Neues Werkzeug wie KI-Brille und Co.

KI statt Spickzettel: Was können Schulen gegen Betrug in Prüfungen tun?

Nach dem schriftlichen Abitur im April wurden in Bayern Vorwürfe laut, es habe ein "Abitur mit KI" gegeben. Wie ist die Situation an Schulen in Baden-Württemberg?

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Von Autor/in Leonie Koppe

Nach dem diesjährigen schriftlichen Abitur im April hat die Präsidentin des Bayrischen Lehrerverbands, Simone Fleischmann, für die Zukunft Störsender in den Klassenräumen gefordert. Diese sollen verhindern, dass Prüflinge mit Techniken der künstlichen Intelligenz (KI) im Abitur schummeln - beispielsweise durch Zweithandys, mit denen man Chat-Bots nach Lösungen fragt. Laut einer Umfrage des Bayrischen Philologenverbandes vom Herbst 2025 wurden bereits an 85 Prozent der Schulen in dem Bundesland Betrugsversuche mit technischen Hilfsmitteln bei Prüfungen festgestellt.

Lehrerverbände in BW reagieren gelassen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg teilt diese Ansicht nicht und spricht von Alarmismus. "Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Abiturprüfungen in Baden-Württemberg ein 'Abi mit KI' gewesen sind", so der Geschäftsführer der GEW Baden-Württemberg, Matthias Schneider. Auch dem Philologenverband Baden-Württemberg sind nach eigenen Angaben nur wenige Einzelfälle bekannt. "Sollten den korrigierenden Lehrkräften dennoch stilistische Brüche oder auffällig strukturierte Passagen in den Arbeiten ins Auge fallen, wird diesen Verdachtsmomenten selbstverständlich akribisch nachgegangen", sagt die Landesvorsitzende Martina Scherer.

Verdachtsmomenten wird nachgegangen

Miriam (Name von der Redaktion geändert) erlebte einen solchen Verdachtsmoment. Es war ihre letzte schriftliche Abiprüfung im Fach Französisch, als sie sich in die erste Reihe setzen musste. An ihrem Gymnasium in Stuttgart wurde dann der Inhalt aller durchsichtigen Zipp-Beutel inspiziert, in denen Stifte und Marker mitgenommen werden dürfen. Aber besonders Miriams Brille wurde vor Beginn der Prüfung mehrfach untersucht. Der Verdacht im Raum: Miriam habe in den zwei vorherigen Abiprüfungen mit einer KI-Brille betrogen, die ihr Lösungen auf der Innenseite der Gläser anzeigt. Dieser Vorwurf konnte nicht bestätigt werden. "Ich besitze meine Brille seit über zwei Jahren und ich habe sie während der Prüfung kaum aufgesetzt", erzählt Miriam dem SWR. So explizit unter Verdacht zu stehen, mit einem KI-Tool zu betrügen, hat die 18-Jährige aufgewühlt. "Ich habe sehr viel für die Prüfungen gelernt."

KI-Experte: WLAN ausschalten bringt nichts

Damit Situationen wie die von Miriam gar nicht erst aufkommen, wird laut dem baden-württembergischen Philologenverband auch darüber nachgedacht, wie man KI-Betrug in Abiturprüfungen präventiv unterbinden kann. So könnte man unter anderem das schulische WLAN sperren. "Ohne Internetverbindung büßen viele KI-Tools spürbar an Funktionalität ein", so Martina Scherer.

Das WLAN auszuschalten, bringt laut dem KI-Experten Prof. Dr. Thomas Kessel von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Stuttgart allerdings nicht viel. Die meisten KI-Werkzeuge funktionieren zwar nur in Kombination mit einer Verbindung zu einem Smartphone - doch diese Verbindung kann auch mit mobilen Daten weiterhin bestehen.

