Hans Bausch Mediapreis für Studien über digitale Plattformen

Wissenschaftlerinnen: Sollten wir Facebook, Instagram und Whatsapp verlassen?

Arbeiten Soziale Medien nachhaltig? Und wie steht es mit Fakten-Checks? Der SWR und die Uni Tübingen zeichnen Wissenschatlerinnen zu Fact-Checking und Nachhaltigkeit aus.

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Stand

Von Autor/in Peter Binder

Fakten-Checker in Lateinamerika und Europa arbeiten unterschiedlich, aber sie arbeiten auch zusammen. Das hat Regina Cazzamatta von der Universität Erfurt untersucht. Dafür bekommt sie den Hans Bausch Mediapreis 2025.

Digitale Plattformen als "Nachrichtenquelle" machen Fact-Checking umso wichtiger

Unter anderem hat sie herausgefunden, dass Fakten-Checker in Europa deutlich mehr Aussagen von Politikerinnen und Politikern untersuchen als in Brasilien, Argentinien, Chile oder Venezuela. Dort liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf Sozialen Medien. Das sei auch sinnvoll, meint Cazzamatta. Denn die Menschen dort, sagt sie, informieren sich über Soziale Medien viel mehr als über das Fernsehen oder gar Zeitungen.

Regina Cazzamatta, Trägerin des Hans Bausch Mediapreises. Sie erhält ihn für ihre Studie über Fact-Checking in Europa und Lateinamerika, wo Soziale Medien noch mehr als Nachrichten-Ersatz genutzt werden.
Regina Cazzamatta von der Uni Erfurt forscht darüber, was Faktenchecker gegen Falschinformationen im Internet tun. Dafür bekommt sie den Hans Bausch Mediapreis. Peter Binder

Gleichzeitig fiel ihr auf, dass Fakten-Check-Redaktionen weltweit ähnlich arbeiten. Die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern sind nicht so groß wie die zwischen Redaktionen, die für etablierte Medien arbeiten und solchen, die teilweise von den Plattformen finanziert werden. Allerdings entstünde aus dieser Finanzierung auch keine direkte Abhängigkeit. Die Fakten-Checker blieben kritisch. Viele fänden Wege, Einschränkungen der Plattformen zu umgehen.

Regina Cazzamatta (Mitte) bei der Preisübergabe zusammen mit Kai Gniffke (rechts) und Moderatorin Stefanie Germann (links). Regina Cazzamatta ist Preisträgerin des Hans Bausch Mediapreis 2025.
Regina Cazzamatta (Mitte) hat ihren Hans Bausch Mediapreis aus den Händen von SWR Intendant Kai Gniffke (rechts) entgegengenommen. Stefanie Germann vom SWR (links) stellte die richtigen Fragen und führte locker durch den Abend. Peter Binder

Richtigstellungen auch auf eigenen Websites

Wenn der Konzern Meta beispielsweise keine Überprüfung von Politikeraussagen auf seinen Plattformen Facebook oder Instagram zulässt, dann veröffentlichen die Fakten-Checker ihre Hinweise auf Fake News auf eigenen Websites.

Oder sie finden noch einen anderen Weg: Lateinamerikanische Faktenprüfer suchen dann etwa nach anderen Nutzern, die dieselbe Falschaussage verbreiten - bei Nicht-Politikern können sie dann veranlassen, dass Facebook die Behauptungen als Falschaussage etikettiert.

Metas Abschied vom Fact-Checking in den USA

Meta-Chef Mark Zuckerberg hat der EU Zensur vorgeworfen, weil ihre Digitalgesetze Fakten-Checks verlangen. Den Vorwurf könne man leicht entkräften, so Cazzamatta. Fakten-Checker haben keine Möglichkeit, Inhalte von digitalen Plattformen zu entfernen. Sie können nur die Betreiber auf Fehlinformationen hinweisen. Die Plattformbetreiber selbst müssen die Fake News dann als solche kennzeichnen.

Zuckerbergs Entscheidung, den Wahrheitsgehalt von Inhalten auf seinen Plattformen in den USA nicht mehr überprüfen zu lassen, ist zwar nicht Gegenstand von Cazzamattas preisgekrönter Studie. Damit beschäftigt sie sich aber für ihre nächste Arbeit. Sie betrachtet Zuckerbergs Entscheidung als sehr problematisch.

