Wochenrückblick Stuttgart

Region Stuttgart: Wo können Menschen mit Behinderung am Leben teilnehmen - und wo nicht?

Menschen mit Behinderungen nehmen am Leben teil: Sie arbeiten, sie feiern, sie lieben. Aber auch in der Region Stuttgart werden ihnen an manchen Stellen Steine in den Weg gelegt.

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Stand

Von Autor/in Maxim Flößer

Inklusion, Barrierefreiheit, Teilhabe: Für Menschen mit Behinderungen sind diese Worte nicht nur politisches Wunschdenken, sondern überlebenswichtig. Das zeigte diese Woche eine Studie der Unicef: Menschen mit Behinderungen leben deutlich kürzer als Menschen ohne Behinderungen. Dabei wollen sie so wie alle am Leben teilnehmen, ohne von der Gesellschaft behindert zu werden. In der Region Stuttgart klappt das an vielen Orten auch schon sehr gut - an anderen Stellen aber nicht.

Hi, ich bin Maxim Flößer, Redakteur im Studio Stuttgart. Und in diesem Wochenrückblick möchte ich euch zeigen, wie wir diese Woche über das Leben von Menschen mit Behinderungen berichtet haben.

Ich persönlich finde es sehr wichtig, dass wir als Gesellschaft und auch als Medien viel mit und über die Belange von Menschen mit Behinderungen sprechen. Während meiner Zeit am Gymnasium war ich Teil einer Arbeitsgemeinschaft, die ein Mal pro Woche mit anderen Schülerinnen und Schülern einer Förderschule gemeinsam gekocht hat. Eine Erfahrung, die ich wirklich allen ans Herz legen kann. Denn es braucht mehr Kontakt, schließlich bilden Menschen mit Behinderung einen großen Teil unserer Bevölkerung. Rund 950.000 Menschen in Baden-Württemberg haben laut Statistischem Landesamt eine Behinderung oder sind pflegebedürftig.

Eine Ausbildung wie jede andere: Das Gästehaus "Insel" in Waiblingen

Häufig ist es ja so, dass Menschen mit Behinderungen in Werkstätten arbeiten. Dort stellen sie Produkte für die Industrie her oder übernehmen andere Aufgaben, die sich nach ihrem Grad und der Art der Behinderung bewältigen lassen. In ganz Deutschland gibt es rund 3.000 solcher Werkstätten. Doch an dem Werkstätten-System gibt es große Kritik. Diese hat das inklusive Magazin "andererseits" recherchiert. Ein Punkt: Menschen mit Behinderungen verharren in den Werkstätten, ohne das der Sprung auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt gelingt.

In Waiblingen im Rems-Murr-Kreis läuft es anders: Hier können Menschen mit Behinderungen oder anderen Beeinträchtigungen im Gästehaus "Insel" eine IHK-zertifizierte Ausbildung machen - mit der sie sich dann auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt bewerben können. So macht das zum Beispiel auch Lukas Ebert.

Meine Kollegin Verena Neuhausen hat den 21-Jährigen in dem Selbstbedienungsrestaurant besucht. Er macht hier eine Ausbildung als Service-Kraft. Lukas Ebert hat starkes ADHS, eine sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Auch wenn ADHS in Deutschland per se nicht als Behinderung betrachtet wird, können Betroffene je nach Schweregrad einen Schwerbehindertenausweis erhalten.

Lukas Ebert arbeitet in der "Insel" an der Kasse. Besonders die Arbeit im Team mache ihm Spaß. Seiner Ausbilderin Kara Bernhardt ist es ein großes Anliegen, dass ihre Lehrlinge sich alle auf dem ersten Arbeitsmarkt integrieren können. 2024 haben das tatsächlich auch alle Azubis der Gaststätte geschafft. Und auch Lukas Ebert ist guter Dinge: Er wird auf dem Stuttgarter Frühlingsfest in einem Festzelt arbeiten. Darauf freut er sich schon.

Tanzen in der barrierefreien Disko in Freiberg am Neckar

Große Freude herrschte diese Woche auch in Freiberg am Neckar im Kreis Ludwigsburg. Dort feierten am Donnerstagmittag dutzende Menschen mit Behinderungen zu wilder Party-Musik. Das besondere: Die Party fand komplett barrierefrei in einem Club statt. "Für viele war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie überhaupt in einer Diskothek waren", erzählte Sven Koch meiner Kollegin Anna Knake, die fröhlich mitgefeiert hat.

Sven Koch ist Fachbereichsleiter der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Bietigheim und Bönnigheim im Kreis Ludwigsburg und Initiator der Party. Er hat auch dafür gesorgt, dass die Party für alle zugänglich war. Das sei gar nicht einfach gewesen. Rund 6.000 Euro hätten allein barrierefreie Transporter gekostet. Doch es habe sich gelohnt: Selbst der Club-Betreiber habe zurückgemeldet, dass er nach 40 Jahren im Geschäft eine solche Party noch nie erlebt hätte.

Menschen mit Behinderungen tanzen in einer barrierefreien Diskothek.
Menschen mit Behinderungen sind Teil unserer Gesellschaft und wollen genauso Party machen wie alle anderen. Ein besonderes Angebot in der Diskothek "Palazzo" in Freiberg am Neckar im Kreis Ludwigsburg macht das möglich. Dort feierten diese Woche dutzende Menschen mit Behinderungen barrierefrei und völlig losgelöst. Anna Knake

Ähnlich sahen das auch die Teilnehmenden: Im Gespräch mit Kollegin Anna Knake berichtete eine Frau namens Anja, wie toll es ist, einfach frei zu tanzen. Sie hatte sich ganz besonders auf die Feier gefreut. Auch Partygast Marcel freute sich über die ausgelassene Stimmung. Er findet es gut, dass vor Ort alle gleichberechtigt tanzen können. "Sowas sollte öfter stattfinden". Denn die Barrierefreiheit komme sonst viel zu kurz. Einziger Kritikpunkt: Beim nächsten Mal soll mehr Rock-Musik laufen! Und auch Kadir findet, dass solche Parties regelmäßig in weiteren Städten stattfinden sollten.

