Als Rolf von Kenne in den Ruhestand ging, wollte er endlich mehr Zeit für sich haben. Stattdessen öffnet der frühere Leiter des Ulmer Wundzentrums heute fast täglich Briefe, in denen Krankenkassen Geld von ihm zurückfordern - insgesamt rund 320.000 Euro.
Der Vorwurf: Er habe zu teure Verbandsmaterialien verschrieben. Nun steht seine Altersvorsorge auf dem Spiel, sogar sein Haus. Der Fall wirft eine brisante Frage auf: Was passiert, wenn Ärzte aus Angst vor Rückforderungen nicht mehr verschreiben, was sie für nötig halten?
Vorwurf: Zu teure Verbände - Arzt sieht medizinische Notwendigkeit
Die Krankenkassen werfen ihm vor, während seiner Tätigkeit zwischen 2017 und 2019 unter anderem zu teure Wundverbände verordnet zu haben, so von Kenne. Der Arzt bestreitet nicht, hochwertige Materialien verschrieben zu haben, hält diese jedoch für medizinisch notwendig. "Der Erfolg ist beweisbar", sagte er im Gespräch mit dem SWR. "Wir hatten eine hohe Wundheilungsrate bei chronischen Wunden, die teilweise über Monate oder Jahre nicht verheilt waren."
Hochwertige, medizinische Wundheilmittel und moderne Wundauflagen beschleunigen die Heilung im Vergleich zu einfachen Mitteln deutlich. Oder wie von Kenne sagt: "Pflaster drauf und fertig" sei nicht die Lösung für alle Patienten.
Im Prinzip ist meine Altersvorsorge, die ich mir erarbeitet hatte, flöten gegangen. Die gibt's nicht mehr. Das Haus steht zur Disposition.
Streit um die Wirtschaftlichkeit - Reichen die Budgets der Kassen?
Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) sollen Ärzte zunächst ein Beratungsgespräch erhalten, wenn ihre wirtschaftliche Situation oder ihre Abrechnungen auffällig werden. Erst danach könne ein Regressverfahren folgen. Rolf von Kenne bezweifelt jedoch, dass diese Beratung in seinem Fall ordnungsgemäß erfolgt ist. Zu seinem konkreten Verfahren wollte sich die KV BW auf SWR Anfrage aus Datenschutzgründen nicht weiter äußern.
Mit den heutigen Preisen für moderne Verbandmittel ist es nicht möglich, Patienten mit diesem Schweregrad innerhalb dieses Budgets ausreichend zu versorgen.
Das von der KV in Baden-Württemberg festgelegte Budget für Patienten mit chronischen oder schwer heilenden Wunden liegt derzeit bei rund 475 Euro pro Patient und Quartal. "Mit den heutigen Preisen für moderne Verbandmittel ist es nicht möglich, Patienten mit diesem Schweregrad innerhalb dieses Budgets ausreichend zu versorgen", sagt André Lantin, Geschäftsführer der WZ Wundzentren GmbH.
Die GmbH betreibt 22 Wundzentren in ganz Deutschland, unter anderem auch den Standort in Ulm. Zur Einordnung: Rolf von Kenne hat nach eigenen Angaben pro Patient fast 800 Euro Verbandsmaterial im Quartal verschrieben.
Angst vor Regressen könnte Patienten treffen
Der Fall beschäftigt nicht nur den ehemaligen Arzt selbst. Experten aus der Wundversorgung befürchten, dass hohe Regressforderungen langfristig Auswirkungen auf die Behandlung von Patienten haben könnten. Letztendlich falle das den Patienten auf die Füße, weil notwendige Materialien dann nicht mehr verordnet werden würden, so Lantin.
Das sind manchmal zehn Rechnungen am Tag, die bei mir im Briefkasten landen.
Warum die Forderungen erst Jahre nach den beanstandeten Verordnungen geltend gemacht werden, bleibt für von Kenne unklar. Da er inzwischen im Ruhestand ist, fordert nicht mehr die Kassenärztliche Vereinigung das Geld ein. Stattdessen verschicken die einzelnen Krankenkassen ihre Rechnungen selbst. "Das sind manchmal zehn Rechnungen am Tag, die bei mir im Briefkasten landen", sagt von Kenne. Teilweise sei das Porto höher als der Rechnungsbetrag.
Gegen die Entscheidungen hat der ehemalige Arzt Widerspruch eingelegt, allerdings ohne Erfolg. Den Klageweg will er nach Rücksprache mit seiner Anwältin nicht beschreiten.
Wundarzt bezahlt Rechnung für Rechnung
Ein Gerichtsverfahren könnte bis zu zehn Jahre dauern und weitere 100.000 Euro kosten. Das kann ich mir schlicht nicht leisten.
Den ehemaligen Leiter des Ulmer Wundzentrums trifft es hart. 320.000 Euro soll er insgesamt zurückzahlen. Seine Altersvorsorge ging für den ersten Teil drauf, nun überlegt er, sein Haus zu verkaufen, um auch den Rest zu zahlen. "Ein Gerichtsverfahren könnte bis zu zehn Jahre dauern und weitere 100.000 Euro kosten. Das kann ich mir schlicht nicht leisten", sagt von Kenne.
So bleibt für den ehemaligen Ulmer Wundarzt vorerst nur eine Möglichkeit: Rechnung für Rechnung zu bezahlen und darauf zu hoffen, irgendwann Antworten auf die vielen offenen Fragen zu bekommen.