Digitale Nachhaltigkeit auf Kommunikationsplattformen

Die Verbreitung von Falschinformationen ist ein Problem, das auch Jeanette Kollien in ihrer Masterarbeit behandelt hat. Der SWR und die Universität Tübingen zeichnen die wissenschaftliche Arbeit in diesem Jahr mit dem erstmals verliehenen Hans Bausch Sonderpreis aus.

Jeanette Kollien (mitte) bei der Preisübergabe zusammen mit Moderatorin Stefanie Germann (links) und Prof. Martina Thiele, Uni Tü (rechts). Jeanette Kollien ist Preisträgerin des Hans Bausch Mediapreis 2025.
Jeanette Kollien (Mitte) bekam ihren Hans Bausch Sonderpreis von Martina Thiele (rechts) überreicht, die als Professorin für Medienwissenschaften an der Uni Tübingen Mitglied der Jury war. Stefanie Germann vom SWR (links) hat den Abend moderiert. Peter Binder

In Kolliens Arbeit geht es um "Digitale Nachhaltigkeit", also letztlich um die Frage, wie digitale Plattformen die Welt für zukünftige Generationen verändern. Darunter meint sie unter anderem ökologische Aspekte, aber auch Arbeitsbedingungen, personalisierte Werbung, Datenschutz und die Algorithmen, die bestimmen, welche Inhalte Nutzerinnen und Nutzern bevorzugt präsentiert werden.

Wir denken, die Cloud , das ist irgendwas Nebulöses. Aber die Wahrheit ist ja, das sind alles Kabel, das sind Server. Wir reden hier von großen Rechenzentren, wir reden von Endgeräten, die produziert werden müssen, und die viel zu häufig entsorgt werden, obwohl sie noch funktionstüchtig wären. Diese ganze Digitalisierung ist nicht ohne Kosten.

Das Problem mit personalisierter Werbung beispielsweise beschreibt Kollien als ein doppeltes. Zum einen würden dafür sehr viele Daten über die Nutzer gesammelt und digitale Profile erstellt. Und wo Datensammlungen entstünden, könnten sie immer auch missbraucht werden. Zum anderen führe personalisierte Werbung dazu, dass die Menschen mehr und mehr Dinge konsumierten, die sie eigentlich gar nicht brauchten. Und übermäßiger Konsum sei einer der größten Treiber des Klimawandels.

Datenserver mit vielen Kabeln und blinkenden Lichtern
Uli Deck

Können Soziale Medien für Hass und Gewalt verantwortlich gemacht werden?

Ebenfalls eine Frage von Nachhaltigkeit: Um Menschen möglichst lange auf den Plattformen zu halten, seien sie so programmiert, dass sie uns viele Themen zeigen, die uns aufregen oder wütend machen. Dementsprechend förderten die Anbieter Postings mit Hass und Gewalt. Vor wenigen Jahre hat die Rohingya-Minderheit aus Myanmar Facebook verklagt. Der Vorwurf: Die Plattform habe zu wenig gegen Hetze getan, die in einen Völkermord ausgeartet sei. Die Klage ist laut Medienberichten zwar inzwischen wegen Verjährung abgewiesen, die Rohingya wollen aber Berufung einlegen.

Jeanette Kollien kommt nach ihrer Untersuchung für sich zu dem Schluss, dass die internationalen Konzerne in den USA und China keinerlei Interesse daran haben, nachhaltig zu wirtschaften. "Warum sollten die ihre Geschäftsmodelle ändern?", fragt sie. Schließlich verdienen sie ihr Geld damit.

Jeanette Kollien, Trägerin des Hans Bausch Sonderpreises.  Sie hat untersucht Nachhaltigkeit bei Soziale Medien, also ob sie an künftige Generationen denken.
Normalerweise werden mit dem Hans Bausch Mediapreis keine Masterarbeiten ausgezeichnet. Für Jeanette Kolliens Arbeit über Nachhaltigkeit bei digitalen Plattformen hat die Jury eine Ausnahme gemacht und erstmals einen Sonderpreis verliehen. Peter Binder

Netzwerkeffekt: Verlassen der Plattform kann Kontakte kosten

Einerseits wäre mehr staatliche Kontrolle nötig, meint Kollien, zum anderen wünscht sie sich, dass mehr Leute Open-Source-Produkte nutzen, europäische Plattformen ohne Profit-Interesse. Ein Problem dabei ist allerdings der sogenannte Netzwerkeffekt. Wenn meine ganze Familie und meine Freunde eine bestimmte Plattform nutzen, ist es nicht meine freie Entscheidung, diese nicht zu nutzen - auch wenn ich mit den Bedingungen vielleicht nicht einverstanden bin.