Alles Liebe mit Sehbehinderung in Stuttgart

Menschen mit Behinderungen wollen arbeiten, feiern - und sie wollen lieben. Mein Kollege Markus Frank hat für die "Landesschau" das Ehepaar Sonja und Thomas Schüßler aus Stuttgart kennengelernt. Die beiden haben eine Sehbehinderung, jeweils so, dass das Gegenüber die eigenen Defizite ausgleichen kann. Dadurch ergänzen sich die beiden.

"Wir sind so wie eins praktisch. Ich weiß was er denkt. Er weiß, was ich denke", sagt Sonja Schüßler. Kennengelernt haben sich die beiden in einer Schule für sehbehinderte Menschen. Bereits seit 25 Jahren sind die beiden nun ein Paar. Und noch immer fühle es sich so an wie am ersten Tag.

7 Tage... Liebe für Menschen mit Behinderung | SWR Doku

An alle denken: Katastrophenschutzübung mit Menschen mit Behinderungen

Denken wir an Inklusion, denkt man häufig an barrierefreie Haltestellen, Inklusionsklassen, vielleicht noch an Initiativen für Nachrichten und Filme in einfacher Sprache. Häufig vergessen: In Katastrophen-Fällen müssen Menschen mit Behinderungen genauso wie Menschen ohne Behinderungen schnell in Sicherheit gebracht werden. Die inklusive Redaktion von "andererseits" kritisiert beispielsweise, dass beim Katastrophenschutz während der Ahrtal-Flut in Rheinland-Pfalz 2021 Fehler gemacht wurden, die den Tod von 12 Menschen mit Behinderungen in einem Heim zur Folge hatten.

Damit in der Region Stuttgart genau so etwas nicht passiert, probt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) am Samstag in Stuttgart den Ernstfall mit Menschen mit Behinderungen. Sebastian Weber vom DRK-Kreisverband Stuttgart hat die Übung mit-initiiert. Im Vorfeld der Übung erzählte Weber mir am Telefon, dass es ihm sehr wichtig sei, Vorurteile abzubauen und den Umgang mit den individuellen Bedürfnissen der Menschen zu üben.

Denn gerade Menschen mit Behinderungen seien im Katastrophenfall vulnerable Gruppen. Bei der Übung werden Ehrenamtliche die Menschen aus einer Einrichtung der Diakonie Stetten e.V. evakuieren und anschließend versorgen. Mit dem Training wolle Sebastian Weber auch zu einer öffentlichen Sensibilisierung beitragen.

Stuttgart: Beauftragte sieht noch Nachholbedarf

An vielen Orten in der Region Stuttgart wird also bereits einiges getan, damit Menschen mit Behinderungen unbehindert am Leben teilnehmen können. Doch noch immer gibt es einige Baustellen. So sieht das Jennifer Langer, Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung in der Landeshauptstadt.

In einem schriftlichen Statement teilte Jennifer Langer mit, dass Menschen mit Behinderungen ihr immer wieder mitteilen, dass es zu wenig barrierefreien Wohnraum gebe. Außerdem erlebten sie Diskriminierung in Kindergärten, Schulen oder im Arbeitsleben. Darüber hinaus sind viele öffentliche Plätze nach wie vor nicht barrierefrei. Und dass, obwohl sich die Stadt Stuttgart als erste europäische Stadt überhaupt dem Ziel verschrieben hat, die Menschen mit Behinderungen zu inkludieren. Dazu wolle man für die rund 45.000 schwerbehinderten Menschen, die in Stuttgart leben, die Infrastruktur verbessern und finanzielle Unterstützung leisten. 

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Landratsamt Tübingen prüft Verkehrssicherheit Umtausch des Führerscheins: Werden Menschen mit Behinderung diskriminiert?

Rund 43 Millionen Menschen in Deutschland müssen bis 2033 ihre alten Führerscheine umtauschen. Das soll ganz einfach gehen. Doch nicht für manche Menschen mit Behinderung.

Was muss sich also noch tun? Frau Langer teilte dazu mit, dass Gebäude, der öffentliche Raum sowie Mobilitätsangebote konsequent barrierefrei gemacht werden müssen. Außerdem müssten Menschen mit Behinderungen durch Expertinnen und Experten verschiedener Fachgebiete betreut werden. Und auch der Arbeitsmarkt müsse sich verändern. Dafür sollen die Fähigkeiten der Menschen in den Vordergrund rücken und Arbeitgeber Expertise an die Hand kriegen, um eine Inklusion in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Denn Menschen mit Behinderungen müssen teilnehmen können, ohne von der Gesellschaft behindert zu werden.

Voting: Wo fehlt es eurer Meinung nach noch an Barrierefreiheit?

Voting: Wo muss Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen dringend ausgebaut werden?

Vergangene Woche wollten wir von euch wissen, was ihr von Waldorfschulen haltet. 47,5 Prozent haben geantwortet: "Vielfalt ist immer gut. Es ist wichtig, dass es diese Alternative gibt.".

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