Hallo zusammen! Ich bin Olga Henich und arbeite als Redakteurin im Studio Stuttgart. Egal wo ich hingehe, höre und sehe ich nur noch Wahlkampf. Gefühlt dreht sich in Deutschland gerade alles um die anstehende Bundestagswahl. Lohnt es sich überhaupt noch, einen Blick auf etwas anderes zu werfen? Aber hallo, sage ich da.
Während sich die großen Parteien also noch um Wählerstimmen streiten, ist die kleine Wahl in Stuttgart schon entschieden. 217 Jugendliche aus verschiedenen Stadtbezirken haben nun die Ehre, bei der Stuttgarter Kommunalpolitik mitzumischen. Motiviert, jung und vor allem parteiunabhängig. Ich möchte euch drei davon vorstellen.
- 16-Jähriger aus Stuttgart: "Politik mitzubestimmen ist ein Privileg"
- "Parteineutral ist voll demokratisch"
- Echte Gespräche besser als Social Media"
- Lucie Kapp will kostenlose Treffpunkte für Jugendliche
- Leonard Schmidt: "Social Media reicht nicht für politische Meinung"
- Nachtbusse, Azubi-Ticket und Feste: Errungenschaften des Jugensrats
- Voting: Was brennt euch auf der Seele?
- Rekord: So viele Kandidaten wie noch nie
16-Jähriger aus Stuttgart: "Politik mitzubestimmen ist ein Privileg"
Mit seinen 16 Jahren kann Bernardo Diaz mehr Erfahrungen in der Kommunalpolitik vorweisen als der Otto-Normal-Schwabe. Zwei Jahre lang hat er seinen Bezirk Stuttgart-Süd im Jugendrat vertreten. Jetzt wurde er wiedergewählt und hat große Pläne. Er möchte die Integration von ukrainischen Jugendlichen verbessern, ein "Demokratiefest" feiern und als passionierter Radfahrer "endlich mal die Situation mit den Fahrradwegen in Stuttgart in Angriff nehmen".
"Parteineutral ist voll demokratisch"
Die Stimmung vor der Bundestagswahl sieht Bernardo als angespannt und herausfordernd: "Es wirkt wie die Wahl des geringeren Übels." Sein Wunsch: "Bloß keine Extreme!" Umso mehr freut es ihn, dass der Jugendrat parteipolitisch neutral ist. "So kann jeder seine Ideen einbringen und ist nicht an ein bestimmtes Parteiprogramm gebunden."
In einer Demokratie sollte jeder die Chance haben, gehört zu werden.
"Echte Gespräche besser als Social Media"
Seine Themen für die Sitzungen sucht Bernardo nicht etwa in den sozialen Medien, sondern in Gesprächen mit anderen jungen Leuten. Über Politik informiert er sich - überraschenderweise - gern über das Radio. Am liebsten sogar beim SWR. Fernsehen nutzt er dagegen kaum.
Auf Politik ist er mir 13 durch sein ehrenamtliches Engagement in der Vesperkirche aufmerksam geworden. Dass er in den Jugendrat gewählt wurde, sieht der Schüler als Privileg und große Chance: "So kann ich Gleichgesinnte finden und die eigene Persönlichkeit stärken."
Lucie Kapp: "Ich wünsche mir kostenlose Treffpunkte für Jugendliche"
Sinnvoll findet auch Lucie Kapp ihren Sitz im Jugendrat. Sie ist zum ersten Mal dabei. Auf ihrer To-do-Liste steht, neue Räume und Plätze für Jugendliche zu schaffen. Denn wer wie sie noch kein Geld verdient, kann sich die Stuttgarter Gastro-Szene nicht leisten. Bei Regen und Kälte in Parks und auf Spielplätzen abzuhängen, mache Schülern auch wenig Spaß.
Ich möchte mich einbringen und etwas verändern.
Politik habe Lucie früher nur am Rande mitbekommen, heute möchte sie sich selbst engagieren.
Leonard Schmidt: "Social Media reicht nicht für politische Meinung"
Der Leonard Schmidt ist bereits zum zweiten Mal in den Jugendrat gewählt worden. "Ich bin jedes Mal erstaunt, wie viel man in der Kommunalpolitik machen kann", sagt der 16-Jährige. In den vergangenen zwei Jahren hat er die Interessen der Jugendlichen bei Neubauprojekten in Stuttgart-Mitte vertreten. "Wir wollen sichere und kostenlose Treffpunkte für junge Leute und fordern deshalb mehr Sportmöglichkeiten und grüne Flächen in Stuttgart."
In Zukunft will Leonard die Zusammenarbeit mit Jugendräten in den Kommunen stärken. Auch Projekte für die Erinnerungskultur sollten endlich verständlicher und attraktiver werden.
Es ist wichtig, sich laut und klar für seine Interessen einzusetzen.
Für Politik interessiert sich der Schüler schon lange. Am liebsten informiert er sich über Zeitungen. Social Media meidet er bei politischen Fragen - gerade jetzt vor der Bundestagswahl: "Kurzformate reichen nicht aus, um sich eine umfassende politische Meinung zu bilden." Dass der Jugendrat parteineutral ist, gefällt ihm. "Ich fände es unangenehm, wenn wir uns so jung schon für eine Partei entscheiden müssten", sagt Leonard.
Nachtbusse, Azubi-Ticket und Feste: Errungenschaften des Jugensrats
Wer die Durchsetzungsfähigkeit des Jugendrats nicht ernst nimmt, irrt. Laut Homepage der Stadt Stuttgart gäbe es ohne den Jugendrat in Stuttgart zum Beispiel keine Nachtbusse und auch die S-Bahnen würden am Wochenende nicht durchgehend fahren. Das Azubi-Ticket beim VVS bliebe ein Wunschdenken und die Landeshauptstadt um einige Feste ärmer.
Voting: Was brennt euch auf der Seele?
Welche politischen Themen brannten euch in der Jugend besonders unter den Fingernägeln?
In der vergangenen Woche haben wir euch gefragt, was ihr von der Leinenpflicht für Hunde haltet. Die meisten Stimmen (36,2 Prozent) bekam die Antwort: "Regeln sind gut, aber bitte mit Augenmaß. Innerorts sollen Hunde an die Leine, außerhalb frei laufen können." Dicht gefolgt von: "Eine Leinenpflicht sollte schlichtweg überall gelten. Frei laufen können die Tiere ja auf Hundeplätzen."
Rekord: So viele Kandidaten wie noch nie
Seit 1995 haben Jugendliche in Stuttgart das Privileg, sich aktiv in die Stadtpolitik einmischen zu können. Wer zwischen 14 und 18 Jahre alt ist, kann sich für zwei Jahre in den Jugendrat seines Stadtbezirks wählen lassen. Wer gewählt wird, hat die Chance, mit dem Oberbürgermeister und dem Gemeinderat zu debattieren und kann Anträge mit Wünschen und Forderungen stellen.
Die Aufregung um die Bundestagswahl ist diesmal offenbar auch nicht an den Jugendlichen vorbeigegangen. Noch nie haben sich in der 30-jährigen Geschichte des Jugendrats so viele Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl gestellt, teilte die Stadt Stuttgart mit. 436 Mädels und Jungs hatten Lust, in der Politik mitzumischen. 27 Prozent mehr als bei der letzten Wahl vor zwei Jahren. Ein Hoch auf die Jugend!
Und während die großen Parteien noch vor der Bundestagswahl zittern, können die Stuttgarter Jugendräte schon bald loslegen. Am 19. Februar begrüßt der Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) die 217 neuen Jugendräte im Rathaus.
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