Fakten-Checker in Lateinamerika und Europa arbeiten unterschiedlich, aber sie arbeiten auch zusammen. Das hat Regina Cazzamatta von der Universität Erfurt untersucht. Dafür bekommt sie den Hans Bausch Mediapreis 2025.
Digitale Plattformen als "Nachrichtenquelle" machen Fact-Checking umso wichtiger
Unter anderem hat sie herausgefunden, dass Fakten-Checker in Europa deutlich mehr Aussagen von Politikerinnen und Politikern untersuchen als in Brasilien, Argentinien, Chile oder Venezuela. Dort liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf Sozialen Medien. Das sei auch sinnvoll, meint Cazzamatta. Denn die Menschen dort, sagt sie, informieren sich über Soziale Medien viel mehr als über das Fernsehen oder gar Zeitungen.
Gleichzeitig fiel ihr auf, dass Fakten-Check-Redaktionen weltweit ähnlich arbeiten. Die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern sind nicht so groß wie die zwischen Redaktionen, die für etablierte Medien arbeiten und solchen, die teilweise von den Plattformen finanziert werden. Allerdings entstünde aus dieser Finanzierung auch keine direkte Abhängigkeit. Die Fakten-Checker blieben kritisch. Viele fänden Wege, Einschränkungen der Plattformen zu umgehen.
Richtigstellungen auch auf eigenen Websites
Wenn der Konzern Meta beispielsweise keine Überprüfung von Politikeraussagen auf seinen Plattformen Facebook oder Instagram zulässt, dann veröffentlichen die Fakten-Checker ihre Hinweise auf Fake News auf eigenen Websites.
Oder sie finden noch einen anderen Weg: Lateinamerikanische Faktenprüfer suchen dann etwa nach anderen Nutzern, die dieselbe Falschaussage verbreiten - bei Nicht-Politikern können sie dann veranlassen, dass Facebook die Behauptungen als Falschaussage etikettiert.
Metas Abschied vom Fact-Checking in den USA
Meta-Chef Mark Zuckerberg hat der EU Zensur vorgeworfen, weil ihre Digitalgesetze Fakten-Checks verlangen. Den Vorwurf könne man leicht entkräften, so Cazzamatta. Fakten-Checker haben keine Möglichkeit, Inhalte von digitalen Plattformen zu entfernen. Sie können nur die Betreiber auf Fehlinformationen hinweisen. Die Plattformbetreiber selbst müssen die Fake News dann als solche kennzeichnen.
Zuckerbergs Entscheidung, den Wahrheitsgehalt von Inhalten auf seinen Plattformen in den USA nicht mehr überprüfen zu lassen, ist zwar nicht Gegenstand von Cazzamattas preisgekrönter Studie. Damit beschäftigt sie sich aber für ihre nächste Arbeit. Sie betrachtet Zuckerbergs Entscheidung als sehr problematisch.
Digitale Nachhaltigkeit auf Kommunikationsplattformen
Die Verbreitung von Falschinformationen ist ein Problem, das auch Jeanette Kollien in ihrer Masterarbeit behandelt hat. Der SWR und die Universität Tübingen zeichnen die wissenschaftliche Arbeit in diesem Jahr mit dem erstmals verliehenen Hans Bausch Sonderpreis aus.
In Kolliens Arbeit geht es um "Digitale Nachhaltigkeit", also letztlich um die Frage, wie digitale Plattformen die Welt für zukünftige Generationen verändern. Darunter meint sie unter anderem ökologische Aspekte, aber auch Arbeitsbedingungen, personalisierte Werbung, Datenschutz und die Algorithmen, die bestimmen, welche Inhalte Nutzerinnen und Nutzern bevorzugt präsentiert werden.
Wir denken, die Cloud , das ist irgendwas Nebulöses. Aber die Wahrheit ist ja, das sind alles Kabel, das sind Server. Wir reden hier von großen Rechenzentren, wir reden von Endgeräten, die produziert werden müssen, und die viel zu häufig entsorgt werden, obwohl sie noch funktionstüchtig wären. Diese ganze Digitalisierung ist nicht ohne Kosten.
