Die Bundesregierung will die telefonische Krankschreibung abschaffen. Außerdem soll ein Arzt-Attest künftig ab dem ersten Krankheitstag Pflicht werden. Offen ist, ob es dafür Ausnahmeregeln zum Beispiel in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen geben soll. Noch sind das nur Pläne und kein Gesetz.
Einige Ärzte befürchten Mehrbelastung
Stefan Reschke, Facharzt für Allgemeinmedizin mit Hausarztpraxen in Walldorf und Reilingen (beides Rhein-Neckar-Kreis), sieht für die Hausärzte ein "Riesenproblem". Er hält die geplante Neuregelung für "nicht machbar".
Wenn alle Patienten ab dem ersten Tag eine Krankschreibung brauchen und zu uns in die Praxis kommen, werden wir komplett überlaufen sein.
Er befürchte auch, dass die Aggressionen der Patienten noch mehr zunehmen, wenn sie ihnen keinen Termin geben könnten. "Das ist jetzt schon ein großes Problem", sagt er.
Oliver Ahrens, Internist mit Hausarztpraxis in Ladenburg (Rhein-Neckar-Kreis), hält ebenfalls nichts von den Plänen: "Ich glaube, dass uns das nicht weiterbringt. Und es wird sehr viel voller werden."
Johann Pohl, Facharzt für Allgemeinmedizin in Mannheim, stört vor allem das fehlende Vertrauen in die Arzt-Patienten-Beziehung, die in den Plänen zum Ausdruck komme. Denn schon jetzt könne der Arbeitgeber ja eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits am ersten Krankheitstag verlangen. Jetzt werde allen Arbeitnehmern pauschal misstraut.
Kritik auch von der Kassenärztlichen Vereinigung
Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hat in einer Pressemeldung die Reformvorschläge scharf kritisiert. Sie rechnet mit etwa drei Millionen zusätzlichen Arztbesuchen im Jahr in Baden-Württemberg. Doch schon jetzt gebe es Versorgungslücken.
Ärztin aus Wiesloch hält geplante Regelung für machbar
Anders sieht das Rita Bangert-Semb, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Geschäftsführerin des Hausarzt-Zentrums Wiesloch (Rhein-Neckar-Kreis) mit fünf weiteren Standorten.
Wir sind überzeugt, dass wir das hinkriegen.
Ihre Praxen arbeiteten jetzt schon mit Videosprechstunden. Und Ärzte könnten Patienten auch rückwirkend krankschreiben.
Die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung sehe sie kritisch. "Nehmen wir doch erstmal die Hysterie aus der Diskussion. Die ist ja nicht beendet." Man müsse "unaufgeregt" darüber nachdenken, was der richtige Weg zur Krankmeldung sei.
Unternehmerverband begrüßt Pläne
Der Dachverband der Unternehmer in Baden-Württemberg (UBW) begrüßt die Pläne der Bundesregierung: "Wir brauchen in allen Teilen der Bevölkerung wieder eine positivere Einstellung zu Arbeit und Leistung."
Die Pläne seien ein "klares Signal an diejenigen, die zu Lasten der Unternehmen und ihrer Kolleginnen und Kollegen das ursprünglich und während Corona gut gemeinte System zum Erhalt einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausnutzen." Zur konkreten Umsetzung macht der Verband in seiner schriftlichen Stellungnahme keine Aussagen.
Gewerkschaften: "Das bringt uns keinen Schritt weiter"
Die Gewerkschaft ver.di glaubt, dass Ärzte Arbeitnehmer nicht nur für einen einzigen Tag krankschreiben werden und Beschäftigte dann womöglich noch länger zu Hause bleiben würden.
Die vorgeschlagene Regelung ist ein klassisches Eigentor: Statt weniger Krankmeldungen wird es mehr und vor allem längere geben. Ärztinnen und Ärzte werden sich künftig um jeden Schnupfen kümmern müssen.
Thomas Hahl, Geschäftsführer der IG Metall Mannheim, der gerade mit rund 70 Gewerkschaftern aus Elektro- und Metallbetrieben der Region die kommende Tarifrunde vorbereitet, spricht von einer "massiven Empörung". Das alles gehe "völlig an der Realität in den Betrieben vorbei". Diese hätten ganz andere Probleme.