Die Familie von Ferdi Soylu aus Ulm ist besorgt: Seit rund zwei Wochen ist der 46-jährige Ehemann und Vater von vier Töchtern in der Türkei im Gefängnis Sincan bei Ankara. Der Auslöser war wohl, dass eine seiner Töchter vor 14 Jahren beim Bildungsverein FEZA in Ulm zur Nachhilfe war, so der Bruder. Jetzt werfen türkische Behörden ihm die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor.
Der Verein FEZA soll der sogenannten Gülen-Bewegung nahestehen. Sie wird von der türkischen Regierung für den gescheiterten Putschversuch 2016 in der Türkei verantwortlich gemacht.
Interview mit SWR-Experte Ahmet Senyurt Mann aus Ulm in der Türkei festgenommen: Das könnten die Hintergründe sein
Der Ulmer Ferdi Soylu ist vor zwei Wochen während eines Urlaubs in der Türkei festgenommen worden - offenbar wegen angeblicher Terrorunterstützung. SWR-Experte Ahmet Senyurt ordnet ein.
Inhaftiert in der Türkei: Familie durfte ihn im Gefängnis besuchen
Für seine Ehefrau, seine Kinder und seinen jüngeren Bruder ist vor allem die Ungewissheit schlimm. Inzwischen durften die Schwester und die Mutter von Ferdi Soylu, die beide in der Türkei leben, ihn im Gefängnis besuchen. Ihm gehe es den Umständen entsprechend gut, berichten sie. Zunächst habe er drei Tage allein in einer Zelle verbracht. Danach sei er mit anderen Gefangenen untergebracht worden, gegen die ähnliche Vorwürfe erhoben würden.
Er sei vor allem erleichtert darüber, dass seine Familie wohlbehalten wieder in Deutschland angekommen und in Sicherheit sei. Angst mache ihm aber, dass andere Insassen des Gefängnisses, denen ähnliches vorgeworfen wird, erzählt hätten, dass sie schon seit Wochen und teilweise Monaten auf eine Anhörung oder Verhandlung warten würden.
Journalistin zu inhaftiertem Ulmer Meşale Tolu war selbst in der Türkei in Haft: "Jeder Fall bringt mich wieder in diese Zeit"
Ein 46-jähriger Mann aus Ulm ist in der Türkei in U-Haft - völlig überraschend für seine Familie. Nicht der erste Fall: Vor neun Jahren wurde die Ulmerin Meşale Tolu verhaftet.
Die Familie hofft auch auf Hilfe von deutscher Seite und auch, dass sie möglichst bald mit Ferdi Soylu telefonieren dürfen. Für den Ulmer Bundestagsabgeordneten Marcel Emmerich (Grüne) stellt sich die Situation so dar: "Wir haben es hier mit einem deutschen Staatsbürger zu tun, der jetzt in der Türkei in Haft ist, ohne dass die konkreten Vorwürfe wirklich bekannt sind." Emmerich hat beim Auswärtigen Amt um Aufklärung des Falls gebeten.
So, wie es jetzt aussieht, ist das alles unverhältnismäßig und da braucht es Aufklärung, da braucht es Druck und auch deutliche Signale von deutscher Seite.
Das Auswärtige Amt schreibt, es kenne den Fall. Der inhaftierte Ferdi Soylu werde konsularisch betreut. Die Behörde könne aber aus Gründen des Datenschutzes und aufgrund der Persönlichkeitsrechte des Inhaftierten keine weiteren Angaben machen.
Der Anwalt hat nach eigenen Angaben gegen die Inhaftierung Einspruch eingelegt. Die Familie wartet nun auf eine Entscheidung der zuständigen Justizbehörden, berichtet die dpa.
Bislang habe sich von der deutschen Botschaft noch niemand bei Ferdi Soylu gemeldet, beklagt sein Bruder Sebahattin. Dass das einige Wochen dauern kann, sei jedoch nicht ungewöhnlich, berichtet die Ulmer Journalistin Meşale Tolu, die 2017 ebenfalls in der Türkei in U-Haft saß. Bei ihr habe es damals rund sechs bis acht Wochen gedauert. Das habe unter anderem daran gelegen, dass die Botschaft zunächst Anträge bei den türkischen Behörden stellen muss, bevor sie den Gefangenen besuchen darf.
Haft in der Türkei: Politiker fordert Aufklärung
Es brauche Aufklärung und auch deutliche Signale von deutscher Seite, erklärte Marcel Emmerich im Interview mit dem SWR. Die Erwartung sei jetzt, dass die Vorwürfe offengelegt würden und es ein rechtsstaatliches Verfahren gebe. Im anderen Fall, wenn es "aufgrund von irgendwelchen Gerüchten" zur Inhaftierung Soylus gekommen sei, dann müsse er freigelassen werden.
Das Problem ist: In einem normalen Rechtsstaat kann man mindestens sagen, dass der Prozess so und so läuft. Das können wir leider für die Türkei jetzt nicht sagen.
Die Familie von Ferdi Soylu ist überzeugt, dass er unschuldig ist. Er lebt seit 2003 in Deutschland, ist seit 15 Jahren auch deutscher Staatsbürger. Sein jüngerer Bruder Sebahattin Soylu sagt, sein Bruder sei fast jedes Jahr in die Türkei gefahren, das letzte Mal voriges Jahr kurz vor Weihnachten.
Also mindestens hab ich [...] von dem Beamten im Gefängnis telefonisch mitbekommen, dass es ihm gut geht. Weil er kurz mal vor meinem Anruf mit meinem Bruder gesprochen hatte.
Familie hatte Angst, aus der Türkei nicht ausreisen zu dürfen
Sebahattin Soylu hat seine Schwägerin und ihre vier Kinder zurück nach Deutschland geholt. Sie waren zusammen mit Ferdi Soylu zum Urlaub in der Türkei. "Es war chaotisch für uns", sagt er: Sie hätten Angst gehabt, dass die Familie auch nicht mehr aus der Türkei ausreisen darf. Er habe die Angst in ihren Augen gesehen. In einem Rechtsstaat wisse man, wie Prozesse laufen. Das könne man für die Türkei nicht behaupten, befürchtet er.
Das war natürlich die erste Woche ganz schwierig für mich und zweitens für die Kinder. Und für die Frau meines Bruders war es ganz schlimm.
Sein Bruder Sebahattin ist seit 16 Jahren in Deutschland, hat Frau und Kinder und arbeitet als IT-Ingenieur in München. Inzwischen organisiert er von Deutschland aus Formalitäten sowie Kontakte zu Behörden, zum Gefängnis in der Türkei, zu einem Rechtsanwalt. Er müsse sich um den Prozess kümmern, um seinen Bruder und dessen Familie und natürlich auch um seine eigene Familie.