Der Experte hat andere präventive Vorschläge: "Man könnte die Prüfung in einem Raum stattfinden lassen, der keine Mobilfunkverbindung hat." Auch mit Funkmessgeräten könnte nachgeprüft werden, ob die Prüflinge neben dem offiziell vor Beginn abgegebenen Handy noch ein Zweit- oder Drittgerät bei sich tragen.

Experte empfiehlt Stichproben, um Betrug zu vermeiden

Kessel empfiehlt in erster Linie Maßnahmen mit weniger Aufwand: "Ich würde mich einerseits auf die Zusicherung der Abiturienten verlassen, gleichzeitig aber auch Stichproben vornehmen." Dann würde man die Schüler nach dem Zufallsprinzip auswählen und überprüfen, ob ihre Geräte ausgeschaltet sind oder ob sie funken. "Es ist für alle Schüler klar, dass auch für sie eine Überprüfung kommen kann." Den Schülerinnern und Schülern sei bewusst, dass ein Täuschungsversuch Konsequenzen nach sich ziehe. Störsender und Funkscanner hält Kessel für die letzte Option.

Schule in Ettlingen setzt Funkscanner ein

Tatsächlich hat die Wilhelm-Röpke-Schule in Ettlingen dieses Jahr bereits Frequenzscanner eingesetzt. Schüler Mattin Osman Abdal berichtet dem SWR von Funkscannern während der Abiturprüfungen, die den Raum auf Bluetooth, WLAN und Funkverbindungen geprüft haben. "Da wurde bei uns dieses Jahr nichts gefunden, aber das war auf jeden Fall eine ganz neue Sache, dass auf einmal geprüft wurde, ob die Handys wirklich im Flugmodus waren oder nicht in den Hosentaschen", erzählt der 19-Jährige, der auch im Vorstand des Landesschülerbeirats (LSBR) Baden-Württemberg ist.

Die Schule meint dazu auf SWR-Anfrage: "Es ist im vergangenen Schuljahr mehrfach vorgekommen, dass in den Klassenarbeiten mit KI betrogen wurde. Um sicherzustellen, dass dies während des Abiturs nicht der Fall sein wird, haben wir ein Frequenzortungsgerät angeschafft, das erkennen kann, ob im Raum jemand online ist." Die Prüflinge seien auf den Einsatz des Gerätes hingewiesen worden, "damit niemand auf die Idee kommt, das Abi wegen eines Täuschungsversuches aufs Spiel zu setzen".

Schülerbeirat wünscht sich Fokus auf Nutzen der KI

Der LSBR wünscht sich, dass der Fokus bei der KI nicht so sehr auf dem Aspekt der Täuschung liege. Er fordert einen allgemein offeneren Umgang mit der Technik. "Es sollte halt nicht vorrangig sein: Bei den Prüfungen darf man damit nicht schummeln“, sagt Vorstandsmitglied des LSBR, Johannes Stahl.

Schulen sollten nach Ansicht des LSBR mehr Vorbereitungen im Umgang von KI anbieten, anstatt das Werkzeug zu verbieten und klein zu halten. "Schülern muss beigebracht werden, KI richtig zu benutzen."

Neue Aufgaben- und Prüfungsformate auf dem Weg

Laut GEW-Geschäftsführer Schneider wird an Schulen und im Kultusministerium bereits daran gearbeitet, KI in Unterricht und Prüfungen zu integrieren. "Der zunehmende Einsatz von KI erfordert eine Neugestaltung von Aufgaben- und Prüfungsformaten. Statt nur das Endergebnis zu bewerten, sollten verstärkt Lernprozesse, Problemlösungsstrategien und Reflexionsfähigkeit in den Fokus rücken", so Schneider.

Mit Blick auf die derzeit laufenden mündlichen Abiprüfungen (29.6. bis 9.7.2026) sagt Schneider: "Hier kann der Missbrauch durch KI minimiert werden - zum Beispiel durch Fragenmit Fokus auf die persönliche Einschätzung, Bewertung und Reflexion."

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