Zum Prozess totes Baby in Waschmaschine

Interview zur Kindstötung: Warum Mütter ihr Neugeborenes töten

Das Gericht hat die Mutter, die ihr Baby nach der Geburt in die Waschmaschine gelegt hat, zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Zwei Expertinnen erklären, wie es soweit kommen kann.

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Stand

Eine 35-jährige Frau aus Albstadt ist wegen Totschlags am Landgericht Hechingen zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im März soll sie ihr Baby nach der Geburt in die Waschmaschine gelegt haben. Nichtsahnend schaltete ihr Lebensgefährte die Waschmaschine später ein. Das Kind starb. Die Angeklagte sagt, dass sie bis zur Geburt nichts von der Schwangerschaft gemerkt habe.

Dass Neugeborene von ihren Müttern getötet werden, passiert extrem selten, dennoch sorgt jeder Fall für große Aufmerksamkeit. Im SWR-Interview erklären die Professorin für Kinder- und Jugendrecht Theresia Höynck von der Universität Kassel und die Psychologin Aileen Krumma vom Zentrum für Kriminologische Forschung in Sachsen, in welchem Ausnahmezustand sich die Frauen in solchen Situationen befinden.

Zwei Porträts auf denen folgende Personen zu sehen sind: Aileen Krumma Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Prof. Dr. Theresia Höynck Professorin für Kinder- und Jugendrecht. Beide sind Expertinnen im Bereich der Kindstötung nach der Geburt.
Aileen Krumma arbeitet am Institut für kriminologische Forschung Sachsen e.V. und die Professorin Theresia Höynck ist Expertin für Kinder- und Jugendrecht an der Universität Kassel. Beide befassen sich in ihrer Arbeit mit dem Phänomen der Tötung von Neugeborenen durch die Mutter. Pressestelle Fotos: Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e.V. und Universität Kassel | Montage: SWR

SWR Aktuell: Warum tötet eine Mutter ihr Neugeborenes?

Aileen Krumma: Die Ursachen für Kindstötungen sind vielfältig. Es gibt nicht "den einen Grund", weshalb Mütter ihre Kinder töten. Neonatizide (Tötungen von Neugeborenen) werden überwiegend von überforderten Müttern begangen, die ungewollt schwanger wurden und die Schwangerschaft nicht selten komplett verschwiegen oder verdrängt haben, sodass weder der Kindsvater noch das familiäre Umfeld davon wissen.

Die Geburt erfolgt dann häufig allein, etwa im Badezimmer oder auf der Toilette, und die Mutter lässt das neugeborene Baby anschließend "verschwinden". Häufige Tötungsarten sind Ersticken oder Ertränken, teilweise wird das Baby im Müll "entsorgt".

In solchen Fällen werden Babyleichen manchmal in der Wohnung, im Wald, in Gewässern oder in Abfallbeseitigungsanlagen gefunden. Manche Mütter bewahren die Leichen ihrer Kinder in der Nähe auf, beispielsweise im Gefrierfach, in Blumenkübeln oder in anderen Behältnissen. Die Babyleichen werden oft erst spät entdeckt.

Es kann jedem und jeder von uns passieren, dass man Probleme wegschiebt und wegschiebt, und dann brechen sie über einem zusammen.

SWR Aktuell: Welche Gefühle oder inneren Zustände erleben Mütter im Augenblick der Geburt, die dazu beitragen, dass es zu einer Tötung kommt?

Aileen Krumma: Verzweiflungstaten spielen eine große Rolle bei der Tötung von Neugeborenen. Diese können etwa durch Angst vor dem eigenen Partner, durch die Angst vor Reaktionen der Familie oder durch frühere Gewalterfahrungen motiviert sein. Auch die Überforderung durch finanzielle Sorgen, Arbeitslosigkeit oder fehlende soziale Unterstützung kann eine Rolle spielen.

Psychische Störungen sind ein weiterer wichtiger Faktor. Insbesondere postpartale Depressionen (Depressionen nach der Geburt eines Kindes) und Psychosen spielen eine große Rolle, da Schwangerschaft und Geburt häufig den Auslöser einer psychischen Erkrankung darstellen. Psychotische Störungen können im Rahmen von Halluzinationen, insbesondere Stimmen, die zur Tötung auffordern, oder durch Wahnvorstellungen zu Kindstötungen führen.

