Einige dieser Grenzen hat Moderator Michel Friedman beim Hambacher Demokratieforum ausgelotet und beleuchtet - zusammen mit seinen Gästen: Filmemacherin Mo Asumang, dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf und dem Rechtswissenschaftler und Journalisten Ronen Steinke.
Tabu wird vom Menschen bestimmt
"Das freie Wort ist immer etwas Befreiendes", sagt Journalist Ronen Steinke. Tabu sei kein Naturphänomen, sondern immer auch ein Wille von Menschen. Deshalb müsse man sich beim Thema Tabu auch immer die Frage stellen. "Welche Interessen stecken dahinter, dass nicht drüber gesprochen werden soll?"
Man sollte Inhalte und Themen benennen können, sagt auch der Mainzer Bischof Kohlgraf. "Ein Dialog kommt dann zustande, wenn ich einen respektvollen Ton anschlage", sagt er. Direkte Beleidigungen seien dann seltener. Die würden dann allerdings in anderen Kanälen stattfinden - etwa in sozialen Medien.
Tabu Homosexualität
Es gebe in unserer Gesellschaft noch immer mächtige Gruppen wie etwa die Kirche, die Homosexualität tabuisiere: "Wir wollen es nicht hören: Don't ask, don't tell", sagt Steinke. "Man vermittelt Menschen, das sei irgendwie schmutzig, es sei Schmuddelkram, man soll es nicht an die große Glocke hängen." Das sei ein Ausüben von Macht. "Da wird über Sprachregeln Menschen ein gesellschaftlicher Wert abgesprochen.“
Ein Bild, das laut Bischof Kohlgraf nicht mehr zeitgemäß für die Kirche sei: "Ich habe heute als Bischof nicht mehr die Macht, jemanden das Wort zu verbieten oder so sehr ins Privatleben reinzugehen, dass er das nicht leben könnte." Da sei auch die Kirche heute auch schon theologisch weiter. Texte etwa aus der alten Schrift, die das Thema Homosexualität ansprechen, seien immer in deren zeitlichem Rahmen zu verstehen, sagt Kohlgraf. Nicht als zeitlose gültige, ewige Wahrheiten.
Tabu Missbrauch in der Kirche
Der Missbrauch innerhalb der Institution Kirche sei ein Thema, das in letzter Zeit zunehmend "enttabuisiert" wurde, sagt Kohlgraf. Nicht zuletzt dank der Mitwirkung der Medien. Während früher Missbrauchsopfern oft nicht geglaubt wurde, sei man heute in der Lage, darüber zu sprechen.
Tabu habe auch immer etwas mit Macht zu tun, sagt Steinke. Das betreffe nicht nur die Kirche, sondern auch die Politik, die Parteien, die Medien und die Ärzteschaft. "Wir sind in einer Gesellschaft heute, die weniger Ehrfurcht vor diesen gesellschaftlichen Instanzen hat", sagt er. Und dies sei eine positive Entwicklung.
Tabu als Schutz
Tabus selbst können aber auch positiv belegt sein. "Ich glaube, dass Tabus sehr wichtig sind, weil sie viele Menschen erst einmal schützen". Vor allem dann, wenn sie nicht in der Lage sind, bei einer offenen Konfrontation sofort zu reagieren." Diese Schutzfunktion ist erst mal eine gute Funktion", sagt Mo Asumang. Wenn Menschen etwa rassistisch angegangen werden oder einfach nur von bestimmten Themen getriggert werden, sei es auch in Ordnung zu sagen: "Dass ist ein Tabu, darüber spricht man nicht."
"Der gesellschaftliche Fortschritt besteht darin, dass man etwa das N-Wort oder das Z-Wort nicht benutzt", so Steinke. Dies heiße aber nicht, dass das Gespräche über bestimmte Themen wie etwa Rassismus nicht stattfinden würden. Themen sollten durch Tabus nicht unantastbar werden.
Tabu Rassismus und Antisemitismus
Wegducken oder offene Konfrontation? Gerade bei Themen wie Rassismus oder Antisemitismus keine leichtfertige Entscheidung. Über Rassismus etwa werde ständig geredet. Rassismus sei längst kein Tabu mehr. "Das einzige, was abgenommen hat, ist, dass die derben Begriffe verwendet werden", so Steinke.
Auch Mo Asumang geht beim Thema Rassismus lieber ins direkte Gespräch - wenn ihr Gegenüber das überhaupt zulasse. Denn dann könne sie sich gegebenenfalls auch verteidigen oder bei ihrem Gegenüber was bewegen. "Das ist etwas, was unsere Gesellschaft auch weiterbringt."
Um wegzukommen davon, den Hassmuskel, den Wutmuskel zu stärken. Und mehr hinzukommen, den Dialogmuskel zu stärken.
Als afrodeutsche Frau in der Öffentlichkeit war Asumang im Fokus von Rassisten. Sie habe mit Angst und Vermeidungsstrategie darauf reagiert. "Vermeidungsstrategie, um nicht an diese Themen zu denken." Bis sie eine Morddrohung der "White Aryan Rebells" bekam. Dann, als Vermeidung nicht mehr möglich war, sei sie ins Gespräch gegangen. "Um wegzukommen davon, den Hassmuskel, den Wutmuskel zu stärken. Und mehr hinzukommen, den Dialogmuskel zu stärken.“