Stein trifft Lastwagen

Auf einem Auge blind: Wie ein Steinwurf auf der A7 das Leben dieses Lkw-Fahrers verändert hat

Ein Stein trifft auf der A7 den Lastwagen von Wolfgang Hahn. Splitter dringen in sein Auge ein, seitdem ist er halb blind. Wie es ihm ein halbes Jahr später geht und welche Hoffnung er hat.

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Von Autor/in Frank Polifke

Ein Sekundenbruchteil kann ein Leben verändern. Das von Wolfgang Hahn wurde am 21. August 2025 verändert, frühmorgens gegen 3:50 Uhr. Der Trucker ist mit seinem Vierzigtonner auf der A7 Richtung Norden unterwegs. Als er nördlich von Ellwangen (Ostalbkreis) unter einer Brücke durchfährt, passiert es: Ein faustgroßer Stein schlägt in seine Frontscheibe ein. Ein Schlag, Glas splittert. Hahn verreißt zwar das Lenkrad, bringt den Laster aber auf dem Standstreifen zum Stehen. Blut läuft über sein Gesicht, sein rechtes Ohr ist verletzt - und vor allem: sein rechtes Auge. Mehrere Splitter sind eingedrungen. Hahn sieht noch drei Männer weglaufen.

Nach einem Steinwurf vergangenes Jahr auf der A7 bei Ellwangen ist der Schwäbisch Gmünder LKW-Fahrer Wolfgang Hahn auf dem rechten Auge blind.
Dieses Selfie hat Wolfgang Hahn seiner Frau kurz nach dem Steinwurf aus dem Führerhaus seines Lastwagens geschickt. Die Blutspuren und die Verletzung am rechten Auge sind deutlich erkennbar. Oliver Schmid

Der Gmünder Lkw-Fahrer ist auf dem rechten Auge blind

Ein halbes Jahr später sitzt Wolfgang Hahn auf dem Sofa in seinem Haus im Schwäbisch Gmünder Teilort Weiler in den Bergen. Er legt den Kopf in den Nacken und befeuchtet sein rechtes Auge mit Augentropfen. Zu sehen ist von dem Auge nur ein schmaler Schlitz. Hahn sieht durch das Auge nichts. Nur ein bisschen Helligkeit.

Seit dem Vorfall auf der A7 im August 2025 ist der 58-Jährige krank geschrieben. Tun kann er nicht viel: Ein wenig beim Haushalt helfen, viel Fernsehen. Und viel Langeweile. "Er ist halt unheimlich deprimiert, frustriert", erzählt Ehefrau Birgit. Und ergänzt: "Er lässt sich auch hängen mit der Zeit."

Staatsanwaltschaft Ellwangen hat Suche nach den Tätern eingestellt

Wie wird es mit ihm weitergehen, vor allem beruflich? Das fragt sich Wolfgang Hahn jeden Tag. Wenn er wieder auf dem Bock seines Vierzigtonners sitzen will, braucht er mindestens 80 Prozent Sehkraft. Derzeit bezieht er Krankengeld. Aber Spesen natürlich nicht. Und die haben einen guten Teil seines Einkommens ausgemacht. "Der Dispo ist am Limit", erzählt er. Bisher hatte er immer noch auf Schmerzensgeld gehofft, falls die Polizei die Täter ermitteln sollte. Aber ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Ellwangen hat diese Hoffnung zunichte gemacht.

Nach einem Steinwurf vergangenes Jahr auf der A7 bei Ellwangen ist der Schwäbisch Gmünder LKW-Fahrer Wolfgang Hahn auf dem rechten Auge blind.
Von dieser Brücke über die A7 nördlich von Ellwangen haben der oder die Täter im August 2025 einen faustgroßen Stein geworfen - und die Frontscheibe von Wolfgang Hahns Vierzigtonner getroffen. Oliver Schmid

"Das Ermittlungsverfahren wird gemäß Paragraph 170 Absatz 2 StPO eingestellt", schreibt ihm die Behörde Mitte Januar. Sie sieht nach Auswertung aller Spuren keine Chance mehr, den oder die Täter festzustellen, teilt sie sinngemäß mit.

Für das Tatopfer ein weiterer Schock. Kein Täter - kein Schmerzensgeld. "Da wird beinahe ein Mensch umgebracht, und dann wird nach ein paar Monaten das Verfahren eingestellt", regt sich der Lkw-Fahrer auf. "Die haben die DNA. Da muss es doch eine Möglichkeit geben, ein bisschen was zu unternehmen."

Staatsanwaltschaft Ellwangen sieht alle Ermittlungsansätze ausgeschöpft

Die Staatsanwaltschaft Ellwangen hat nach eigenen Angaben sogar einiges unternommen: Zur Ermittlung des oder der Täter hat sie die Spuren am Tatort ausgewertet, ebenso Daten von Mobilfunkzellen, sie hat Bewohnerinnen und Bewohner der Ortschaften in der Nähe des Tatorts befragt, die Bilder der Überwachungskameras der Umgebung gesichtet und einen Zeugenaufruf gestartet, teilt Staatsanwalt Maximilian Adis dem SWR auf Nachfrage mit.

Damit habe die Staatsanwaltschaft alle sachdienlichen Maßnahmen ausgeschöpft. Darüber hinaus gebe es keine erfolgversprechenden Ermittlungsansätze. Sollten sich doch noch welche ergeben, werde die Staatsanwaltschaft das Verfahren wieder aufnehmen, so Maximilian Adis.

Der Gmünder Lkw-Fahrer denkt über eine Umschulung nach

Im kommenden Sommer hat Wolfgang Hahn noch zwei Operationen vor sich. Die Ärzte wollen mit einer neuen Linse und einer neuen Netzhaut versuchen, einen Teil seiner Sehkraft wiederherzustellen. Wenn das klappt, würde Hahn liebend gerne wieder seinen Vierzigtonner durch die Republik lenken.

Und wenn nicht? Alternativen hat er sich schon überlegt. Vielleicht heuert er dann bei einer Sicherheitsfirma an. Firmenareale bewachen. Die würden immer Leute suchen, ist er sich sicher.

Bis zum Sommer vertreibt sich der Trucker irgendwie die Zeit. Spaziert mit seinen vier Doggen auf den Wanderwegen rund um Weiler in den Bergen. Oder trifft sich mit einem Freund zu einem Frühstück in einer Bäckerei. Der hält nach wie vor zu ihm, andere ließen nichts mehr von sich hören, so seine bittere Erfahrung.

Hass auf den Steinwerfer? "Jein"

Bittere Erfahrungen hat Wolfgang Hahn im letzten halben Jahr eine Menge gemacht. Die Frage, ob er Hass auf den Steinwerfer verspürt, beantwortet er mit einem "jein". "Am Anfang habe ich ihm lebenslang Knast gewünscht und alles Mögliche - sogar den Tod, das sage ich ganz ehrlich."

Dass die Polizei den oder die Täter irgendwann doch noch findet, trotz des eingestellten Verfahrens - hofft er nach wie vor. Womöglich müsste er dann für acht oder neun Jahre ins Gefängnis. "Ob es das Wert war, sich sein ganzes Leben zu versauen? Im Endeffekt tut er mir Leid."

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Frank Polifke
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