Rhein-Neckar-Zeitung feiert 80. Geburtstag

Interview mit RNZ-Chefredakteur Klaus Welzel: "Ohne Zeitung keine Demokratie"

Als deutschlandweit dritte Zeitung nach dem Krieg wurde die Rhein-Neckar-Zeitung 1945 zugelassen. Im Interview erklärt Chefredakteur Welzel, vor welchen Aufgaben das Blatt heute steht.

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Stand

Die erste Ausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) ist am 5. September 1945 erschienen. Sie umfasste vier Seiten, kostete 20 Pfennig und wurde unter anderem vom späteren Bundespräsident Theodor Heuss herausgegeben. 80 Jahre später erscheint die RNZ auch weiterhin im Heidelberger Raum, dem Odenwald und dem Kraichgau mit einer Auflage von etwa 65.000 Ausgaben. Klaus Welzel leitet die Redaktion, die 90 Journalistinnen und Journalisten umfasst. Im Interview spricht er darüber, was die RNZ ausmacht und welche Rolle ihr demokratischer Auftrag heute noch spielt.

Klaus Welzel
Klaus Welzel, Chefredakteur bei der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ)

SWR Aktuell: Lokale Tageszeitungen stecken in der Krise. Sie können in Ihrem Jubiläumsjahr aber erstmals seit langem wieder eine steigende Auflage vermelden. Was ist Ihr Geheimnis?

Klaus Welzel: Wir haben seit einem Jahr ein deutliches Auflagenplus, seitdem wir unser E-Paper massiv bewerben. Das Geheimnis ist, dass wir es wirklich gut machen. Aber das allein reicht nicht. Wir sind hier ehrlicherweise in einer guten Struktur. Also Heidelberg und das Umland sind wohlhabend und die Menschen haben einen hohen Bildungsgrad. Außerdem interessieren sie sich für nachhaltige und wahre Nachrichten und sind bereit, dafür ein bisschen was auszugeben. Wir profitieren von dieser Mischung.

SWR Aktuell: Wie bleibt die Rhein-Neckar-Zeitung zukunftsfähig?

Welzel: Die Zukunft ist auch für uns ganz klar im Netz, hier testen wir ständig neue Modelle. Natürlich machen wir auch sehr viele Podcasts - unsere Sportpodcasts kommen zum Beispiel sehr gut an. Und bei der Zeitung, die das Standbein bleibt, setzen wir absolut auf Qualität. Wir begreifen uns als eine Zeitung, die beides selbst bietet, also den Mantel und das Lokale. Wir haben eine eigene Politik- und Wirtschaftsredaktion. Weil der Inhalt dann eine eigene Handschrift trägt und weil nicht der Effekt entsteht, dass man sagt, das habe ich doch am Tag davor schon im Internet gelesen.

SWR Aktuell: Und wie lange werden wir noch eine gedruckte Zeitung kaufen können?

Welzel: Die Branchenerwartung war bis vor kurzem 2034. Es hieß, danach wird es so gut wie keine gedruckte Zeitung mehr geben. Diese Erwartung ist aber gerade revidiert worden, weil die Rückgänge doch nicht so dramatisch sind. Sie gingen eine Weile stark zurück - das hat ein bisschen nachgelassen. Die meisten Zeitungen werden von Großverlagen herausgegeben und die haben jetzt entschieden, sie kippen dieses Enddatum. Sie sagen, man kann kein Datum nennen und so würde ich es auch sehenIn den USA gab es auch ein Massensterben der Lokalzeitungen - und dann kommen Jeff Bezos und ein anderer Milliardär und kaufen plötzlich 200 Zeitungstitel und bringen die neu heraus. Das war unvorhersehbar.

SWR Aktuell: Als die Zeitung vor 80 Jahren gegründet wurde, diente sie auch zur Demokratiebildung in der Nachkriegsgesellschaft. Welche Rolle spielt sie heute in Bezug auf unser demokratisches System?

Welzel: In den Vereinigten Staaten wird da, wo nur Social Media regiert, Trump gewählt. Die Leute interessieren sich dort nicht für Politik. Wir haben diese Entwicklung auch in Deutschland. In den Bundesländern, in denen die AfD sehr stark ist, sind auch die Zeitungen auf dem Rückmarsch. Obwohl die Auflagen bei den Tageszeitungen zurückgehen, bilden sie trotzdem noch die größte Informationsgemeinschaft in einem Ort, also inklusive des Onlineauftrittes. Und das ist ein wichtiger Beitrag zur Demokratiebildung, weil wir der Funktion als vierte Gewalt nachkommen. Wenn sie keine Lokalzeitungen mehr haben, die über Gemeinderatssitzungen berichtet, dann fragt auch niemand danach, ob eine Entscheidung richtig ist. Das ist unsere Stärke. Insofern, ohne Zeitung - keine Demokratie.

SWR Aktuell: Sie selbst arbeiten seit fast 40 Jahren für die RNZ. Was war für Sie das prägendste Erlebnis?

Welzel: Dass wir von Zeit zu Zeit immer wieder ein Statement abgegeben haben. Wir hatten in den 90er Jahren schon eine starke Problematik mit Ausländerhass. Da haben wir dann auch mal eine Sonderausgabe herausgebracht und uns deutlich positioniert. Und das machen wir auch heute noch mit anderen Themen immer wieder. Die Zeitung zeigt Haltung. Es gibt gewisse Grundwerte, für die stehen wir und setzen uns als gesamte Redaktion und Verlag ein. Das ist etwas, was mich am Anfang beeindruckt hat und was ich heute immer noch sehr gut finde.

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Vuk Dajović
Vuk Dajović
Susanne Beßler
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