Ein Gutachten hat es der Stadt bestätigt: Sie wird bis 2030 aller Voraussicht nach nicht klimaneutral sein. Dieses Ziel haben der Oberbürgermeister und der Gemeinderat 2019 beschlossen. Doch vor allem im Verkehrsbereich hat sich in den vergangenen fünf Jahren viel zu wenig getan, wie Boris Palmer (parteilos) längst mit Bedauern eingeräumt hat. Zu wenige Menschen seien vom Verbrenner auf Elektroautos umgestiegen. Trotzdem sagte Palmer bei einer Informationsveranstaltung in Tübingen: Er will das Ziel "klimaneutral bis 2030" beibehalten - und er hofft, dass der Gemeinderat ihm folgt.
Kaum Zuhörer bei Klimaschutz Veranstaltung mit Palmer
Wie sehr das Thema Klimaschutz inzwischen in den Hintergrund gerückt ist, konnte man an der Zuschauerzahl bei der städtischen Informationsveranstaltung zum Klimaschutzprogramm sehen. Nur rund 20 Menschen kamen. Palmer und weitere Vertreter von Stadt und Stadtwerken sprachen vor fast leeren Reihen. Doch davon will der Oberbürgermeister sich nicht beirren lassen. Genau wie bei seinem Vorschlag, das Klimaziel nicht zu ändern - trotz schlechter politischer Rahmenbedingungen.
Es muss ja nicht immer alles schlechter werden auf der Welt. Vielleicht kommt ja noch eine Überraschung.
Tübingen will Wärmenetze weiter ausbauen
In den nächsten Jahren will die Stadt gemeinsam mit den Stadtwerken Tübingen vor allem die bestehenden Wärmenetze ausbauen. Bis 2030 sollen ein Drittel der Tübinger Haushalte angeschlossen sein. Klimaneutral ist die Wärme aber deshalb noch nicht. Die Stadtwerke Tübingen gaben als Ziel an, dass bei der Fernwärme bis 2030 ein Anteil von 30 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen soll. Derzeit sind es 10 Prozent. Klar ist dabei laut OB Palmer: Wärmenetze sind teuer - und der finanzielle Spielraum der Stadtwerke hat sich extrem verschlechtert.
Stadtwerke Tübingen setzen auf Windkraft und Sonnenenergie
Beim Strom hat sich in der Unistadt schon sehr viel getan. Der pro Kopf Verbrauch sinkt laut OB Palmer seit Jahren kontinuierlich. Der Anteil der Ökostromkunden bei den Stadtwerke wächst. 35.000 der rund 62.000 Kunden der Stadtwerke beziehen derzeit Ökostrom. Die meisten dieser Kunden kommen nach Angaben der Stadtwerke aus Tübingen.
Weil der Stromverbrauch künftig durch E-Autos und Wärmepumpen wahrscheinlich steigen wird, verfolgen die Stadtwerke derzeit unter anderem neue Windkraftprojekte in der Region - etwa im Windpark Hohfleck bei Sonnenbühl (Kreis Reutlingen), im Waldgebiet Rammert bei Tübingen oder in Starzach (Kreis Tübingen).
Klimaneutral bis 2023: Verkehr bleibt das Problemkind
Beim Verkehr scheint die Stadt derzeit die wenigsten Handlungsmöglichkeiten zu haben. Man könne niemanden zwingen, seinen Verbrenner gegen ein E-Auto zu tauschen, so Palmer. Die Tübinger Innenstadtstrecke der Regional-Stadtbahn, die eine Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene bringen sollte, wurde per Bürgerentscheid abgelehnt und ist derzeit nach Palmers Aussage nicht mehr realistisch.
Palmer: Tübingen soll attraktiv für Rad- und Fußgänger werden
Trotzdem ist Palmers Ziel, Tübingen zu einer Stadt umzubauen, die für Fußgänger, Radfahrer und Busnutzer attraktiv ist. Die Radstrecken in der Stadt wurden in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Vier neue Fahrradbrücken seien entstanden, resümiert Boris Palmer stolz. Das Fahrrad sei inzwischen das Hauptverkehrsmittel in der Stadt - gemessen an den gefahrenen Kilometern.
Tübingen will Zahl der E-Busse verdoppeln
Doch die Finanzkrise hat durchgeschlagen: Geld für neue Radwege sei schlicht nicht da, so der Oberbürgermeister. Was die Stadt aber tun will ist, die Zahl der teuren E-Busse bis 2027 auf 47 verdoppeln. Dann würden 60 Prozent der Tübinger Busse elektrisch fahren. Palmer hofft außerdem, dass sich künftig mehr Leute an Car-Sharing-Angeboten beteiligen.
Außerdem wird die Fußgängerzone laut einem Gemeinderatsbeschluss zum 1. Januar ausgeweitet. Und: Parken wird in Tübingen perspektivisch wohl teurer werden.