Kollien plädiert dafür, andere Plattformen auszuprobieren - was ja nicht bedeute, dass man die der mächtigen Konzerne sofort verlassen müsse. Würden mehr Leute die Open-Source-Produkte nutzen, könnte eines Tages eine "kritische Masse" erreicht werden. Würden ausreichend Menschen zu einer Alternative bewegt, könnte die eines Tages der digitale Ort werden, an dem man mehr Leute trifft als bei den großen kommerziellen Anbietern.

Globale Lösungen gegen Fake News gefragt

Zumindest was die Überprüfung von Fakten angeht, würde das nicht viel nutzen, meint dagegen die Hans Bausch Mediapreisträgerin Regina Cazzamatta. Auch wenn wir in Europa kleine, nachhaltige Plattformen nutzten, wären wir vor ungeprüften Falschinformationen etwa aus den USA nicht sicher.

Große Meta Schrift im Hintergrund. Im Vordergrund sieht man ein Handy mit den Apps Instagram, Facebook und WhatsApp. Die Trägerinnen des Hans Bausch Mediapreises 2025 befassen sich mit solchen Plattformen.
Sind Insta, WhatsApp und Facebook nachhaltig? Und wer überprüft in welcher Form, was auf diesen Plattformen für Inhalte verbreitet werden? Um diese Fragen geht es in den wissenschaftlichen Arbeiten, die in diesem Jahr mit dem Hans Bausch Mediapreis des SWR ausgezeichnet worden sind. Jens Büttner

Wir brauchen eine globale Lösung, sagt Cazzamatta. Denn in unserer globalisierten Welt sind wir nie isoliert, sondern immer mit allen verbunden. Für entscheidend hält sie, dass wir alle besser lernen, mit Informationen und Falschinformationen umzugehen: Wir brauchen mehr Medienkompetenz, sagt sie.

Jury: Soziale Medien ohne Fact-Checking sind unverantwortlich

SWR-Intendant Kai Gniffke, der unter anderem mit Lehrenden der Universität Tübingen in der Jury des Hans Bausch Mediapreises sitzt, betont die Wichtigkeit der beiden preisgekrönten Forschungsarbeiten. Denn beide verdeutlichen, welcher großen Verantwortung sich die Plattformen eigentlich stellen müssten.

Die gemeinnützige Stiftung Hans Bausch Mediapreis des SWR dient der Förderung von Wissenschaft, Forschung und Innovation im Medienbereich. Dafür verleiht sie einmal im Jahr den gleichnamigen Mediapreises in Höhe von 5.000 Euro für eine wissenschaftliche Arbeit im deutschsprachigen Raum. Der erstmals ausgelobte Hans Bausch Media-Sonderpreis des SWR ist mit einem Preisgeld von 1.000 Euro dotiert. Bei der Verleihung des Preises kooperiert der SWR eng mit dem Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen.

Stuttgart/Tübingen
Die Preisträgerinnen des Hans Bausch Mediapreises 2025: Regina Cazzamatta (Hauptpreis) und Jeanette Kollien (Sonderpreis)

Auszeichnung Hans Bausch Mediapreis 2025 für Regina Cazzamatta und Sonderpreis für Jeanette Kollien

Der Hans Bausch Mediapreises des SWR zeichnet erstmals zwei Arbeiten aus: Für ihre Studie über Fact-Checking erhält Regina Cazzamatta den Hauptpreis, Jeanette Kollien wird für ihre Studie zu digitaler Nachhaltigkeit mit dem Sonderpreis ausgezeichnet.

Tübingen
Harald Lesch steht in Anzug und Krawatte vor einer pastellfarbenen Wand im Schloss Bellevue in Beriln

Mediendozentur von SWR und Uni Tübingen Wie durch die Krise kommen? Astrophysiker Lesch klärt auf

Er erklärt Wissenschaft im Fernsehen und in anderen Medien. Am Mittwoch spricht Harald Lesch bei der Tübinger Mediendozentur über "Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde".