Vorzeigemodell mit Nebenwirkungen

Anschlusszwang an kalte Nahwärme sorgt in Tübinger Neubaugebiet für Ärger

Im Tübinger Neubaugebiet "Oberer Kreuzäcker" sorgt die kalte Nahwärme für Ärger: hohe Kosten, lange Vertragsbindung und kein eigener Solarstrom - trotz grünem Konzept.

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Von Autor/in Sabrina Kir

Jens Poetsch wohnt mit seiner Familie im Neubaugebiet "Oberer Kreuzäcker" in Tübingen-Bühl. Zuhause wollte er eigentlich umweltfreundlich heizen - mit der sogenannten kalten Nahwärme. Einem System, das ohne fossile Brennstoffe auskommt und als besonders zukunftsfähig gilt. Doch statt Klimafreude herrscht inzwischen Frust: Die Kosten für die Wärmeversorgung sind deutlich höher als ursprünglich angekündigt.

"Ich fand das Konzept technisch sehr überzeugend, sehr schön nachhaltig", erklärt Poetsch - und fügt hinzu: "Ich hatte eigentlich immer die Hoffnung, dass man sich irgendwann auch wirtschaftlich freuen kann. Dass man eben ein in die Zukunft gedachtes Konzept hat und nicht draufzahlt im Vergleich zu anderen Wärmesystemen." Bislang ging diese Idee allerdings nicht auf. Jetzt hat sich der Familienvater an den SWR gewandt.

Ärgerlich: Nahwärme teurer als zunächst kommuniziert

Das Projekt gilt als Vorzeigemodell für nachhaltige Wärmeversorgung: Die Stadtwerke Tübingen liefern kaltes Wasser mit Temperaturen zwischen vier und zehn Grad über ein unterirdisches Netz in die Häuser. Dort sorgen Sole-Wasser-Wärmepumpen für die nötige Heizenergie. Betrieben mit Strom, möglichst aus erneuerbaren Quellen. Das System kann im Sommer sogar zum Kühlen genutzt werden.

Ich hatte eigentlich immer die Hoffnung, dass man sich irgendwann auch wirtschaftlich freuen kann.

Klimaschutzpolitisch vielleicht vorbildlich, finanziell ist es jedoch ein Streitpunkt. Die Grundpreise stiegen um rund 60 Prozent, bevor die ersten Haushalte Ende 2023 überhaupt Wärme erhielten. "Damals, 2021, wurde ein Grundpreis von 1.317 Euro im Jahr genannt. Der jetzige liegt bei 2.133 Euro, also gute 800 Euro mehr im Jahr", sagt Poetsch.

Für viele Familien bedeutet das jährliche Fixkosten von über 2.000 Euro, zusätzlich zum Stromverbrauch der Wärmepumpe und einem Baukostenzuschuss von fast 12.000 Euro. Jens Poetsch, der sich nach eigenen Angaben intensiv mit den Preisstrukturen beschäftigt hat, sagt: "Der Grundpreis macht nach meinen Berechnungen etwa 82 Prozent der Jahreskosten aus. Da kann ich Türen und Fenster so gut schließen, wie ich will, finanziell bringt das fast nichts."

Zehn Jahre vertraglich gebunden und kein Solarstrom erlaubt

Für zusätzlichen Ärger sorgt eine lange Vertragsbindung. Die Hausbesitzerinnen und -besitzer sind mindestens zehn Jahre an die Stadtwerke gebunden und dürfen in dieser Zeit weder aussteigen noch selbst erzeugten Solarstrom zum Heizen verwenden. Auch Christian S. lebt im "Oberen Kreuzäcker". Er sagt, durch die gestiegenen Kosten und die Vertragsbindung fühlt er sich stark eingeschränkt.

Wir dürfen den Strom unserer Solaranlage nicht für die Wärmepumpe nutzen, was eigentlich total naheliegend wäre.

