage und das Geschlecht. Frauen sollten auch bei unspezifischen Symptomen darüber nachdenken, dass es ein Herzinfarkt sein könnte - und lieber einmal früher zum Arzt gehen als zu spät.