Im April 2011 wird die frühere Boxweltmeisterin Rola El-Halabi vor einem Titelkampf in Berlin von ihrem Adoptivvater und Ex-Manager Roy El-Halabi angeschossen. Vier Mal: in die Hand, ins Knie und beide Füße. Dabei sollen Hass und Eifersucht im Spiel gewesen sein, weil die Boxerin damals einen neuen Freund hatte. 15 Jahre später wird ihre bewegte Lebensgeschichte erstmals in der Bühnenfassung von El-Halabis autobiographischem Buch "Stehaufmädchen" im Podium des Theaters Ulm gezeigt. Eine Uraufführung, die es emotional in sich hat.
Puh, das hat mich gerade durch mein ganzes Leben katapultiert. Ich war traurig, wütend, glücklich, frustriert in einem.
Rola El-Halabi – die wahre Geschichte im Theater Ulm
Die ehemalige Ulmer Boxerin, Kind libanesischer Einwanderer, hatte sich vor dem Attentat zu neun Weltmeistertiteln geboxt. Danach schien ihre Karriere vor dem Aus, doch sie kämpft sich zurück ins Leben. Im Stück "Stehaufmädchen" am Theater Ulm wird diese Geschichte nachgezeichnet – von den ersten Boxschritten bis zum Attentat und ihrem Comeback als Weltmeisterin im August 2013.
"Stehaufmädchen": Drei Schauspielerinnen – drei Rolas
Das Regie- und Autorenduo Patrick und Wenzel Winzer alias "Wnzr:Wnzr" arbeitet in dem Theaterstück mit drei Schauspielerinnen. Sie spielen auch drei Rolas, erzählen die Winzers vor der Premiere im Interview dem SWR. So sollen innere Monologe und widersprüchliche Gedanken als Dialog und Streit auf der Bühne sichtbar werden. Bei der Probe fiel eine der Schauspierinnen aus. Inhaltlich gebe der Stoff einiges her – die Regisseure sehen in der Geschichte eine moderne Tragödie, in der eine Heldin vor Widerstände gestellt würde und nicht nur das.
Viele Themen: Boxen, Migration, Gewalt gegen Frauen
"Dann sind aber viele Themen drin, dass sich eine Frau in einem sehr maskulin geprägten Sport durchsetzen muss. Wir haben eine Migrationsgeschichte, zum Teil. Wir haben Gewalt gegen Frauen. Und das ist eigentlich das Spannende, dass man sich nicht explizit mit einem Thema auseinandersetzt, sondern dass diese Sachen alle dazukommen und Teil dieser vielfältigen Geschichte sind", so Wenzel Winzer.
Diese Aspekte würden aber nicht einzeln abgehandelt, sondern zusammenfließen und machten die Figur Rola El-Halabi zu einer starken, vielschichtigen Protagonistin. Eine Art moderne Heldinnen-Geschichte, die emotional aufrüttelt – auch die frühere Boxerin Rola El-Halabi, die selbst eine Probe besuchte.
Rola El-Halabi besucht Probe: “Ganz stark eingeholt von meinem Leben“
Kurz vor der Premiere hatte sich Rola El-Halabi bewusst entschieden, sich eine Probe anzuschauen. Vor allem aus der Befürchtung heraus, von ihren Gefühlen am Premierentag übermannt zu werden, gibt sie im Gespräch mit dem SWR zu. Schließlich werde ihr Leben und das Attentat noch einmal erzählt: "Ich denke, ich werde natürlich ganz, ganz stark eingeholt von meinem eigenen Leben, was sehr dramatisch ist, was sehr emotional ist, was sehr erfolgreich auch gewesen ist", erzählt sie. Es sei etwas anderes, das eigene Leben auf der Bühne zu sehen, als nur darüber zu sprechen.
Dass sie einer Umsetzung ihrer Geschichte auf der Bühne zugestimmt habe, läge auch am Theater selbst und die Nähe zu ihrer Heimatstadt. Entscheidend sei für sie gewesen, dass es sich bei dem Team um echte "Herzensmenschen" handele und die Geschichte nahe an ihrem Buch bleibe.
Attentat und Kindheitsszenen auf der Bühne
Nach der Probe wirkt Rola El-Halabi sichtbar bewegt: "Puh, das hat mich gerade durch mein ganzes Leben katapultiert. Ich habe mich als kleines Kind gefühlt, ich habe mich als erwachsene Frau gefühlt. Ich war traurig, wütend, glücklich, frustriert in einem." So beschreibt sie, was ihr spontan durch den Kopf geht.
Dabei hätten sie zwei Szenen besonders berührt: eine aus ihrer Kindheit mit Musik und eine vom Attentat, die die Schauspielerinnen nach Rolas Wahrnehmung "krass echt" erzählen. In diesem Moment habe sich der Raum energetisch so aufgeladen, dass sie sich wieder wie in der Kabine in Berlin gefühlt habe, so El-Halabi.
Bühnenfassung mit Chronologie
Es sei "komplett verrückt das eigene Leben in einem Theaterstück zu sehen", so die Ex-Boxweltmeisterin bei der Probe im Podium. Trotz der schweren Phasen empfinde sie es als "schönes Gefühl", ihre Geschichte so erzählt zu bekommen.
Dass die wahre Geschichte auch das Publikum emotional erreicht, hofft auch das Autoren-Team Winzer und Winzer, das kurz vor der Premiere nicht zu viel verraten möchte. Klar sei allerdings, dass so eine Geschichte von Anbeginn erzählt werden müsse und sich "mit einer gewissen Chronologie an der Biografie entlang arbeite."