Deutsche Jugendliche haben so schlecht in der PISA-Studie abgeschnitten wie noch nie seit Beginn der Messung vor 25 Jahren - auch in Baden-Württemberg. Große Leistungsunterschiede lassen sich vor allem auf die Herkunft zurückführen. Das hat laut Samuel Greiff, Leiter der deutschen PISA-Studie, aber nichts mit Migration zu tun, sondern mit sozio-ökonomischer Herkunft. Kinder aus privilegierten Familien schneiden demnach durchschnittlich besser ab als aus sozial schwierigen Verhältnissen.
Silke Müller war jahrelang Lehrerin und gilt als Bildungsexpertin. Sie fordert, die Verantwortung vom Elternhaus weg wieder in die Schulen zu tragen. Ein Bildungssystem müsse so aufgebaut sein, dass Chancengerechtigkeit herrsche, sagte sie im Interview mit SWR Aktuell. Das sei nur durch einen Staatsvertrag für Bildung, Digitaltage, verpflichtende Fortbildungen und "wahnsinnig viele Gelder" möglich.
Dieses Bildungssystem braucht nicht nur eine Reformation, sondern eine Revolution, damit genau diese Chancenungerechtigkeit aufgelöst wird.
Mit einer "Revolution" aus der "Bildungskatastrophe" an Schulen
Um schnell etwas zu ändern, muss laut der Bildungsexpertin erst anerkannt werden, "dass wir wirklich in einer Bildungskatastrophe angekommen sind und dass unsere Logik dieses Bildungssystems nicht mehr funktioniert. Wir arbeiten mehr oder weniger in einer Ruinenverwaltung". Es brauche eine Kehrtwende, eine ganze "Revolution", so Müller. Denn momentan gäbe es keine Antworten "auf die Herausforderungen einer von KI und Digitalisierung durchzogenen Gegenwart und schon gar nicht auf die Fragen der Zukunft".
Es geht nur, wenn wir große Schritte machen und nicht, wenn wir auf Einzelschulen schauen.
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Das "tote Pferd des Bildungsföderalismus"
Laut Müller braucht es radikale Entscheidungen und allem voran einen Staatsvertrag für Bildung, damit Bildung nicht mehr nur von den Entscheidungen der Länder abhänge. Man müsse "vom toten Pferd des Bildungsföderalismus absteigen", so die 46-Jährige. Das bedeute nicht, dass den Ländern keine Freiheiten mehr gelassen werden, sondern dass sie allen Kindern, egal "wo sie geboren sind, wo sie eingeschult sind und wenn sie vielleicht auch mal das Bundesland wechseln - gleiche Chancen auf gute Bildung ermöglichen."
Der Staatsvertrag solle national festlegen, beispielsweise welche Kompetenzen die Kinder bräuchten und welche Lehrkräftefortbildungen verpflichtend seien. Wichtig sei außerdem, die Logik über Legislaturperioden hinweg zu denken, "damit Schule der wichtigste Ort sein darf, in dem Zukunft entsteht", sagt Müller.
Social Media als Grund für schlechten PISA-Schnitt?
Vor allem die Lesefähigkeit hat laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die PISA-Studie koordiniert, in vielen Ländern nachgelassen - auch in Deutschland. Einen Grund für den Rückgang in der Lesekompetenz sieht sie in der Nutzung von sozialen Medien - auch wenn die Organisation das bislang statistisch noch nicht bewiesen hat.
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Soziale Netzwerke, KI, Messenger-Dienste und Ähnliches hätten einen wahnsinnig großen Einfluss auf Kinder und auf die Gesellschaft, so Müller. Auch hierbei müsse dringend nachgerüstet werden. Es brauche auch da mehr Fachpersonal, "Hilfe von außen", und Gelder. Die Bildungsexpertin findet eine verpflichtende Fortbildung für Lehrkräfte zwingend, sodass "wir sehr, sehr schnell fit werden für die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft." Dazu brauche es aber Entscheidungen auf nationaler Ebene.
Medienbildung als Schulfach ab Klasse 1
Müller fordert, ab Klasse 1 einen Tag in der Woche Medienbildung in der Schule zu unterrichten. Dabei soll es beispielsweise um Informatik, KI und digitale Ethik gehen. Die Frage sei doch, "wie wollen wir als Menschen eigentlich miteinander umgehen und was wollen wir Kindern beibringen in dieser Welt." Da reiche es nicht, in einzelnen Unterrichtsfächern darüber zu diskutieren.
Außerdem will Müller eine Entfrachtung der Lehrpläne sowie mehr Ausstattung für psychosoziale Betreuung - also Sozialpädagogen und Pädagogen für Beziehungsarbeit. Generell brauche es also vor allem Personal und "wahnsinnig viel Gelder", so die ehemalige Lehrerin. Ganz wichtig: Diese müssten auch entfristet wirken.