- Was ist ein Lipödem?
- Woran erkenne ich die Erkrankung?
- Wann sollte ich zum Arzt gehen?
- Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
- Was zahlt die Krankenkasse?
Im Lipomedicum Tübingen stehen die Telefone derzeit kaum still. Wer heute einen Termin vereinbaren möchte, muss Geduld mitbringen: Die Praxis ist nach eigenen Angaben bis Mitte 2027 ausgebucht. Praxisinhaberin Amei Röhner-Zangiabadi weiß warum: Das Lipödem ist inzwischen bekannter geworden. Auch die nun geltende Kostenübernahme der Liposuktion durch die gesetzlichen Krankenkassen dürfte viele Betroffene dazu bewegen, sich erstmals untersuchen zu lassen.
Für Sabine Banzhaf war der Weg bis zur Diagnose lang. Jahrelang wurden ihre Beschwerden auf Rückenprobleme oder ein Lymphödem zurückgeführt. Erst Physiotherapeuten brachten das Lipödem ins Spiel. Zu diesem Zeitpunkt konnte die Erzieherin nach eigenen Angaben teilweise kaum noch 500 Meter laufen. Musste sich nach der Arbeit oft mehrere Stunden hinlegen. "Für mich hat die Lipödem-Diagnose mein Leben gerettet", sagt sie heute.
Was ist ein Lipödem?
Ein Lipödem ist eine chronische Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Schätzungen zufolge leiden zehn bis 15 Prozent aller Frauen darunter. Die Erkrankung ist erblich bedingt und wird durch hormonelle Veränderungen beeinflusst. Etwa in der Pubertät, während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren.
Noch immer würden Betroffene häufig hören, sie müssten lediglich abnehmen oder mehr Sport treiben, berichtet Amei Röhner-Zangiabadi, Inhaberin der Lipomedicum-Praxis in Tübingen. Das greife jedoch zu kurz. "Es gibt sehr schlanke Patientinnen mit einem klassischen Lipödem." Eine Gewichtsabnahme allein könne die Erkrankung nicht beseitigen. Zwar könne Übergewicht die Beschwerden verstärken, das krankhaft veränderte Fettgewebe bilde sich dadurch jedoch nicht zurück.
Woran erkenne ich ein Lipödem?
Typisch für ein Lipödem ist eine auffällige Disproportion zwischen Ober- und Unterkörper: Während der Oberkörper oft schlank ist, sind Hüften und Beine deutlich kräftiger ausgeprägt. Hinzu kommen Druckschmerzen, Spannungsgefühle, eine erhöhte Neigung zu blauen Flecken und häufig kalte Beine. Charakteristisch ist außerdem das sogenannte Gamaschenphänomen: Das Fettgewebe endet oberhalb des Knöchels, während die Füße ausgespart bleiben.
Wann sollte ich zum Arzt gehen?
Wer dauerhaft unter solchen Beschwerden leidet und dadurch im Alltag eingeschränkt ist, sollte die Symptome ärztlich abklären lassen, sagt Amei Röhner-Zangiabadi. Spezialisten erkennen ein Lipödem anhand typischer klinischer Merkmale. Ergänzend wird häufig eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, um beispielsweise eine Venenerkrankung auszuschließen. Auch wenn sich der Verdacht am Ende nicht bestätigt, sei der Arztbesuch sinnvoll, betonen Amei Röhner-Zangiabadi und Jonas Hoffmann, Mitinhaber des Lipomedicums Tübingen und Facharzt für Viszeralchirurgie.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Die Behandlung stützt sich auf mehrere Bausteine. Dazu gehören Kompressionsversorgung und manuelle Lymphdrainage, um Schwellungen und Spannungsgefühle zu lindern. Auch Bewegung, insbesondere Schwimmen oder Wassergymnastik, kann helfen. Im Lipomedicum gehört außerdem eine Ernährungsberatung zum Behandlungskonzept. Ziel ist unter anderem eine kohlenhydratreduzierte beziehungsweise ketogene Ernährung, wie sie die aktuellen Leitlinien als mögliche unterstützende Maßnahme nennen.
Reichen konservative Maßnahmen nicht aus oder wünschen sich Betroffene eine operative Behandlung, kann eine Liposuktion infrage kommen. Dabei wird das krankhaft veränderte Fettgewebe abgesaugt. Nach dem Eingriff seien Patientinnen in der Regel etwa zwei Wochen arbeitsunfähig. Die vollständige Heilung des Gewebes dauere jedoch mehrere Monate. Auch Sabine Banzhaf entschied sich für die Operation. Heute könne sie wieder längere Strecken spazieren gehen, tanzen und deutlich mehr am Alltag teilnehmen.
"Man schleppt sich nicht mehr von einem Punkt zum anderen. Man geht wieder."
Was zahlt die Krankenkasse?
Seit dem 1. Juli ist die Liposuktion bei Lipödem in allen Stadien eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Betroffene müssen dafür keinen Antrag mehr bei ihrer Krankenkasse stellen. Abgerechnet wird direkt über die behandelnde Praxis. Zuvor mussten Betroffene in den Stadien I und II die Kosten für den Eingriff in der Regel selbst tragen. Eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen war bis dahin grundsätzlich nur bei einem Lipödem im Stadium III möglich.
Trotzdem dürfte es vielerorts zunächst bei längeren Wartezeiten bleiben. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg verfügen derzeit lediglich 13 Praxen im Land über die notwendige Genehmigung, den Eingriff zulasten der gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen. Belastbare Zahlen dazu, wie viele Patientinnen die neue Leistung bereits in Anspruch genommen haben, liegen der AOK Baden-Württemberg noch nicht vor. Die ersten Abrechnungsdaten werden erst zeitversetzt nach Abschluss der Abrechnungsquartale erwartet.
Für viele Betroffene ist die neue Regelung dennoch ein wichtiges Signal. Sie hoffen, dass das Lipödem dadurch bekannter wird und Vorurteile gegenüber der Erkrankung weiter abnehmen.