Michel Friedman diskutiert mit Anette Dowideit, Chefredakteurin von Correctiv, mit Carsten Knop, Mit-Herausgeber der FAZ und dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Peter Müller.
Haben Medien die AfD groß gemacht?
Eingangs stellte Michel Friedman die Grundsatzfrage: Haben Medien die AfD schon groß gemacht, als sie ihr früh Sendezeit und Debattenräume gaben? Als Beispiel nannte er Björn Höckes Auftritt in der Sendung "Günther Jauch" im Ersten, als die AfD noch nicht einmal in allen Parlamenten vertreten war.
Carsten Knop, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), räumte ein, dass eine solche Aufmerksamkeit der AfD genutzt habe, machte aber klar, dass Wegsehen heute keine Alternative sei. "Journalismus muss berichten und einordnen", so seine Position.
Journalismus steht für Werte und ist kein 'Neutrum' im politischen Raum
Anette Dowideit, Chefredakteurin von Correctiv, betonte, wie gefährlich es sei, in der Berichterstattung Begriffe und Sprachspiele der AfD unreflektiert weiterzutragen. Worte wie "Remigration" seien bewusst so angelegt, dass sie harmlos klingen und gleichzeitig extremistische Deutungen ermöglichen.
Remigration: fast schon ein Tarnbegriff der Rechten.
Wer sie ohne Einordnung übernehme, trage damit zur Normalisierung bei.
Klagen, Beschwerden und Social Media: Druck auf allen Kanälen
Besonders ausführlich wurde über die Medienstrategie der Partei gesprochen. Dowideit berichtete, dass Correctiv regelmäßig mit Klagen und Beschwerden überzogen werde. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei Ziel massenhafter Programmbeschwerden. Die Strategie sei klar: Institutionen überlasten und redaktionelle Ressourcen binden - wie der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Peter Müller (CDU) erläuterte, wird diese Strategie auch bei Verfassungsklagen angewandt.
Moderator Michel Friedman hielt dagegen: Auch zum Beispiel Umweltverbände oder Bürgerinitiativen würden mit diesen Mitteln seit Jahrzehnten Druck ausüben, das seien nun einmal die "Mittel der Demokratie". Dowideit stimmte teilweise zu, hob aber die Intensität hervor: Die AfD nutze dieses Mittel weit systematischer und konsequenter als andere.
Noch wirkungsvoller sei allerdings ihre Social-Media-Präsenz. TikTok, so erinnerte Friedman, habe die AfD schon früh besetzt – und mehr Geld investiert als alle anderen Parteien zusammen. In WhatsApp-Gruppen und geschlossenen Online-Communities könne sie zudem weitgehend ungestört ihre Narrative verbreiten.
Würde es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht geben, würde die AfD es vermutlich nicht einmal merken.
Journalismus zwischen Objektivität und Werteorientierung
Im Zentrum der Debatte stand die Frage, ob Journalismus neutral sein kann oder muss. Friedman formulierte sie provokant: Geht es wirklich um Neutralität – oder darum, den Pluralismus der Gesellschaft abzubilden?
Carsten Knop erklärte, dass sich auch die FAZ nicht als neutrale Instanz verstehe. Völlige Objektivität gebe es nicht. Eine Zeitung habe Werte, aber journalistisches Handwerk ermögliche es, Fakten so unabhängig wie möglich darzustellen. Wichtig sei, den Lesern zu vermitteln, wer die Personen sind, die politische Macht beanspruchen.
Debatten mit der AfD sind wie 'feuchte Seife': Man drückt zu und sie flutscht weg. Das passiert vielen Journalisten und Politikern. Die Antworten geben vor allem dem Interviewgebenden die Möglichkeit, wieder ein Forum zu haben.
Dowideit argumentierte, dass Haltung im Journalismus unabdingbar sei. Gerade im Umgang mit der AfD gehe es darum, Diskursverschiebungen sichtbar zu machen, statt sie zu reproduzieren. Wer allein auf "Gleichbehandlung" aller Partien setzt, laufe Gefahr, sich von der Agenda der Parteien treiben zu lassen.
Die Macht der digitalen Plattformen über den Diskurs
Einigkeit herrschte schließlich bei der Einschätzung digitaler Plattformen. Peter Müller (CDU) nannte Algorithmen "demokratieblind" – sie verstärkten Emotionen, nicht Fakten. Knop verwies auf Studien, die zeigen, dass Falschinformationen sich auf Plattformen wie X (ehemals Twitter) zu 70 Prozent schneller verbreiten als geprüfte Nachrichten.
Wir brauchen mehr Medienkompetenz in der Bevölkerung – aber das braucht Zeit
Dowideit warnte zusätzlich vor den schon genannten geschlossenen Informationsblasen: Für den Journalismus bedeute das, sich neue Wege der Ansprache und Korrektur zu überlegen – und gleichzeitig darauf zu drängen, dass Plattformen reguliert werden.
Die doppelte Herausforderung des Journalismus
Die Medien sind im Umgang mit der AfD einer doppelten Herausforderung ausgesetzt: Sie müssen informieren, ohne als Verstärker zu wirken. Sie sollen Haltung zeigen, ohne in Aktivismus abzugleiten.
Knop plädierte für faktenbasierte Transparenz, Dowideit für Sensibilität im Umgang mit Sprache.
Alle wollen Soziale Medien als Hilfsmittel nutzen, um (neue) Personengruppen zu erreichen. Auch das ist durch die Algorithmen der Plattformen eine weitere Herausforderung. Die Botschaft geht auch an die EU, welche neue Richtlinien für Soziale Medien entwickeln will.