Seit Ende Juli werden am Tübinger Hauptbahnhof die Aufzüge ausgetauscht. Mehrere Gleise sind derzeit nur über einen deutlich längeren Ersatzweg erreichbar - mit Steigungen, Unebenheiten und viel Verkehrslärm. Die Ausweichroute muss die Bahn einrichten - denn seit 2022 fordert das Personenbeförderungsgesetz eine vollständige Barrierefreiheit bei Bus und Bahn. Für Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator macht das den Bahnhof zu einer echten Herausforderung.
Aufzüge außer Betrieb, schwer erreichbare Gleise
Der Ersatzweg zu den Gleisen 2,3 und 12 führt aus der Bahnhofshalle nach draußen, einmal um den Bahnhof durch eine Unterführung. Anschließend geht es entlang der B 28 und durch eine weitere Unterführung. "Ich brauche bestimmt fünf bis zehn Minuten länger", überschlägt Romina Hipp. Sie ist mit ihrem elektrischen Rollstuhl am Bahnhof unterwegs.
Wegen guter Kontakte zum Bahnpersonal habe sie schon länger von dem Umbau gewusst. Sie vermutet allerdings, dass viele Menschen mit Gehbeeinträchtigung davon überrascht worden sind. Zwar hingen bereits vor einer Woche Hinweisschilder an den Aufzügen, die über den Umbau informierten. "Gelesen wird das eher nicht", meint Hipp.
Palmer bedauert auf Facebook die Umwege, die nun nötig sind
Tübingens OB Boris Palmer schreibt auf Facebook: "Die Aufzüge im Tübinger Bahnhof zu erkämpfen war 2010 schon schwer genug. Der Bahn war das alles zu teuer und die Stadt musste mit finanzieren."
Er habe damals durchgesetzt, Rampen an Gleis 5 und 6 zu bauen. Das sei an den Gleisen 1 bis 3 nicht möglich gewesen. "Ergebnis: Wenn der Aufzug kaputt ist, müssen Behinderte über Treppen getragen werden", so Palmer. Oder sie haben Umwege, wenn die Aufzüge nach 15 Jahren getauscht werden.
Zehn Minuten Umweg - steil, hubbelig, laut
Die Strecke sei uneben und an der B28 zur Hauptverkehrszeit laut. "Teilweise geht es richtig den Berg runter und richtig steil hoch", stellt Hipp fest. Für sie im E‑Rollstuhl sei das weniger ein Problem. Anders sei das für von Hand bewegte Rollstühle oder Menschen mit Rollator - für sie sei die Strecke "sehr, sehr schwer". Insgesamt sei es "echt ein Stück von Gleis 1 auf 5, 6 zu kommen". Menschen, die im Gehen eingeschränkt sind, empfiehlt sie daher, eine halbe Stunde mehr Zeit einzuplanen, um Stress zu vermeiden.
Hipp: Bahn soll Menschen mit Einschränkungen bei Planungen einbeziehen
Grundsätzlich habe sie Verständnis für den Umbau der Aufzüge durch die Bahn: "Es muss ja irgendwie auch mal erneuert werden." Gleichzeitig kritisiert sie, dass Barrierefreiheit lange von der Bahn verschlafen worden sei und dass auch bei neuen Maßnahmen nicht weit genug gedacht würde. "Sie sollen einfach Menschen mit Einschränkungen mit einbeziehen." Das sei ihrer Erfahrung nach noch nicht der Fall, sagt Hipp.
Tübingens OB Palmer kritisiert in diesem Zusammenhang die Behindertenverbände und Ihre Ziele beim barrierefreien Umbau von Bahnhöfen: "Lieber keinen Aufzug oder einen kaputten Aufzug als eine Rampe, die etwas steiler ist und immer benutzbar. So ist nach wie vor die Linie in Deutschland" moniert Palmer. "Solange die Vertretung der Behinderten den Kurs in dieser Sache nicht ändert, wird die Politik es auch nicht tun. Klagen über die Probleme bringen alle nichts. Das ist im System Aufzug nicht vermeidbar."
Deutsche Bahn: "Leider keine Alternative am Hauptbahnhof möglich."
Ende des Jahres will die Bahn die Aufzüge erneuert haben. Bis dahin müssen sich Reisende mit Einschränkungen auf einen Umweg einstellen. Dafür rät Romina Hipp Menschen mit Gehbeeinträchtigung, mehr Zeit einzuplanen und sich im Zweifel Hilfe zu organisieren. Langfristig hofft sie auf einen Bahnhof, in dem sie spontan und ohne Unterstützung Züge nutzen kann.
Die Aufzüge im Tübinger Bahnhof müssten aufgrund des Alters und Verschleiß ausgetauscht werden, so ein Sprecher der Deutschen Bahn AG. Leider seien keine Alternativen am Hauptbahnhof möglich. Der ausgeschilderte Umweg sei trotz der Umstände für mobilitätseingeschränkte Reisende der schnellste und unkomplizierteste Weg, heißt es in einer kurzen E-Mail.