Das Problem mit personalisierter Werbung beispielsweise beschreibt Kollien als ein doppeltes. Zum einen würden dafür sehr viele Daten über die Nutzer gesammelt und digitale Profile erstellt. Und wo Datensammlungen entstünden, könnten sie immer auch missbraucht werden. Zum anderen führe personalisierte Werbung dazu, dass die Menschen mehr und mehr Dinge konsumierten, die sie eigentlich gar nicht brauchten. Und übermäßiger Konsum sei einer der größten Treiber des Klimawandels.
Können Soziale Medien für Hass und Gewalt verantwortlich gemacht werden?
Ebenfalls eine Frage von Nachhaltigkeit: Um Menschen möglichst lange auf den Plattformen zu halten, seien sie so programmiert, dass sie uns viele Themen zeigen, die uns aufregen oder wütend machen. Dementsprechend förderten die Anbieter Postings mit Hass und Gewalt. Vor wenigen Jahre hat die Rohingya-Minderheit aus Myanmar Facebook verklagt. Der Vorwurf: Die Plattform habe zu wenig gegen Hetze getan, die in einen Völkermord ausgeartet sei. Die Klage ist laut Medienberichten zwar inzwischen wegen Verjährung abgewiesen, die Rohingya wollen aber Berufung einlegen.
Jeanette Kollien kommt nach ihrer Untersuchung für sich zu dem Schluss, dass die internationalen Konzerne in den USA und China keinerlei Interesse daran haben, nachhaltig zu wirtschaften. "Warum sollten die ihre Geschäftsmodelle ändern?", fragt sie. Schließlich verdienen sie ihr Geld damit.
Netzwerkeffekt: Verlassen der Plattform kann Kontakte kosten
Einerseits wäre mehr staatliche Kontrolle nötig, meint Kollien, zum anderen wünscht sie sich, dass mehr Leute Open-Source-Produkte nutzen, europäische Plattformen ohne Profit-Interesse. Ein Problem dabei ist allerdings der sogenannte Netzwerkeffekt. Wenn meine ganze Familie und meine Freunde eine bestimmte Plattform nutzen, ist es nicht meine freie Entscheidung, diese nicht zu nutzen - auch wenn ich mit den Bedingungen vielleicht nicht einverstanden bin.
Kollien plädiert dafür, andere Plattformen auszuprobieren - was ja nicht bedeute, dass man die der mächtigen Konzerne sofort verlassen müsse. Würden mehr Leute die Open-Source-Produkte nutzen, könnte eines Tages eine "kritische Masse" erreicht werden. Würden ausreichend Menschen zu einer Alternative bewegt, könnte die eines Tages der digitale Ort werden, an dem man mehr Leute trifft als bei den großen kommerziellen Anbietern.
Globale Lösungen gegen Fake News gefragt
Zumindest was die Überprüfung von Fakten angeht, würde das nicht viel nutzen, meint dagegen die Hans Bausch Mediapreisträgerin Regina Cazzamatta. Auch wenn wir in Europa kleine, nachhaltige Plattformen nutzten, wären wir vor ungeprüften Falschinformationen etwa aus den USA nicht sicher.
Wir brauchen eine globale Lösung, sagt Cazzamatta. Denn in unserer globalisierten Welt sind wir nie isoliert, sondern immer mit allen verbunden. Für entscheidend hält sie, dass wir alle besser lernen, mit Informationen und Falschinformationen umzugehen: Wir brauchen mehr Medienkompetenz, sagt sie.
Jury: Soziale Medien ohne Fact-Checking sind unverantwortlich
SWR-Intendant Kai Gniffke, der unter anderem mit Lehrenden der Universität Tübingen in der Jury des Hans Bausch Mediapreises sitzt, betont die Wichtigkeit der beiden preisgekrönten Forschungsarbeiten. Denn beide verdeutlichen, welcher großen Verantwortung sich die Plattformen eigentlich stellen müssten.
Die gemeinnützige Stiftung Hans Bausch Mediapreis des SWR dient der Förderung von Wissenschaft, Forschung und Innovation im Medienbereich. Dafür verleiht sie einmal im Jahr den gleichnamigen Mediapreises in Höhe von 5.000 Euro für eine wissenschaftliche Arbeit im deutschsprachigen Raum. Der erstmals ausgelobte Hans Bausch Media-Sonderpreis des SWR ist mit einem Preisgeld von 1.000 Euro dotiert. Bei der Verleihung des Preises kooperiert der SWR eng mit dem Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen.