Vor 119 Jahren hatte ein Arbeiter in einer Sandgrube in Mauer (Rhein-Neckar-Kreis) einen 600.000 Jahre alten menschlichen Unterkiefer gefunden. Wie sich herausstellte eine wissenschaftliche Sensation. Der nahezu vollständig erhalten Unterkiefer, gehörte einem Vorfahren des Neandertalers.
Jetzt möchte die Gemeinde, in der der sogenannte "Homo heidelbergensis“ gefunden wurde, einen Namenszusatz auf sein Ortsschild schreiben - und damit auf den historischen Fund hinweisen. Davon verspricht sich die Gemeinde mehr Aufmerksamkeit und Besucher, denn auch ein neues Museum für den berühmtesten Unterkiefer der Republik ist geplant.
Interesse am Fundort hat nachgelassen
Der Ruhm der kleinen Gemeinde ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verblasst. Immer weniger Schulklassen aus der Region besuchen die kleine, aber liebevoll gemachte Ausstellung im Rathaus. Und auch generell hat das Interesse nachgelassen. Jetzt hofft man in Mauer, dass der passende Namenszusatz gleich mehrfach neuen Schwung für die Gemeinde bringen könnte.
Große Resonanz in der Bevölkerung
Bürgermeister Heiko Braun (SPD), selbst in Mauer geboren, hatte den "Findungs-Prozess" für den Namenszusatz angestoßen und ist begeistert. Exakt 164 Vorschläge kamen aus der Bevölkerung, darunter "Urzeitdorf", "Urmenschgemeinde" oder auch "Gemeinde mit Biss". Für ihn ist das ein Zeichen, wie sehr sich die Bürger mit ihrer Gemeinde identifizieren. Als Favorit herauskristallisiert hat sich allerdings der Namenszusatz "Urmenschfundort". Ob er wirklich das Rennen macht, wird der Gemeinderat von Mauer am Mittwochabend beschließen. Anschließend muss der Namenszusatz aber auch noch vom Innenministerium genehmigt werden.
Was bringt ein Namenszusatz?
Marketing Experten und Psychologen sehen solche Prozesse ebenfalls überaus positiv, weil sie zeigen, dass Bürger sich konstruktiv mit dem Selbstverständnis ihrer Gemeinde auseinandersetzen, was heute seltener wird.
Namenszusatz als kostenlose Werbung
Marketing-Experten sehen in den Ergänzungen zum Ortsnamen ein kostenloses und dauerhaftes Instrument für das Stadtmarketing. Vor allem im touristischen Bereich können die entsprechenden Namenszusätze Interesse wecken.
Viele Städte haben Namenszusätze
Typisch sind bislang Zusätze wie "Universitätsstadt" oder "Kurort". In der Rhein-Neckar-Region zum Beispiel hat neben Heidelberg und Mannheim auch Eberbach einen Namenszusatz – dort nennt man sich "Erholungsort". Neidenstein darf sich "Burgdorf“ nennen und Schönau den Titel "Klosterstadt" tragen. In der gesetzlichen Richtlinie heißt es, "die Namenszusätze sollen auf eine historische oder kulturelle Besonderheit hinweisen".
Neues Museum geplant
Eine weitere große Bedeutung könnte der neue Nameszusatz für Mauer auch deshalb haben, weil es möglicherweise noch in diesem Jahr den ersten symbolischen Spatenstich für ein neues Museum geben soll. Dank einer anonymen Spende über zwei Millionen Euro und weiterer Finanzmittel von Bund, Land und Gemeinde, soll bis 2028 endlich ein eigenes Museumsgebäude entstehen, in dem eine Nachbildung des berühmten Unterkiefers, aber auch viele originale, prähistorische Stücke aus der Zeit des "Homo heidelbergensis" modern präsentiert werden sollen. Bürgermeister Heiko Braun rechnet damit, dass er letztlich sechs neue Ortsschilder mit dem Namenszusatz in Auftrag geben wird. Bis sie endgültig stehen, wird es aber wohl noch dauern. Das Genehmigungsverfahren beim Innenministerium könnte sich noch gut ein halbes Jahr hinziehen.