Der Schock fürs Theater Ulm vom Juni vergangenen Jahres sitzt vor allem in der Kostümabteilung noch tief. Bei einem Brand in der alten Paketposthalle werden rund 27.000 dort untergebrachte Kostüme zerstört. Vor allem jene, die in den Werkstätten des Theaters über Jahrzehnte gefertigt wurden. Jetzt baut die Kostümabteilung einen neuen Fundus auf. Auch dank hochwertiger Kleiderspenden, von denen viele überraschen.
Priestergewänder und Hochzeitskleidung: "Was die Leute alles hergeben"
Fast täglich treffen neue Kleiderspenden für die Kostümabteilung am Theater Ulm ein. "Unglaublich, was die Leute bereit sind, herzugeben", zeigt sich Ruth Hauser, Gewandmeisterin und Leiterin der Abteilung, erstaunt. Sie zeigt auf eine lange Kleiderstange, an der gleich mehrere bodenlange,Talar ähnliche, bunte Gewänder hängen, die ins Auge fallen. Eines sticht besonders hervor: "Das ist ein wunderschönes lila Priester-Messgewand, leuchtend lila mit goldener und schwarzer Stickerei. Ich weiß, weil wir sowas auch schon kaufen mussten, wie unglaublich teuer solche Gewänder sind. Die sind handgefertigt und sie sind handbestickt - oftmals werden sie in Klöstern bestickt. Die kosten tausende von Euro."
Ich weiß, weil wir sowas auch schon kaufen mussten, wie unglaublich teuer solche Gewänder sind.
Die Gewänder seien die großzügige Kleiderspende aus einer Kirchengemeinde in Langenau (Alb-Donau-Kreis), erzählt die Gewandmeisterin und führt zum nächsten Highlight der Kleiderspenden.
Hochwertige Kleiderspenden - viel Überraschendes dabei
"Hier haben wir traditionelle indische Hochzeitskleidung geschenkt bekommen, handgefertigt mit Stickerei - sehr edel und exklusiv und wertvoll fürs Theater. Das sind die besonderen Dinge, die uns jetzt eben fehlen, die man so nirgends kaufen kann", so Ruth Hauser und nimmt eine Art Mantel für einen Bräutigam von der Stange. Eine indische Familie habe diese besonderen Herrenkleidungsstücke vorbeigebracht, deren Kragen mit schillernden Steinen aufwendig verziert sind. Ebenso Damenblusen, die mit winzigen Goldperlen bestickt sind - etwa eine in hellgrün mit passendem Rock.
Übergangsfundus im Provisorium
Alle Kleiderspenden werden momentan erst einmal im Obergeschoss eines Nachbargebäudes untergebracht. In nur zwei kleinen Räumen: "Auf Dauer suchen wir natürlich dringend was Größeres, aber wir sind erstmal dankbar", so Ruth Hauser. Hier werde alles fein säuberlich sortiert und aufgehängt.
Seit dem verheerenden Brand im Lager im vergangenen Juni, bei dem das Theater Ulm den Großteil seiner selbstgefertigten Kostüme verlor, arbeite das Team irgendwie in einer Art "Krisenmodus" weiter, erzählt Hauser weiter. Man schaue, was möglich ist: "Wir sind ja alle 14 Tage, spätestens alle drei Wochen mit einem weiteren Stück immer wieder in Endproben. Und da kann man nicht so viel darüber nachdenken. Das ist manchmal auch ganz gut."
Theater Ulm - künftiger Fundus wird digitalisiert
Die Notsituation habe aber auch Neues hervorgebracht. Schon bald soll der künftige Fundus digital erfasst werden. So wird es einfacher, für bestimmte Produktionen nach passenden Kostümen zu suchen oder Anfragen von auswärts nachzukommen.
Immerhin befinden sich noch rund 10.000 Kostüme im Haupthaus, die so vom Feuer verschont blieben. Dass die Stadt Ulm für die Digitalisierung extra eine neue Stelle geschaffen hat, sei ein "Glücksfall", so Ruth Hauser. Denn bisher gab es dafür keine Kapazität. Für die Dokumentation wurde die studierte Designerin Ines Neidlinger als neue Fundusverwalterin eingestellt: "Jedes Teil muss nummeriert werden und bekommt eine eigene ID kann man sagen - es handelt sich um ein Kleid, eine Hose, zu welcher Epoche gehört’s. Farbe, Material, auch Maße sind ganz wichtig. Mit passenden Fotos wird das hinterlegt und ist hoffentlich dann leicht zu finden." Dies solle bis 2030 der Fall sein, so Neidlinger.
Nur noch wenige "Zeitzeugen" vom Feuer
Nicht zurück, sondern nach vorne blicken, ist die Devise für das Team um Ruth Hauser. Nur einige wenige vom Feuer beschädigte Kostüme wurden aufbewahrt: "Wir haben versucht, die wertvollen Kostüme, handgefertigte Kostüme, auch speziell für eine Ballett-Produktion, zu retten. Die Kostüme hängen jetzt noch unter einer Folie. Es kann kein Mensch anziehen. Es riecht noch immer so stark nach Rauch."
Mut mache jetzt, dass so viele neue Kleiderspenden eintreffen, wie kürzlich Dutzende hochwertiger Brautkleider, die ein Ulmer Brautmodegeschäft spendete oder Dirndl in vielen Farben von einem Fachgeschäft aus der Nähe. Schön sei auch, dass hinter jeder Kleiderspende ganz persönliche Anliegen steckten, berichten Ines Neidlinger und Ruth Hauser.
"Wir erleben unglaubliche Solidarität"
Eine Dame brachte ihr Brautkleid von einst vorbei, das sie über 50 Jahre aufgehoben hatte. "Wir erleben gerade eine unheimliche Solidarität. Das sind für uns tolle Spenden, denn auch alte Brautkleider aus den 50er, 60er Jahren sind für uns super wertvoll. Denn auch da haben wir Theaterstücke aus dieser Zeit", meint Ruth Hauser.
Lagerräume gesucht: Platz für rund 500 Meter Kleiderstangen
Einen Wermutstropfen gibt es: Die Suche nach geeigneten Lagerräumen für den künftigen Fundus sei nicht gerade einfach. Auch, weil sie an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sei, so die Leiterin der Kostümabteilung: "Wir brauchen Platz für ungefähr 500 Meter Kleiderstangenlänge. Kann auch auf zwei Etagen sein. Der Raum muss trocken sein, wir können nichts hängen über einer Luftfeuchtigkeit von 60, 65 Prozent. Nur, hier sind wir jetzt schon sehr, sehr beengt - wir brauchen einfach viel mehr Platz."
Spendenaktion für den Theaterfundus Ulm
Der Aufbau des neuen Fundus wird auch vom Verein der Theaterfreunde Ulm unterstützt. Bereits im Herbst hatte dieser unter anderem eine große Spendenaktion initiiert mit dem Ziel, 300.000 Euro zu sammeln. Rund 120.000 Euro sind dem Theater laut Verein bereits für den Wiederaufbau des Fundus übergeben worden. Das Spendenaufkommen insgesamt betrage aktuell rund 213.000 Euro, teilte der Verein am Montag (11.5.) weiter mit.