Früher mal, erzählt Bernhard Jung, der seinen Friseursalon an der Ecke hat, gab es immer wieder kleine Feste im Hof. Da haben sich die Anwohner getroffen. Irgendwann sei diese Tradition eingeschlafen. Schade. Doch an einem Nachmittag Ende September ist der Hof wieder voller gut gelaunter Menschen.
Die meisten, die da malen oder sprayen, sind lokale Kunstschaffende. Der Verein "Freiraum Balingen kreativ e.V." zahlt ihnen eine Aufwandsentschädigung. Denn, sagt Bernhard Jung, Vorsitzender des Vereins, Kunst verdient Anerkennung. Auch finanziell.
Jung betont aber auch: Man braucht nicht immer Geld, um etwas zu bewegen. Die erste Farbe, die in den Hof gekommen ist, war Grün. Kostenloses Grün. Unter anderem scharfer Mauerpfeffer, einfach in die Fugen zwischen den Pflastersteinen gepflanzt. Dadurch soll der Hof im Sommer auch etwas kühler werden. Was Bernhard Jung besonders begeistert hat: Kaum waren einige Fugen begrünt, hat eine Nachbarin sie abends gegossen.
Etwas Kleines, das wächst, das macht Bernhard Jung Freude. Der Verein "Freiraum" möchte mit seinen Ideen auch andere inspirieren, selbst etwas in die Hand zu nehmen. Man muss nicht warten, bis etwas Großes passiert, sagt Jung. Seine Überzeugung: Man braucht nur Engagement und Leidenschaft, dann kann man viel bewegen.
Künstler machen Innenhof bunt
Der Street-Art-Künstler Matze Bartl hat von der Stadt Balingen die Erlaubnis bekommen, eine Wand zu besprühen. "Love" steht da jetzt in riesigen Lettern, mit unzähligen kleinen bunten Herzen in jedem Buchstaben. Über das Projekt hatte auch die Schwäbische Zeitung schon berichtet, nun geht es immer weiter. Angela Jung und Baba Cham malen einen Schmetterling auf eine Garagenrückwand. Sein Körper sieht aus wie der Balinger Kirchturm mit einer feinen Prise Phantasie, seine Flügel sind bunt und fröhlich.
Die achtjährige Marie arbeitet an einem Weltall-Bild, das bald an ihre Hauswand kommen soll. Petra Penz lässt zwei Stühle plastisch aus einem abstrakten Gemälde hervortreten. Darüber hängt ein T-Shirt mit dem Zeichen, das auf Bildschirmen Pause bedeutet. Ihre Botschaft: Wo kein Bildschirm dazwischen ist, da beginnen die wichtigen Begegnungen.
Und Begegnungen finden an diesem Tag in diesem Balinger Innenhof überall statt. Das im Wortsinn bunte Treiben zieht auch Menschen an, die weiter weg wohnen. Eine Nachbarin bringt einen frisch gebackenen Eierlikör-Kuchen vorbei. Ein Mann spielt Gitarre und singt. Marie, die das Weltraum-Bild gemalt hat, legt sich flach auf den Hof, ihre Mutter und Petra Penz malen mit Kreide ihre Umrisse nach. Dann bemalen die drei alle Steine innerhalb des Umrisses. So ist Marie jetzt auch von oben zu sehen. Die Stimmung ist fröhlich-entspannt. Es geschieht bereits das, was Bernhard Jung sich gewünscht hat: Die Menschen kommen näher zusammen.
Bernhard Jung glaubt, dass die Menschen durch die Farbe offener geworden sind. Wenn sie sich nun begegnen, kann es sein, dass sie schon nicht mehr nur "Hallo" zueinander sagen, sondern: "Hallo, wie geht's?" - und das kann der Anfang sein für einen tieferen Austausch. Für mehr Nähe.