Schutz vor Abschiebungen gegen sexuelle Handlungen, so habe das Angebot eines mit der Registrierung von Asylbewerbern betrauten Mitarbeiters in einer Unterkunft in Heidelberg wohl gelautet. Mindestens eine Frau habe sich von dem Mann so bedrängt gefühlt, dass sie ihn mit der Hand befriedigt habe. Danach habe sie ihn bei der Polizei angezeigt. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Heidelberg wegen sexueller Nötigung gegen den Mann und gibt bekannt: Der Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Karlsruhe sei bereits im Vorjahr wegen eines ähnlich gelagerten Falls angezeigt worden. Das Regierungspräsidium Karlsruhe leitet das Ankunftszentrum in Heidelberg.
Sechs weitere Asylbewerberinnen hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg inzwischen identifiziert. Sie alle hätten in einem Zeitraum zwischen März und Mai 2026 mit dem Mann zu tun gehabt und von ähnlichen Situationen berichtet. Sie seien auf die Forderungen des Mitarbeiters aber nicht eingegangen.
Weitere Fälle sexueller Belästigung?
Aufgrund der aktuellen Verdachtsfälle nimmt die Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen aus dem Vorjahr wieder auf. Bereits im Mai 2025 hatte eine Asylbewerberin den Mann wegen eines ähnlichen Tatvorwurfs angezeigt. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hatte die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt. Nun geht sie auch diesen Vorwürfen nach. Der Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Karlsruhe ist vorerst freigestellt.
Sollten die gegen den Mann erhobenen Vorwürfe stimmen, dann geht Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez, Beauftragte für Flucht, Migration und Integration der Evangelischen Landeskirche in Baden, davon aus, dass noch mehr Frauen betroffen sind. "Die anderen Frauen, haben ja erst auf aktives Nachfragen davon erst erzählt. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass davon noch viel mehr Frauen betroffen sind."
Machtgefälle begünstigt Missbrauch
Pfarrerin Zweygart-Pérez steht in ständigem Kontakt mit Asylbewerbern, die im Ankunftszentrum in Heidelberg untergebracht sind. Der Druck auf die Menschen sei immens, insbesondere seit der Bundestagswahl: "Die Menschen spüren ja, dass sich die politische Situation in Europa und auch in Deutschland sehr geändert hat. Sie schlafen alle schlecht. Die Angst vor einer möglichen Abschiebung macht die Menschen auch krank." Daher mache sie der Vorwurf gegen den Mitarbeiter so fassungslos, sagt die Pfarrerin: "Dass jemand seine Macht so missbraucht und die Situation von einer absoluten Vulnerabilität so ausnutzt, das ist einfach so bodenlos fies und gemein."
Gerade Frauen auf der Flucht seien besonders vulnerabel, sagt auch Lara Böllhoff, stellvertretende Leiterin der Geschäftsstelle des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg. Auf der Flucht würden viele vergewaltigt oder sexuell belästigt. Das Flüchtlingswerk UNHCR schätzt, dass 90 Prozent aller Frauen und Mädchen auf der Mittelmeerroute solche Erlebnisse haben. Aber auch die Flüchtlingsunterkünfte seien unsicher, so Böllhoff: "Es ist ein extremes Machtgefälle, das sind nicht nur die Mitarbeitenden vom Regierungspräsidium, sondern auch die von der Betreuung oder vom Sicherheitsdienst. Wir könnten uns schon auch vorstellen, dass da wesentlich häufiger Dinge passieren, die einfach nicht zur Anzeige gebracht werden."
Straftaten nicht auszuschließen
Tatsächlich habe es in der Unterkunft in Heidelberg bereits vor ein paar Jahren weitere Fälle sexueller Belästigung gegeben, wie mehrere Quellen unabhängig voneinander bestätigen. Damals ging die Belästigung wohl von Angestellten einer Sicherheitsfirma aus, die in der Unterkunft tätig waren. Daher fordert der Flüchtlingsrat ein Ende der Unterbringung in Sammelunterkünften.
Klaus Danner, Ombudsmann für Flüchtlingsaufnahme, hält das für nicht praktikabel. "Die Betreuung muss ja vor Ort sein." Anders lasse sich das von den Kommunen nicht stemmen. Er will die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten und das Gewaltschutzskonzept der Unterkunft anschließend prüfen und anpassen, sollte es Lücken haben. Aber er sagt auch: "Bei der Vielzahl der Menschen, die dort sind, sind eben bedauerlicherweise nicht alle solche Straftaten zu verhindern."