Der Bürgermeister von Setzingen (Alb-Donau-Kreis) Karl-Friedrich Häcker (parteilos) hört schon nach der Hälfte seiner Amtszeit 2026 auf. Als Hauptgrund nennt er die überbordende Bürokratie im Rathaus. Im Ehrenamt seien die Aufgaben für kleine Kommunen kaum zu bewältigen. In der Nachbargemeinde Nerenstetten (Alb-Donau-Kreis) geht die ebenfalls ehrenamtliche Bürgermeisterin Renate Bobsin (parteilos) im Juni vorzeitig in Rente. Für die Nachfolge mangelt es an Kandidaten. Bei der Wahl am 30. März wird es leere Stimmzettel geben. Das Amt scheint in kleinen Kommunen wie etwa auf der Alb immer weniger attraktiv.
Setzinger Bürgermeister kritisiert gigantische Bürokratie
Karl-Friedrich Häcker hat das Ehrenamt im Jahr 2021 als Pensionär angefangen. Mit 20 Wochenstunden ging es im Setzinger Rathaus los. Inzwischen hat sich das Arbeitsvolumen verdoppelt, sagt der 63-Jährige - und das bei einer Aufwandsentschädigung von rund 2.000 Euro brutto im Monat. Zuvor war er 16 Jahre lang hauptamtlicher Bürgermeister in Rammingen (Alb-Donau-Kreis).
Dabei hat er die zunehmende Bürokratie selbst erfahren. Als Beispiele nennt er Digitalisierung, Haushaltsrecht oder Grundsteuer. Wegen laufender Gerichtsverfahren könne es sein, dass man bei der Grundsteuer alles neu machen müsse. "Ein gigantischer bürokratischer Aufwand", so der Setzinger Bürgermeister.
Bürgermeister im Ehrenamt - ein aussterbender Beruf?
Anderes Beispiel Datenschutz: da seien laufend Schulungen gefordert. Wenn er das beherzige, erklärt Häcker, "dann komme ich nicht mehr zur eigentlichen Arbeit für meine Bürgerinnen und Bürger". Die Bauplatzvergabe, früher eine einfache Geschichte, sei mittlerweile sehr heikel. Das zeigt der Fall im Ulmer Stadtteil Jungingen, wo die Verkäufe wieder rückgängig gemacht und 2023 neu gestartet wurden. "Da muss man ganz arg aufpassen, dass nichts schief geht", betont der Setzinger Bürgermeister. Er ergänzt, dass ihm das Amt so keinen Spaß mehr mache. "Wir sind nur zwei Halbtagskräfte, ein alter Bürgermeister und eine Halbtagskraft im Bürgerbüro." Bei all den neuen Anforderungen hält Häcker das Ehrenamt an der Rathausspitze für einen "aussterbenden Beruf."
Auch in der Nachbargemeinde Nerenstetten, gerade mal drei Kilometer entfernt, scheint das Ehrenamt im Rathaus nicht mehr attraktiv. Bei der Wahl am 30. März wird es nur Stimmzettel ohne Namen geben. Niemand hat sich für die Nachfolge von Bürgermeisterin Renate Bobsin (parteilos) in der 360-Seelen-Gemeinde beworben.
Wahl in Nerenstetten mit namenlosen Stimmzetteln ohne Kandidaten
Gewählt wird dennoch, ohne Namen und ohne Kästchen zum Ankreuzen. Die Wahlberechtigten dürfen einfach die Person auf den Wahlzettel schreiben, die sie für die Richtige halten. Die beiden Stimmsieger werden gefragt, ob sie bereit für eine Stichwahl sind, die am 13. April geplant ist. Die Zeit drängt: Ende Juni möchte die 60-jährige Bürgermeisterin in den Vorruhestand, fünf Jahre vor dem offiziellen Ende ihrer dritten Amtszeit.
Renate Bobsin: Man kann als Bürgermeisterin tolle Dinge tun
Gleichzeitig gibt Bobsin ihr zweites Ehrenamt als Bürgermeisterin der Nachbargemeinde Ballendorf mit 700 Einwohnern auf. Hier hat sich für die Wahl am 6. April eine Bewerberin gemeldet. Die doppelte Bürgermeisterin tritt aus rein persönlichen Gründen zurück. Sie sei ihres Berufes keineswegs überdrüssig. Als Bürgermeisterin "kann man unglaublich viele tolle Dinge tun und erleben", betont Bobsin, "und man hat einen direkten Draht zu den Bürgern". Freilich gebe es auch frustrierende Erfahrungen - wie in jedem Beruf.
Frust und Anfeindungen nicht nur im Ehrenamt
Im Alb-Donau-Kreis gab es eine namenlose Bürgermeisterwahl laut Landratsamt zuletzt 2010 in Emeringen, in der zweitkleinsten Gemeinde in ganz Baden-Württemberg mit 166 Einwohnern. Doch immer häufiger mangelt es an Bewerbungen, nicht nur im Ehrenamt, betont Daniela Baumann, Sprecherin des Alb-Donau-Kreises. Das liege an der Arbeitsbelastung quasi ohne Feierabend "und an der feindseligen politischen Stimmung", so Baumann. Das zeigten etwa die heftigen Anfeindungen in den vergangenen Monaten in der Stadt Langenau. Als Bürgermeister oder Bürgermeisterin könne man gleichwohl sehr viel gestalten und Anerkennung bekommen, betont die Sprecherin im Landratsamt.
Auch Bürgermeister von Oberdischingen zog Reißleine
Bereits im vorigen Jahr ist der Oberdischinger Bürgermeister Friedrich Nägele (parteilos) vorzeitig zurück getreten. Nach zehn Amtsjahren beklagte er die schwieriger gewordenen Aufgaben und einen Vertrauensverlust in der Gemeinde im Donautal. Was eben fünfzig Jahre lang gut funktioniert habe, sei heute nicht mehr tauglich, so das bittere Resümee seines bald scheidenden Amtskollegen aus Setzingen.
Bürgermeister Häcker: Kleine Kommunen müssten künftig fusionieren
Für Karl-Friedrich Häcker führt künftig kein Weg daran vorbei, dass sich kleine Kommunen zusammenschließen, etwa Ballendorf, Börslingen, Nerenstetten, Öllingen und Setzingen. Diese Fünf hätten zusammen 2.500 Einwohner und könnten "ein gutes Gehalt für einen hauptamtlichen Bürgermeister" bezahlen.
Persönlich freut sich Häcker schon auf seine amtsfreie Zeit, auch aus gesundheitlichen Gründen. Im kommenden Jahr will sich der 63-Jährige "vielleicht wieder ein Motorrad kaufen und in der Weltgeschichte umherfahren." Auch seiner Familie, etwa den drei Enkeln in München, möchte er mehr Zeit widmen.