Ruth Fichtner bereitet in ihrer Doppelhaushälfte in Ulm ein dreigängiges Abendessen vor, ohne zu wissen, wer kommen wird. Die vier Gäste kennen sich auch untereinander nicht, haben nur Uhrzeit und Adresse der Gastgeberin. Es ist völlig offen, wie sich der Abend entwickeln wird. Das Projekt "Einladung von Unbekannt" haben sich eine Museumsleiterin und eine Pfarrerin in Ulm ausgedacht. Sie wollen unbekannte Menschen zusammenbringen, damit man mal rauskommt aus seiner üblichen Bubble. Um Begegnungen zu fördern, auch gegen Einsamkeit.
Sie weiß nur, dass zwei Männer und zwei Frauen kommen
Ruth Fichtner hat sich aus Neugierde beim Ulmer Museum "Brot und Kunst" für das Projekt als Gastgeberin angemeldet. Die pensionierte Kunstlehrerin ist leidenschaftliche Hobbyköchin, hat gerne Gäste und möchte neue Leute kennenlernen. Bereits am Nachmittag bereitet sie ein vegetarisches Menü vor: verschiedene kalte Vorspeisen, Polenta mit Gemüse überbacken, Brombeeren mit Mascarpone-Creme. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie nur, dass zwei Männer und zwei Frauen kommen werden.
"Ich bin so gespannt, was das für Menschen sind", sagt sie, während sie schon mal den Esstisch im Wohnzimmer deckt. "Ich weiß gar nicht, was die gerne essen. Und ich mache ein paar Sachen, die ein bisschen ausgefallen sind, hoffe aber trotzdem, dass ich ihren Geschmack treffe." So ein leicht nervöses Kribbeln macht sich breit, Anspannung, aber auch Vorfreude und Optimismus. "Entweder es klappt oder es klappt nicht. Aber ich gehe ganz positiv in den Abend."
Einladung von Unbekannt: Spannender Moment an der Haustür
Es klingelt pünktlich um 18:30 Uhr. Der spannende Moment ist da. Beim Öffnen der Haustür die erste Erleichterung. Die vier Fremden haben freundliche Gesichter, sind sommerlich chic gekleidet, alle im ähnlichen Alter, entweder schon in Rente oder kurz davor. Beim Eintreten geben sie die Hand, stellen sich mit Nachnamen vor. Drei der vier haben kleine Gastgeschenke dabei. "Für Ihren Mut", sagt Gast Karl-Heinz Keller. "Sie wissen ja noch gar nicht, was auf Sie zukommt", kontert Ruth Fichtner und sorgt für einen ersten Lacher.
Beim Prosecco stellt sich heraus, dass alle in Ulm wohnen und entweder schwäbische Wurzeln haben oder schon lange hier sind. Das Eis ist schnell gebrochen. Immer hat jemand etwas zu erzählen. Rund um die Vorspeisenplatte geht es zunächst ums Essen. Dass sie den orientalischen Karottensalat aus Israel kennt, erklärt die Gastgeberin. So wechselt das Thema zu Urlaubsreisen. Danach diskutieren sie über Kultur in Ulm und erinnern sich an einen früher legendären Nachtclub.
Unbekannte an einem Tisch - ein Experiment
Die Idee zur "Einladung von Unbekannt" hatte Museumsleiterin Isabel Greschat zusammen mit der evangelischen Pfarrerin Andrea Luiking. Sie wollten Menschen zusammenbringen, die sonst nicht zusammenkommen würden. Das Museum "Brot und Kunst" beschäftigt sich viel mit dem Thema Ernährung. "Dieses neue Format ist ein Experiment", erklärt Greschat, "wo es auch um die Frage geht: Was nährt uns?"
Denn der Mensch ernährt sich nicht von Brot allein. Gespräche und Austausch gehören dazu. Die Museumsleiterin: "Es geht darum, was uns satt macht, und zwar nicht nur im körperlichen Sinn, sondern auch im geistigen und spirituellen Sinn." So tiefgehend werden die Gespräche im Wohnzimmer von Ruth Fichtner nicht. Aber je länger der Abend, desto persönlicher werden die Erzählungen. Beim Nachtisch geht es um die eigenen Familien, um Kinder und Enkel.
Längst ist in der Ulmer Weststadt klar: Es ist ein interessanter, ein fröhlicher Abend, bei dem sich alle wohlfühlen. Sie wäre selbst gerne Gastgeberin geworden, berichtet Eleonore Lang. Aber bei der Anmeldung habe man ihr gesagt, es fehlen eher noch Gäste. Alle schmunzeln, als Dieter Held erzählt, wie baff seine Freunde bei seiner Ankündigung waren, er gehe zu einem Abend mit völlig unbekannten Menschen.
Keiner bietet das "Du" an
Nach knapp vier Stunden und noch einer Flasche Wein verabschieden sie sich. Die fünf sind bis zum Schluss beim "Sie" geblieben. Auch für Gastgeberin Ruth Fichtner war es ein gelungenes Experiment. "Ich habe es nicht bereut. Ganz im Gegenteil. Die Chemie hat gestimmt. Schon als die Menschen zur Haustür reinkamen, habe ich gespürt, dass da nichts schiefgehen kann." Frau Fichtner und ihre Gäste haben Mail-Adressen ausgetauscht, mit der Option, sich wieder zu treffen. Obwohl - oder gerade weil - sie ja jetzt keine Unbekannten mehr sind.