Behutsam setzt er die Kippa auf, bevor er vorsichtig die große Holztür öffnet und die Synagoge betritt: Roman tut es aus Respekt. Der 19-Jährige ist gläubig, wenn auch nicht streng. Er besucht den jüdischen Religionsunterricht hier in der Stuttgarter Gemeinde. Die Synagoge ist gelegentlich seine Kraftquelle: "Die Energie, die sie ausstrahlt, ist einfach der Hammer." Gerade wenn man mit diesem Ort eine Verbundenheit spüre, sei es besonders, die Energie aufzunehmen und zu spüren, erzählt der 19-Jährige.
Und diese Energie kann Roman brauchen: Er ist einer der Sänger in der rund 40-köpfigen Gruppe HaLev (hebräisch für "Das Herz"), die aus dem Stuttgarter Jugendzentrum heraus am Jewrovision-Wettbewerb teilnimmt. Vor zwei Jahren haben sie sogar in mehreren Kategorien gewonnen. Nun findet die Großveranstaltung in ihrer Heimatstadt statt.
1.200 Jugendliche aus ganz Deutschland angereist
Von Hamburg bis München, von Aachen bis Berlin - aus vielen Teilen Deutschlands sind Jugendgruppen nach Stuttgart gekommen, mit insgesamt 1.200 Kindern und Jugendlichen. Ihr Ziel: mit dem besten Gesang, der besten Tanz-Choreografie oder dem besten Video zu überzeugen. Eine hochkarätige Jury aus bekannten deutschen Fernseh-Persönlichkeiten bewertet die Auftritte, für die monatelang geprobt wurde.
"Wir haben ein halbes Jahr trainiert", sagt Sängerin Sofia. Wie viele hier war sie beim Sieg 2024 dabei. Ein Schockmoment sei das gewesen, im positiven Sinne. Die 16-Jährige habe es kaum glauben können. Aber auch wer nicht gewinnt, freue sich mit den anderen: "Die Atmosphäre ist allgemein einfach toll", schwärmt Sofia.
Jüdischer Musikwettbewerb soll ein Zeichen der Hoffnung sein
Genau darum geht es den Teilnehmenden, aber auch den Organisatoren vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Das Motto des diesjährigen Wettbewerbs ist "Voices of Hope". Ein Zeichen der Hoffnung soll von den Teilnehmenden im Alter zwischen 14 und 19 Jahren ausgehen. Es geht darum, lebendiges jüdisches Leben zu zeigen - gerade in Zeiten, in denen sonst kritische oder unschöne Themen gerade auch im Zusammenhang mit der Situation in Israel und im Nahen Osten im Fokus stehen.
An diesem Tag geht es nicht um Politik und es geht nicht um Hass.
"Denn an diesem Tag geht es nicht um Politik und es geht nicht um Hass", sagt Teilnehmer Roman aus Stuttgart, "sondern es geht darum, wenige Tage im Jahr kurz stolz darauf zu sein, jüdisch zu sein und mit anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen genau das zu feiern und sich einfach einmal im Jahr nicht zu schämen oder Angst zu haben, jüdisch zu sein. Da geht es nicht um Israel und da geht es nicht unbedingt um Politik, es geht um die Gemeinschaft und es geht ums jüdische Leben in Deutschland."
Politik soll Jewrovision und ESC nicht überschatten
Wie Roman findet auch der Leiter des Jugendzentrums HaLev, dass das Politische nicht die Jewrovision, aber auch nicht den Eurovision Song Contest überschatten sollte: Boykottaufrufe gegen Israel findet Igal Shamailov "sehr schade, weil ich persönlich finde: Das Ganze ist ja was Schönes, was Tolles. Das ist ein Wettbewerb, ein Gesangs- und Tanzwettbewerb. Und es soll doch eher was Positives sein." Den Contest zu politisieren, werde den Leuten nicht gerecht, die sich so lange darauf vorbereiten - wie auch bei der jüdischen Variante des Wettbewerbs.
Für Roman ist es die letzte Teilnahme: Er hat mit 19 das Höchstalter erreicht. Viele Erinnerungen sind für ihn damit verbunden: "Die Jewrovision wird für immer in meinem Herzen sein, immer ein Teil von mir sein. Hier konnte ich meiner musikalischen Kreativität so ein bisschen freien Lauf lassen." Schon seit er klein war, habe er auf der Bühne stehen wollen - "und die Jewrovision hat mir diese Bühne gegeben", sagt der Stuttgarter, der dafür viel Dankbarkeit empfindet. Und der inzwischen auch Zugang zum Glauben gefunden hat.