Zwei rote Metallschenkel, Batterie-Boxen links und rechts, in der Mitte ein Motor - und dazwischen orangefarbene Kabel: Eine neue Idee muss nicht wuchtig oder kompliziert daherkommen. Noch ist dieser "AgriBoost", den Daniel Wolpert (38) und Philipp Seitz (42) im Messezelt auf dem Landwirtschaftlichen Hauptfest in Stuttgart ausgestellt haben, ein Prototyp. Das Konzept erinnert an das, was vor ein paar Jahren den Fahrradmarkt umkrempelt hat: Das Gerät ist so etwas wie die Trittunterstützung für ein Pedelec. Nur unterstützt dieses Gerät nicht das Pedale treten eines Menschen, sondern den Motor eines Traktors.
Eine S-Bahn-Fahrt, eine Idee, eine Förderung
"Bei Bosch würden an so einem Produkt 700 bis 800 Leute arbeiten", scherzt Seitz. Er hat dort gearbeitet. Nun ist er einer der drei Kompagnons des Start-ups, das sich vor rund einem Jahr entwickelt hat und nun an der Universität Hohenheim angesiedelt ist. Sein Schlüsselmoment: eine S-Bahn-Fahrt im Juli dieses Jahr. Da traf er auf seinen früheren Kommilitonen Daniel Wolpert, der gerade auf dem Weg war, um im Rathaus sein "AgriBoost"-Konzept im Rahmen des Klima-Innovationsfonds der Stadt Stuttgart vorzustellen. Purer Zufall. Sie kamen ins Gespräch über diese Idee, die Wolpert seit einem knappen Jahr vorantrieb. Ergebnis dieses Tages im Juli: Wolpert erhielt eine halbe Million Euro Förderung - und einen Mitstreiter. Der Dritte im Bunde, Simon Fuchs, beendet gerade noch seinen Master in Maschinenbau.
An diesem Montag stellen sie auf der Landwirtschaftsmesse auf dem Cannstatter Wasen ihr Konzept vor. Ein Plakat an der Wand zeigt per KI-generiertem Bild ihre Idee: An einem Kasten vorne an einem Traktor hängt ein schwarzer Kasten. "Der Traktor kann wie ein E-Bike elektrisch unterstützt werden", sagt Wolpert. Das Pedelec-Prinzip: Der "Rucksack" vorne unterstützt den Traktor bei Transportfahrten. Jeder Liter Diesel weniger Verbrauch ist bares Geld - zumal wenn man die Energie stattdessen nun kostenlos vom Stall- oder Scheunendach erhält. Und wenn der Traktor bremst - und bei den schweren angehängten Landmaschinen gibt es einiges zu bremsen, gewinnt der schwarze Block die Energie zurück. Das ist die eine Anwendungsmöglichkeit.
Elektrische Unterstützung für Traktoren und Landgeräte
Die andere zeigt der Prototyp am Messestand, den Wolpert schon zu Feldversuchen zwischen Traktor und Landmaschine gekoppelt hat. Eine Sandwich-Lösung: Hier kann der "AgriBoost" nicht nur beim Betrieb von Traktor und Maschine unterstützen, beim stationären Einsatz kann der Land- oder Forstwirt den Traktor auch abstellen, erklärt Seitz. Die angehängte Maschine, ein Häcksler oder ein Spalter, liefen dann voll elektrisch - also kein Dieselmotor im Standgas mehr über Stunden. Ein Elektromotor arbeite effizienter und ist besser zu regulieren, sagt der Entwickler. Der "AgriBoost" hat auch eine 400-Volt-Steckdose für weitere Geräte. Und: Auch wenn die Batterie leer ist, habe man kein Problem: Durch das Hybridsystem kann der Diesel wieder übernehmen.
Auf der Messe nun suchen Wolpert und Seitz Partner - Hersteller, Vertrieb, aber auch Landwirte, die den Prototyp testen. "Es gibt ja nicht den Einheitsbauern", sagt Seitz - man will Bedürfnisse abklopfen und Anwendungswünsche klären. Einen Markt für ihre Idee sehen sie auf jeden Fall: Rund 1,8 Millionen Traktoren gibt es ihrer Aussage nach alleine in Deutschland - und sie würden nur sehr allmählich modernisiert. Ihre Idee würde zumindest zu einer raschen Teil-Elektrifizierung der Traktoren und Landmaschinen beitragen - die notwendige Dreipunktaufhängung und Zapfwelle haben fast alle. Die Dieselpreise steigen stark, die Einspeisevergütung für die PV-Anlagen der Landwirte sinkt - "Diese beiden Dinge spielen uns in die Hände", sagt Seitz.
Landwirte ächzen unter Dieselkosten
Eine kleine Umfrage auf dem Landwirtschaftlichen Hauptfest bestätigt diese These: "Momentan fressen uns die Diesel-Kosten auf, ich hab das doppelte an Kosten, was ich sonst nicht habe", sagt ein Besucher dem SWR. Und ein anderer macht die Rechnung auf: "Wir geben ungefähr zwischen 150.000 und 180.000 Euro pro Jahr für Diesel aus", erklärt der Landwirt. Er erinnert sich noch an Zeiten mit 50.000 bis 60.000 Euro.
Ein dritter Besucher ergänzt, dass er deshalb offen sei für weniger Diesel und mehr erneuerbare Energien: "Es braucht halt einfach die Lösungen von der Industrie." Ob das der "AgriBoost" ist, muss sich nun in den kommenden rund drei Jahren zeigen. Seitz und Wolpert berichten, sie haben bereits erste Kontakte zu Landmaschinen-Herstellern - und nun suchten sie auch Landwirte für den Praxistest. Nächster Meilenstein nun ist auch die formale Ausgründung als Start-up.