"Wir dürfen den Strom unserer Solaranlage nicht für die Wärmepumpe nutzen, was eigentlich total naheliegend wäre. Stattdessen müssen wir den Strom zum Betrieb der Wärmepumpe von den Stadtwerken beziehen", ärgert sich S. Dabei sind alle Bauherren in Baden-Württemberg verpflichtet, Solaranlagen auf ihren Dächern zu installieren. Den eigenen Strom auch fürs Heizen zu nutzen, wäre für viele naheliegend, ist aber laut Vertrag ausgeschlossen.

Fernwärmeanlage im Haus einer der Anwohner.
Bei einem Anwohner im Neubaugebiet: Die Wärmepumpe gehört zum System der kalten Fernwärme und sorgt dort für Heizung und Warmwasser.

Stadtwerke: Kostensteigerungen waren unvermeidlich

Die Stadtwerke Tübingen (swt) bestätigen die Preiserhöhungen, betonen aber, dass sie wirtschaftlich notwendig gewesen seien. Bereits 2021 seien bei einer Informationsveranstaltung lediglich unverbindliche Richtwerte genannt worden, um Bauinteressierten eine Orientierung zu geben.

Wir haben die Kosten nach vertraglichen Preisgleitklauseln angepasst, um den kostendeckenden Betrieb sicherzustellen.

Mit der Inbetriebnahme Ende 2023 seien die Preise dann erstmals verbindlich kalkuliert worden, auf Basis der tatsächlichen Bau- und Energiekosten. Nach Angaben der Stadtwerke stiegen seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine sowohl der Baukostenindex um rund 35 Prozent als auch die Strombeschaffungskosten um 82 Prozent.

Anwohner wehren sich – Fall liegt bei der Kartellbehörde

Diese massiven Preissteigerungen hätten die Wärmeversorgung unmittelbar verteuert. "Wir haben die Kosten nach vertraglichen Preisgleitklauseln angepasst, um den kostendeckenden Betrieb sicherzustellen", teilten die Stadtwerke auf Nachfrage mit. Man verstehe den Unmut der Kunden, trage aber selbst einen Teil der Mehrkosten mit. Zugleich verweisen die swt darauf, dass bei fallenden Marktpreisen auch Preissenkungen vorgenommen würden, etwa beim Arbeitspreis 2024, der wegen günstigerem Stromeinkauf reduziert werden konnte.

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Rund 30 Eigentümerinnen und Eigentümer im Neubaugebiet haben sich zusammengeschlossen, um gegen die Preisgestaltung vorzugehen. Mit Unterstützung der Verbraucherzentrale haben sie sich an die Energiekartellbehörde Baden-Württemberg gewandt. Dort wird der Fall derzeit geprüft. "Ich habe der Energiekartellbehörde im September 2024 geschrieben. Sie haben die Stellungnahme der Stadtwerke vorliegen, aber seit Monaten tut sich nichts", sagt Poetsch. Viele fühlen sich im Stich gelassen, auch von der Stadt selbst: "Wir hatten gehofft, dass die Stadt als Vermittlerin auftritt. Stattdessen sind Stadtwerke und Verwaltung gemeinsam aufgetreten."

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Das Beispiel in Tübingen-Bühl zeigt, wie ambitionierte Klimaziele und wirtschaftliche Realität aufeinandertreffen. Technisch gilt die kalte Nahwärme als Modell der Zukunft, doch die Akzeptanz steht auf dem Spiel, wenn Bürgerinnen und Bürger sich überrumpelt fühlen. Jens Poetsch etwa betont: "Ich finde, Klimaschutz und Wärmewende sind echt wichtig. Aber solche Aktionen vergällen den Leuten ein Stück weit die Lust daran."

Er findet: "Nachhaltigkeit muss ja auch Spaß machen, sonst wird das nichts mit der Wärmewende." Klar ist: Die Wärmewende bleibt nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Herausforderung. Und während in Bühl noch gestritten wird, plant die Stadt in einem neuen Baugebiet in Tübingen-Pfrondorf laut Medienberichten kein weiteres kaltes Nahwärmenetz, da es zu teuer und offenbar zu ineffizient wäre.

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Sabrina Kir

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