Theresia Höynck:  Bei Neugeborenentötungen sind im Vergleich zu anderen Fallgruppen von Tötungsdelikten an Kindern auch viele sehr normale Frauen Täterinnen. Also Frauen, die weder besonders jung, noch benachteiligt, noch intellektuell minderbegabt sind.

Diese Frauen haben sich in ein Gebäude aus Verdrängung und Lügen verstrickt, das in dem Moment der Geburt zusammenbricht. Sie befinden sich in einem extremen psychischen Ausnahmezustand, der im höchsten Maße dysfunktional ist, sie sind also nicht zum rationalen Handeln fähig.   

SWR Aktuell: Im Fall des in der Waschmaschine getöteten Kindes geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Mutter nach der Geburt ganz bewusst gehandelt habe, und glaubt nicht, dass es eine Bewusstseinstrübung gab.

Theresia Höynck:  Zum konkreten Fall kann ich nichts sagen, ich kenne die Details nicht. Die Beurteilung von Neugeborenentötungen durch Gerichte hängt aber auch davon ab, inwiefern ein Gericht sich vorstellen kann, dass Menschen sehr bizarre, kaum vorstellbare Dinge tun.

Es kann jedem und jeder von uns passieren, dass man Probleme immer wieder wegschiebt, und dann brechen sie über einem zusammen. Ich schließe für niemanden, auch nicht mich selbst aus, dass so etwas passieren könnte.

Ein Beispiel, das man sich vielleicht leichter vorstellen kann als die Tötung eines Neugeborenen, sind Menschen, die in eine Schuldenkrise geraten, weil sie anfangen, ihre Briefe einfach nicht mehr zu öffnen und so vor einem sich auftürmenden Problem den Kopf in den Sand stecken.

Es kann auch hier eine so starke Verdrängung und Bewusstseinsverengung stattfinden, dass ein Blick auf vernünftige Lösungen nicht mehr möglich ist, und wenn sich dann der Gerichtsvollzieher ankündigt, etwas Fürchterliches passiert.

Die Frauen, die ihre Neugeborenen töten, sind oftmals von der Geburt überrascht, bewältigen die Geburt ohne Hilfe zu Hause und sind in dieser Situation nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Was sie dann tun, ist eine hektische, hilflose und von großer Irrationalität zeugende Vorgehensweise.

Wenn sie alle sieben Sinne beisammen hätten und ein geplantes Verbrechen verschleiern wollen, dann würden sie nicht das Kind in den Mülleimer tun oder im Bettkasten verstecken. Es ist eher ein reflexhaftes "das muss weg", mit dem die Verdrängung fortgesetzt wird.

SWR Aktuell: Wissen Sie, wie viele Kindstötungen es deutschlandweit im Jahr gibt?

Theresia Höynck: Bei den Neugeborenen sind es ungefähr 20 bis 35 Fälle pro Jahr in Deutschland, genaue Daten hierzu existieren leider nicht. Die genannte Zahl bezieht sich auf ältere Studien, dürfte aber von der Größenordnung weiterhin gelten. Die Dunkelziffer ist jedoch, wie bei vielen Delikten, sicher höher.  

SWR Aktuell: Was müsste sich ändern, damit die Zahl der Säuglingstötungen sinkt?

Aileen Krumma: Eine zentrale Problematik liegt in der gesetzlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs nach § 218 StGB. Er legalisiert Abbrüche nicht, sondern stellt sie nur unter bestimmten Bedingungen straffrei.

Das trägt zur gesellschaftlichen Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen bei, sodass betroffene Frauen ihre Schwangerschaft geheim halten. Darauf kann eine Kindstötung folgen.

Zudem müssen Schwangerschaftsabbrüche oft selbst finanziert werden. Das können sich nicht alle leisten. Darüber hinaus sollte es mehr Unterstützungsangebote für Schwangere geben. Der Ausbau von Beratungsstellen für Adoption, Schwangerschaftsabbruch oder finanzielle Fragen sollte vorangetrieben werden.

Heidelberg

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Im Prozess gegen eine Frau, die ihr eigenes Baby getötet haben soll, sind am Donnerstag die Plädoyers gesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Haftstrafe.

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Sonja Legisa
Sonja Legisa ist Reporterin für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Tübingen.
Theresa Krampfl
Theresa Krampfl

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