Der stilisierte Hirsch könnte an einen norddeutschen Kräuterlikör erinnern - wäre da nicht das Hakenkreuz zwischen den Enden seines Geweihs. In einer Art Wappen prangen Hirsch, Hakenkreuz und ein Adler als Logo oben rechts in einem Video, das dem Beschuldigten Nichita P. zugerechnet wird.
Bildgewaltig wechseln sich düstere Animationen mit realen TV-Ausschnitten ab. Das Video ist auf Rumänisch getextet und deutet verschwörerisch an, was in Zukunft alles kommen wird. Ein Umsturz. Ein Ende der Demokratie. Ein neues Rumänien, geprägt von Hass, Ausgrenzung und Feindlichkeit.
Telegram-Kanäle zeigen Weltsicht
Die Realität von Nichita P. scheint sehr viel nüchterner gewesen zu sein. Seit etwas mehr als zwei Jahren soll er unterschiedliche Telegram-Kanäle betrieben haben, in denen er für seine Weltsicht wirbt. Im realen Leben ist er nach Recherchen von SWR und ARD-Hauptstadtstudio unstetig durch Deutschland und Osteuropa gezogen.
Mal wohnt er ein paar Monate im rheinland-pfälzischen Lahnstein am Rhein, dann im benachbarten Koblenz. Es ist die Zeit, in der deutsche Sicherheitsbehörden auf ihn aufmerksam werden. Sie haben offenbar einen Tipp aus Rumänien bekommen.
Ermittlungsverfahren gegen Beschuldigten in Koblenz
Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz beginnt ein Ermittlungsverfahren. Doch Nichita P. setzt sich nach Moldau ab. Einige Monate später ist er plötzlich wieder da, arbeitet im Kreis Karlsruhe bei einer Zeitarbeitsfirma als Staplerfahrer und wohnt im beschaulichen Maulbronn (Enzkreis), dessen Kloster weltweit als UNESCO Weltkulturerbe bekannt ist.
Festnahme in Knittlingen Terrorverdacht: 22-Jähriger soll geplant haben, in Rumänien NS-Staat zu gründen
Die Polizei hat einen 22-jährigen Rumänen in Knittlingen wegen Terrorverdachts festgenommen. Der Vorwurf: Die rumänische Regierung stürzen und einen Nazi-Staat aufbauen zu wollen.
Doch von Kultur scheint Nichita P. sehr eigene Auffassungen zu haben. In einer Art Bekennervideo auf einem der Telegram-Kanäle wird eine verstörende Ideologie geschildert, die die Ermittler ihm zurechnen: Als "Einheit 731" wird die geplante Kampfgruppe beschrieben. Hauptziel: Der Sturz der Regierung in Rumänien.
In dem Video heißt es auf Rumänisch sinngemäß, Aufgabe sei "die Zerstörung der derzeitigen Strukturen des Landes und dessen Neugestaltung gemäß der Vision der Organisation". Und diese Vision, das deutet nicht nur das Hakenkreuz im Logo an, ist zutiefst nationalsozialistisch.
Kampftruppe benannt nach berüchtigter Einrichtung aus Japan?
Gänzlich neu ist der Begriff einer "Einheit 731" allerdings nicht. Ob das Nichita P. bewusst war? Historisch steht die Einheit 731 für eine geheime Forschungseinrichtung für chemische Kampfstoffe der kaiserlichen japanischen Armee in den 1930er und 40er Jahren, die für ihre Versuche und Gräueltaten berüchtigt ist.
Ähnliche Gedanken finden sich auch in dem Telegram-Video. Dort ist von einer Abteilung für "experimentelle Technik" die Rede, deren Aufgabe "die Herstellung von Sprengstoffen, giftigen Substanzen sowie potenziellen biologischen Waffen" sei.
Beschuldigter in Untersuchungshaft, Ermittlungen laufen
Für die Ermittler stellt sich die Frage, wie ernsthaft alle diese Gedanken waren. In seinem Umfeld in Maulbronn und später dann im benachbarten Örtchen Knittlingen (Enzkreis) scheint P. jedenfalls nicht besonders aufgefallen zu sein. Als ruhig und unauffällig beschreiben ihn Nachbarn. Nur den Polizeieinsatz zu seiner Festnahme, den haben alle mitbekommen.
Nichita P. sitzt inzwischen wegen des Vorwurfs der Rädelsführerschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung in Untersuchungshaft. Kommt es zu einer Anklage des Generalbundesanwalts, dürfte sie am Oberlandesgericht Koblenz erfolgen. Denkbar ist allerdings auch eine Auslieferung des Rumänen in sein Heimatland. Der Verteidiger von Nichita P. hat auf eine Anfrage bislang nicht reagiert.