Es ist 14:30 Uhr in Prag, Venisa Kadi hat den Airbus A220 heute bereits das dritte Mal sicher gelandet. Feierabend für heute, gleich geht es ins Hotel. Fliegen ist für die 26-Jährige das Größte. Die Winde, die man spürt, die Welt von oben zu sehen, tagsüber über die Alpen zu fliegen oder nachts den klaren Sternenhimmel zu sehen, schwärmt sie. Schon als Kind habe sie bei Flügen zur kanadischen Verwandtschaft über diese ganze Flughafen-Welt gestaunt. Ihr Wunsch, Pilotin zu werden, kam aber erst viel später. Vielleicht auch, weil es so gut wie keine weiblichen Vorbilder dafür gab.
Nur sieben Prozent Frauen
Unternehmen wie die Lufthansa-Group, zu der auch SWISS, Eurowings oder Austrian gehören, versuchen, den Beruf flexibler zu machen. So gibt es Teilzeitmodelle für Pilotinnen und Piloten, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Doch auch heute noch sind Frauen im Cockpit eine Minderheit. In Deutschland liegt der Anteil bei etwa sieben Prozent.
Venisa Kadi will daran etwas ändern: "Wir können das mindestens genauso gut!" Auch ihr Schweizer Arbeitgeber will mehr Frauen für den Beruf begeistern.
Karrierestart auf der Kurzstrecke
Die Uniform trägt Venisa Kadi mit Stolz. Wie alle am Anfang der Karriere ist die 26-Jährige auf der Kurzstrecke unterwegs, also Flüge bis etwa 1.500 Kilometer Entfernung. Besonders die Starts machen ihr Spaß, das lange Sitzen dagegen weniger: "Ich bin ein Mensch, der sich gerne bewegt", sagt sie. Schon als Teenager spielte sie einige Jahre Basketball in ihrer Heimatstadt Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall). Heute macht sie Sport im Feierabend oder an freien Tagen. Man müsse schon körperlich fit für diesen Beruf sein.
Ausbildung zur Pilotin
Etwas mehr als zwei Jahre lang hat Venisa Kadi in der Schweiz und den USA das Fliegen gelernt. Mit Theorie und Praxis, zunächst auf kleineren Maschinen. Zu den 13 Fächern in der Flugschule gehören zum Beispiel Luftrecht, Meteorologie oder Navigation. Später kommen dann die großen Flugzeuge dazu. Besonders schwer sei die Landung, sagt sie.
Wer die Grundausbildung bestanden hat, wird im Anschluss auf einen bestimmten Flugzeugtyp der Airline geschult. Bei ihr war es der Airbus A220. Ihr Arbeitgeber hat einen kurzen Image-Film mit ihr über die Zeit der Ausbildung gedreht.
Pilotin: Leidenschaft wichtiger als gute Noten
Wer Pilotin oder Pilot (ATP-Lizenz) werden will, muss durch die Auswahlverfahren (Assessment). "Checkt die Homepage, macht euch einen Lernplan und übt viel dafür", rät Venisa Kadi Interessierten. Sie selbst hat beispielsweise intensiv ihre Merkfähigkeit trainiert. Ein gutes Abitur sei weniger wichtig, dafür brauche man aber die Sprachzertifikate, Englisch mindestens B2. Vorerfahrung, wie einen Segelflugschein besitzen, ist nicht nötig - hatte Venisa Kadi auch nicht.
Das Vorurteil mit dem Autopiloten
Es gibt ein Vorurteil, über das sich die Pilotin ärgert: Wenn jemand behauptet, dass ja vor allem der Autopilot fliege. "Wir fliegen, machen die Starts und auch die Landungen - außer bei Nebel - selbst", erklärt sie. "Wir müssen das auch können, für den Fall, dass mal was ausfällt."
In ihrer Freizeit macht sie nicht nur Sport, sondern schaut auch ab und zu in ihrer Heimat Crailsheim vorbei. Hier besucht sie die Mutter, trifft Freunde und begeistert auch schon mal am Albert-Schweitzer-Gymnasium für den Job als Pilotin.